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Kultur und Wissen
"Nationalstaat und Globalisierung" - das aktuelle Buch zur Krise (1)
Schöne Neue Weltordnung
Von Jürgen Elsässer

„Jetzt ist die Zeit für ökonomische Patrioten", sagte Leo Gerard, Chef der US-Stahlarbeitergewerkschaft, im Februar 2009. Dieses Zitat wählte Jürgen Elsässer als Leitmotiv für das Schlusskapitel seines neuen Buches "Nationalstaat und Globalisierung", das für jedermann verständlich die Ursachen der heutigen Finanz- und Wirtschaftskrise analysiert. Im offenen Widerspruch zum Zeitgeist, aber auch zu Teilen der Linken, weist er nach, dass Nationalstaaten keineswegs überlebt sind. Gerade in so kritischen Situationen könnten sie flexibel agieren und reagieren – ganz im Gegensatz zu den überbürokratisierten und nationales Recht einschränkenden supranationalen Gebilden. Wir veröffentlichen dieses hochaktuelle Buch in Fortsetzungen. - Die Redaktion 

Jürgen Elsässer – Journalist und Autor
Quelle: wikipedia
"Das Getöse von vierzehntausend in offener Schlachtlinie vorrückenden Kampfflugzeugen. Das Bersten der Milzbrandbomben ... klang dagegen kaum lauter als das Platzen eines aufgeblasenen Papiersacks ... Dann kam es zu dem berühmten Gemetzel in der Bibliothek des Britischen Museums. Zweitausend Kulturenthusiasten mit Dichloräthylsulfat vergast."
 
Was sich liest wie eine Beschreibung des israelischen Einmarsches in Gaza und eines potenziellen terroristischen Vergeltungsschlages ist bei Aldous Huxley der Anfang des Neunjährigen Krieges, der die Geburt der Schönen Neuen Welt – so sein Buchtitel – einläutet.
 
"Der Neunjährige Krieg, der große Wirtschaftszusammenbruch. Es gab nur die Wahl zwischen Weltaufsicht und Vernichtung ... Der Liberalismus war durch Milzbrand umgebracht.“ Die neue Ordnung brachte den Frieden: Abschaffung des Parlamentarismus und der Demokratie, Einführung der genetischen Menschenzucht, Triebnormierung durch Schlafhypnose, Luxus und Wohlstand für die herrschenden Alphas und Betas, Vollbeschäftigung und Zufriedenheit für die schuftenden Deltas und Epsilons, freie Sexualität, gefühlsechte Filme und tröstendes Soma-Ecstasy für alle. Wer alt wird, stirbt den sanften Tod – Euthanasie. "Die Welt ist jetzt im Gleichgewicht. Die Menschen sind glücklich, sie kriegen, was sie begehren, und begehren nichts, was sie nicht kriegen können. Es geht ihnen gut, sie sind geborgen, immer gesund, haben keine Angst vor dem Tod. Leidenschaft und Alter sind diesen Glücklichen unbekannt, sie sind nicht mehr mit Müttern und Vätern behaftet, haben weder Weib noch Kind noch Geliebte, für die sie die heftigen Gefühle hegen könnten, und ihre ganze Normung ist so, daß sie sich kaum anders benehmen können, als sie sollen. Und wenn wirklich einmal etwas schiefgeht, gibt es Soma." Kommt uns diese Schöne Neue Welt nicht schrecklich bekannt vor?
 
Wie alles begann
 
Nichts gegen Globalisierung. Jedenfalls nicht prinzipiell. Sie war so lange eine gute Sache, wie es den Begriff Globalisierung nicht gab: als der weltweite Austausch von Gütern, Informationen und Wissen beständig wuchs, als immer mehr Menschen in fremde Länder reisten und fremde Sprachen lernten. Vielleicht war der Höhepunkt dieser positiven Entwicklung die Landung der Apollo-Raumfähre auf dem Mond im Jahre 1968, als sich Hunderte Millionen Fernsehzuschauer auf allen Kontinenten eins mit Neil Armstrong fühlten und den blauen Planeten als ihre gemeinsame Heimat betrachteten.
 
Ein kritischer Punkt wurde erreicht, als wenige Jahre später auch riesige Finanzströme die nationalen Grenzen zu überspülen begannen. Kapitalexport hatte es zwar schon seit über hundert Jahren in steigendem Maße gegeben. Dieser aber war immer von nationalen Regierungen und Notenbanken lizenziert worden – Kontrollen, die ab Anfang der siebziger Jahre Zug um Zug wegfielen. Immerhin gab es damals noch eine Gegenmacht in Form der Sowjetunion und ihrer Satelliten, die sich gegen die zerstörerische Gewalt der weltweiten Finanzbewegungen abschotteten. Erst als diese Bastion geschleift war, also etwa seit dem Fall der Berliner Mauer 1989, wurde die Globalisierung nicht nur ein weltumspannender, sondern auch ein totalitärer Prozeß, der sich eine entsprechende Ideologie schuf: den Globalismus. Sein Katechismus läßt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Die Welt ist totaler Markt. Alles ist käuflich. Jeder ist käuflich. Der Gott dieser Welt ist das Geld. Du sollst keine anderen Götter haben neben ihm. Außerhalb des Marktes ist die Sünde, und ohne Geld kommt man in die Hölle.
 
Zu Beginn der neunziger Jahre verkündete Präsident George Bush der Ältere die Neue Weltordnung des Globalismus. Keine zwei Jahrzehnte später herrschen auf dem Planeten Zustände, die an Huxleys Neunjährigen Krieg erinnern: Eröffnung immer neuer Fronten, Hunderttausende getötet, Millionen auf der Flucht, über eine Milliarde hungert.
 
Die einzig verbliebene Supermacht duldet neben sich keine andere Nation. Die Heuschrecken des Kapitalismus fressen alles kahl und verwüsten auch blühende Volkswirtschaften. Wer sich wehrt, wird zum Schurken erklärt und vernichtet. Wer sich fügt, muß Militärbasen dulden und seine Souveränität dem Imperium abtreten. Wie vor hundert Jahren entstehen rund um den Globus Kolonien und Halbkolonien – sowie Foltergefängnisse für die renitenten Eingeborenen. (PK)
 
In den nächsten NRhZ-Ausgaben finden Sie aus diesem Buch
 
Schöne Neue Weltordnung:
Alan Greenspan und die Zerstörung der Nationen in der Strategie der Neokonservativen
 
Das Ende der Stabilität:
Die Frühgeschichte der Globalisierung: Die City of London, Nixons Putsch gegen das Gold und der Yom-Kippur-Krieg 1973
 
Fiktives Kapital, realer Krieg:
Je surrealer der Wert des Papierdollars wird, um so aggressiver muß er mit militärischer Gewalt verteidigt werden
 
Der Untergang der Deutschland AG
Das deutsche Kapital hat sich auf dem Weltmarkt zu Tode gesiegt: Die (Anti-)Deutsche Bank hat mit rot-grüner Hilfe die Heuschrecken ins Land geholt
 
Globalismus von links
Claudia Roth, Toni Negri und andere Linke als Trittbrettfahrer des internationalen Finanzkapitals
 
Die Renaissance des Nationalstaates
Rezepte gegen die Große Krise: Was die deutsche Regierung jetzt und in Zukunft tun muß, um Hyperinflation und industrielle Versteppung zu vermeiden
 
Wenn Sie es nicht in Fortsetzungen lesen wollen, kaufen Sie
 
Jürgen Elsässer, Nationalstaat und Globalisierung, Verlag Manuscriptum (ISBN-13: 978-3937801476), 101 Seiten, 8.80 Euro, im Buchhandel oder bestellen Sie es direkt beim Autor: info@juergen-elsaesser.de
 
Jürgen Elsässer, geboren 1957 in Pforzheim, ist Journalist und Autor zahlreicher Bücher über die Außenpolitik Deutschlands und die Geheimdienste (siehe NRhZ 174 bis 177, http://www.nrhz.de/
flyer/beitrag.php?id=13155
) Seine Bücher wurden teilweise in sechs Sprachen übersetzt. Als Redakteur und Autor arbeitete er u.a. für die Tageszeitung junge Welt, das Monatsmagazin konkret, die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, das Kursbuch, die Tageszeitung Neues Deutschland, die Islamische Zeitung, das Online-Magazin Telepolis und die Wochenzeitungen Zeit-Fragen und Freitag. Im Januar 2009 rief er zur Gründung der „Volksinitiative gegen das Finanzkapital“ auf (siehe NRhZ 180, http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13357).  

Online-Flyer Nr. 200  vom 03.06.2009

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