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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Kultur und Wissen
"Nationalstaat und Globalisierung" - das aktuelle Buch zur Krise (2)
Schurken- und Retortenstaaten
Von Jürgen Elsässer

„Jetzt ist die Zeit für ökonomische Patrioten", sagte Leo Gerard, Chef der US-Stahlarbeitergewerkschaft, im Februar 2009. Dieses Zitat wählte Jürgen Elsässer als Leitmotiv für das Schlusskapitel seines neuen Buches "Nationalstaat und Globalisierung", das für jedermann verständlich die Ursachen der heutigen Finanz- und Wirtschaftskrise analysiert. Im offenen Widerspruch zum Zeitgeist, aber auch zu Teilen der Linken, weist er nach, dass Nationalstaaten keineswegs überlebt sind. Gerade in so kritischen Situationen könnten sie flexibel agieren und reagieren – ganz im Gegensatz zu den überbürokratisierten und nationales Recht einschränkenden supranationalen Gebilden. Wir veröffentlichen dieses hochaktuelle Buch in Fortsetzungen. - Die Redaktion
Robert Cooper, außenpolitischer Chefberater von Tony Blair, verkündete in dankenswerter Offenheit die weiteren Ziele der Neuen Weltordnung: “The Breaking of Nations - Das Zerbrechen von Nationen“, ist der Titel seines jüngsten Buches. Darin heißt es: "Die Herausforderung für die postmoderne Welt besteht darin, daß wir uns damit anfreunden, mit zweierlei Maß zu messen. Untereinander sollten die Europäer auf der Grundlage des Rechts und gemeinsamer Sicherheit operieren. Aber außerhalb Europas sollten sie die rauheren Methoden früherer Zeiten anwenden – Gewalt, Präventivschläge, Hinterlist und was sonst noch alles nötig ist." Der Schlüssel für die europäische Sicherheit ist nach Cooper, "daß wir uns im Umgang untereinander an das Gesetz halten. Aber wenn wir im Dschungel operieren, dann müssen wir auch die Gesetze des Dschungels anwenden".
 
Ganz offen wird einem neuen Kolonialismus das Wort geredet. Max Boot, Redakteur des Wall Street Journal, schrieb gleich nach dem 11. September 2001: "Es ist auffällig und kein Zufall, daß die USA jetzt die Aussicht auf ein militärisches Eingreifen in vielen derjenigen Länder haben, in denen Generationen britischer Kolonialsoldaten gekämpft haben. Afghanistan, Sudan, Libyen, Ägypten, Arabien, Mesopotamien (Irak), Palästina, Persien, die Nordwest-Grenze (Pakistan) – das sind alles Regionen, wo im 19. Jahrhundert die Autorität alter Reiche zerfiel und westliche Armeen die resultierende Unordnung befrieden mußten. Afghanistan und andere problembeladene Länder schreien heute nach solch aufgeklärter ausländischer Verwaltung, wie sie einmal von selbstbewußten Engländern in Kolonialuniformen und -helmen geleistet wurde."
 
Gerechtfertigt werden die Aggressionen mit dem Stichwort "failing states": Man müsse gegen "gescheiterte Staaten" vorgehen, in denen die Menschenrechte nicht gewahrt seien und die eine Bedrohung für ihre Nachbarn und den Rest der Welt darstellen könnten. Diese schwarzen Löcher der Zivilisation müßten – notfalls mit Bomben – unter Kontrolle gebracht und dann unter westlicher Patronage neu aufgebaut werden. "Soll ein gescheiterter Staat gerettet werden", schreibt Martin Wolf, Kolumnist der Financial Times, "müssen die wichtigsten Bestandteile einer ehrlichen Regierung – vor allem der Zwangsapparat – von außerhalb eingeführt werden. Genau das macht der Westen zur Zeit im ehemaligen Jugoslawien. Um der Herausforderung, die ein gescheiterter Staat darstellt, zu begegnen, bedarf es nicht frommer Wünsche, sondern offener und organisierter erzwingender Gewalt." Titel des Aufsatzes vom 10. Oktober 2001: "Ein neuer Imperialismus wird gebraucht."
 
Tatsächlich ist das Scheitern von Staaten nicht die Ursache, sondern das Resultat der westlichen Interventionen. Der Irak Saddam Husseins war eine Diktatur, aber es war wenigstens ein funktionierendes Gemeinwesen, eine Res publica. Von den Schergen des Regimes waren Kritiker und Dissidenten bedroht, alle anderen aber hatten nicht nur ihre Ruhe, sondern auch noch Strom, Wasser, Nahrung, ja sogar Kultur und Bildung. Nichts ist davon übrig, seit über Bagdad das Sternenbanner weht. Eines der entwickeltsten Länder der Südhalbkugel ist zu einem dreckigen Slum verkommen, und daß dieser faulige Pfuhl einen islamischen Terrorismus ausbrütet, sollte einen nicht wundern. Auch diesen gab es übrigens nicht, solange der Schurke Saddam herrschte.
 
Oder Afghanistan: Sicher war es empörend, daß die afghanischen Taliban den Mädchen die Schulbildung verweigerten. Immerhin erhielten aber die Knaben eine Ausbildung. Die ist heute nicht mehr sicher. Soll das ein Fortschritt hin zur Gleichberechtigung der Geschlechter sein? Last not least: Der Handel mit Rauschgift, mit dem Kriminalität und Terrornetzwerke bis in unsere Breiten finanziert werden, war von den Taliban stark eingeschränkt worden. Erst seit die US-Amerikaner Kabul befreit haben, kann man afghanisches Heroin wieder auf Hamburger Schulhöfen kaufen.
 
Bei all dem kann vom "nation building", einem weiteren Begriff aus der Retorte der Neuen Weltordnung, selbstverständlich keine Rede sein. Das Gegenteil ist der Fall: Nationen werden nicht auf-, sondern abgebaut, in ihre Einzelteile filetiert oder zerhackt. Je tiefer die Besatzer im blutigen Sumpf ihrer Kolonien und Protektorate versinken, umso häufiger verfallen sie auf die scheinbar einfache Lösung des Divide et impera. Im Irak hat Bushs Marionettenregierung im Oktober 2006 eine neue Verfassung durchgedrückt, die die Aufteilung des Landes unter Schiiten, Sunniten und Kurden beschleunigen wird. In der Pentagon-Strategiezeitschrift Armed Forces Journal wurden im Sommer 2006 Szenarios ausgebreitet und mit Karten unterlegt, auf denen beinahe alle Grenzen zwischen Mittelmeer und Himalaya neu gezogen sind: Aus Pakistan und Iran wird ein neuer Staat, das ölreiche Belutschistan, herausgeschnitten; der Irak wird dreigeteilt; ein riesiges Kurdistan entsteht, auch auf Kosten der Türkei; Saudi-Arabien muß an alle Nachbarn abgeben. Nach diesen Plänen wird in der islamischen Welt kein Stein auf dem anderen bleiben.
 
Daß sich der Prozeß der Zerstückelung, einmal in Gang gekommen, nach dem Modell einer Kettenreaktion immer weiter fortsetzt, zeigt das Beispiel Jugoslawien: Anfang der neunziger Jahre begann mit tatkräftiger deutscher Hilfe die erste Runde der Zerschlagung, vom ursprünglichen Tito-Staat blieben nur Serbien und Montenegro übrig. Nachdem auch diese Föderation durch den Krieg 1999 geschwächt worden war, kam die Fortsetzung: 2006 die Abspaltung Montenegros von Serbien, 2008 die Sezession des Kosovo. Mit diesem bisher autonomen Gebiet innerhalb Serbiens hat sich, zum ersten Mal seit dem Ende der Bipolarität, nicht eine frühere Teilrepublik größerer Staaten selbständig gemacht, wie sich beispielsweise die Ukraine von der Sowjetunion oder Kroatien von Jugoslawien gelöst haben, sondern eine untergeordnete Verwaltungseinheit. Damit wurde ein Präzedenzfall geschaffen – weit über den Balkan hinaus.
 
Wer will in dieser Situation noch auf den Zusammenhalt anderer europäischer Staaten wetten? Belgien ist ein Todeskandidat, der an das Jugoslawien der späten achtziger Jahre erinnert. Schottland will sich aus dem ökonomisch leprösen Großbritannien lösen und, gestützt auf die Öleinkünfte aus der Nordsee, zurück zu den Zeiten Maria Stuarts. In Transsylvanien träumt man von Großungarn, in Transnistrien von Großrumänien. Ein selbständiges Korsika könnte eine Gangsterrepublik werden, ein selbständiges Padanien die Nachfolge der venezianischen Dogen antreten. Schafft zwei, drei, viele Retortenstaaten! (PK)
 
In der nächsten Ausgabe: “Hurra, wir kapitulieren!“
 
Wenn Sie es nicht in Fortsetzungen lesen wollen, kaufen Sie Jürgen Elsässers “Nationalstaat und Globalisierung“, Verlag Manuscriptum (ISBN-13: 978-3937801476), 101 Seiten, 8.80 Euro, im Buchhandel oder bestellen Sie es direkt beim Autor: info@juergen-elsaesser.de
 
Jürgen Elsässer, geboren 1957 in Pforzheim, ist Journalist und Autor zahlreicher Bücher über die Außenpolitik Deutschlands und die Geheimdienste

















(siehe NRhZ 174 bis 177). Seine Bücher wurden teilweise in sechs Sprachen übersetzt. Als Redakteur und Autor arbeitete er u.a. für die Tageszeitung junge Welt, das Monatsmagazin konkret, die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, das Kursbuch, die Tageszeitung Neues Deutschland, die Islamische Zeitung, das Online-Magazin Telepolis und die Wochenzeitungen Zeit-Fragen und Freitag. Im Januar 2009 rief er zur Gründung der “Volksinitiative gegen das Finanzkapital“ auf (siehe NRhZ 180).  

Online-Flyer Nr. 201  vom 10.06.2009

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