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Globales
Militärexperte Lothar Rühl spricht von einem neuen Vietnamkrieg
Kriegsgebiet Südwestasien
Von Hans Georg

Lothar Rühl – einst Staatssekretär im
Verteidigungsministerium
Quelle: Bundesarchiv
Die Anzahl der Luftangriffe, die wegen ihrer vielen zivilen Opfer berüchtigt sind, erreichte inzwischen ein neues Rekordhoch. Berichten zufolge kontrollieren Aufständische inzwischen auch das Einsatzgebiet der Bundeswehr bei Kunduz und fordern die deutschen Besatzungskräfte offen heraus. Bereits seit Mai werden größere Gefechte gemeldet. Militärexperten sprechen angesichts der Ausweitung der Kämpfe auf Pakistan von einem "Kriegsgebiet Südwestasien" und ziehen ausdrücklich Parallelen zum Vietnam-Krieg.
Truppenaufstockung
Mit einer umfangreichen Truppenaufstockung bereiten die westlichen Staaten eine neue Militäroffensive gegen die afghanischen Aufständischen vor. Allein die USA haben die Anzahl ihrer Soldaten am Hindukusch von 32.000 (Ende 2008) auf rund 56.000 erhöht; bis zum Herbst soll sie auf bis zu 68.000 ansteigen. Die Bundeswehr, die zur Zeit 3.600 Militärs im Einsatz hat, wird in den kommenden Monaten ebenfalls weitere Soldaten entsenden. Die zulässige Mandatsobergrenze liegt derzeit bei 4.500. Insgesamt sind gegenwärtig beinahe 90.000 Soldaten aus 40 Staaten im Kriegsgebiet stationiert. Hintergrund sind stark zunehmende Unruhen in Afghanistan. Lag die Anzahl der Angriffe von Aufständischen zu Jahresbeginn 2004 noch bei 50 pro Woche, hat sie nach einer Wochensumme von rund 250 vor einem Jahr inzwischen fast 400 innerhalb von nur sieben Tagen erreicht - Tendenz: weiter steigend.
Spezialeinheiten
US-General Stanley McChrystal, der am Montag den Oberbefehl über sämtliche westlichen Truppen am Hindukusch übernommen hat - über ISAF ebenso wie über die Operation Enduring Freedom (OEF) -, stellt massive Angriffe auf die Aufständischen in Aussicht. McChrystal ist als Kommandeur von Spezialeinheiten bekannt geworden; ein erheblicher Teil der zur Zeit neu entsandten Truppen besteht aus Sonderkommandos, die mit Offensivschlägen feindliche Führungsstrukturen vernichten sollen.[1] Beobachter vermerken, dass McChrystal, als er Spezialeinheiten in Afghanistan sowie im Irak befehligte, für besonders viele zivile Opfer verantwortlich gemacht wurde.[2] Seinen damaligen Truppen wird außerdem auch Folter an Gefangenen nachgesagt.[3] Ob unter McChrystals Oberbefehl auch das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr zum Einsatz kommen wird, ist wegen der üblichen Berliner Geheimhaltungspraxis nicht bekannt.
Luftangriffe
Bekannt ist jedoch, dass die Bundesrepublik sich an der Ausweitung des Luftkriegs aktiv beteiligen wird. Am Mittwoch wollte das Bundeskabinett der Entsendung von bis zu vier AWACS-Flugzeugen zustimmen - inklusive der Bundeswehrsoldaten, die die NATO-eigenen Überwachungsflieger bedienen und bewachen. Weil die Truppenaufstockung eine starke Ausweitung der westlichen Flugaktivitäten mit sich bringt, sollen die AWACS-Maschinen den vorwiegend militärischen Luftverkehr über Afghanistan koordinieren. Allein auf dem Flughafen in Kandahar stehen demnächst rund 350 Kampf- und Transporthubschrauber, Jagdbomber und Drohnen für ISAF und OEF bereit.[4] Außerdem steigt die Zahl der Luftangriffe, in die auch deutsche Tornados mit ihren Aufklärungsflügen involviert sind, kontinuierlich an. Im Mai warfen US-Kampfflieger 478 Bomben ab, so viele wie in keinem Mai zuvor. Hinzu kommen noch Tiefflugattacken mit Bordwaffenbeschuss sowie kleine Raketen, über die keine detaillierten Angaben vorliegen.[5] Die Luftangriffe sind berüchtigt, weil ihnen mit großer Regelmäßigkeit dutzende Zivilisten zum Opfer fallen.
Bundeswehr-Gefechte: Neue Qualität
Erstmals seit Beginn der westlichen Besatzung eskalieren offene Kämpfe auch im deutsch kontrollierten Nordosten Afghanistans. In den letzten Wochen kam es mehrmals zu Gefechten zwischen der Bundeswehr und Aufständischen mit zahlreichen Todesopfern, darunter auch ein deutscher Militär - der erste seit 1945, der nicht durch Anschläge, sondern im Verlauf einer Kampfhandlung ums Leben kam. Dem arabischen Sender Al Jazeera zufolge kontrollieren Aufständische inzwischen weite Teile der deutschen Besatzungszone und fordern die Bundeswehr mit der Ankündigung neuer Angriffe offen heraus.[6] Demnach halten sich Hunderte von Bewaffneten und zwölf Suizidattentäter für Attacken auf die deutschen Streitkräfte bereit. Zur Zeit werden neue Aufklärungsdrohnen vom Typ KZO ("Kleinfluggerät Zielortung") nach Kunduz verlegt; mit ihnen können die deutschen Militärs mögliche Aufständische auch bei Dunkelheit in einem Radius von 65 bis 100 Kilometern entdecken.[7] Ein Großteil der "Schnellen Eingreiftruppe" ("Quick Reaction Force", QRF) ist bereits in Kunduz eingetroffen. Die dortigen Kämpfe hätten "eine neue Qualität" erreicht, erklärte der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium Christian Schmidt (CSU) vor wenigen Tagen nach einem Truppenbesuch.[8]
Partisanenkrieg
Deutsche Militärexperten sprechen von "beunruhigende(n) Ähnlichkeiten mit der Entwicklung in Vietnam vor vier Jahrzehnten". Wie der frühere Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium Lothar Rühl urteilt, ist es inzwischen nicht mehr angebracht, vom "Afghanistan-Krieg" zu sprechen. Vielmehr seien die Kämpfe mit den Kämpfen in Pakistan "zu einem Kriegsgebiet Südwestasien" verschmolzen. Es kündige sich nun wohl ein "Übergang der Guerilla zum Partisanenkrieg an". "Eine solche Entwicklung", schreibt Rühl, "war auch vor vier Jahrzehnten in Südvietnam in Gang gekommen, trotz der massiven Überlegenheit von zeitweilig bis zu einer halben Million amerikanischer Soldaten und einer nach Truppenzahl starken einheimischen Armee", die mit "moderner Bewaffung und amerikanischen Militärberatern bis hinunter zu den Kompanien" recht gut ausgerüstet war.[9] Insgesamt "war Südvietnam Ende der sechziger Jahre militärisch sehr viel dichter von Amerika und seinen Verbündeten besetzt als heute Südwestasien", ruft Rühl in Erinnerung. Der Krieg hatte jedoch "das Land schrittweise überzogen und den Staat Südvietnam ausgehöhlt". "Dieses Problem", stellt der Militärexperte fest, "stellt sich auch in Pakistan und Afghanistan." (PK)
[1] Bringing in the special forces; CBC News 11.06.2009
[2] McChrystal takes over in Afghanistan; AP 15.06.2009
[3] US general faces Iraq abuse questions, groups say; Reuters 01.06.2009
[4] Bund erhöht Truppenstärke in Afghanistan; Spiegel Online 13.06.2009
[5] Afghanistan bombings top charts in May; Navy Times 12.06.2009
[6] Taliban fighters extending control; Al Jazeera 11.06.2009
[7] Zielstrebig ins Gefecht; Frankfurter Allgemeine Zeitung 11.06.2009
[8] Bundeswehr: Taliban kämpfen härter; Rheinische Post 15.06.2009
[9] Übergang zum Partisanenkrieg; Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.05.2009
Mehr: www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57553 Hier finden Sie weitere Berichte über die Entwicklung in Afghanistan: Rückzugsperspektive, Paramilitärs, Söldner, Lauschtechnik, Spezialkommandos, Kriegsgewinne, Eine Generation oder länger, Zu schlicht, Der nächste Krieg, Krieg der Worte, Teil des Problems, Beitrag zur Operationsführung, Vormarsch auf Kabul, Afghanistan sagt Danke, Kriegsabstimmung, Partner ohne Uniform und Hilfsgeld-Empfänger.
Online-Flyer Nr. 202 vom 17.06.2009
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Militärexperte Lothar Rühl spricht von einem neuen Vietnamkrieg
Kriegsgebiet Südwestasien
Von Hans Georg

Lothar Rühl – einst Staatssekretär im
Verteidigungsministerium
Quelle: Bundesarchiv
Truppenaufstockung
Mit einer umfangreichen Truppenaufstockung bereiten die westlichen Staaten eine neue Militäroffensive gegen die afghanischen Aufständischen vor. Allein die USA haben die Anzahl ihrer Soldaten am Hindukusch von 32.000 (Ende 2008) auf rund 56.000 erhöht; bis zum Herbst soll sie auf bis zu 68.000 ansteigen. Die Bundeswehr, die zur Zeit 3.600 Militärs im Einsatz hat, wird in den kommenden Monaten ebenfalls weitere Soldaten entsenden. Die zulässige Mandatsobergrenze liegt derzeit bei 4.500. Insgesamt sind gegenwärtig beinahe 90.000 Soldaten aus 40 Staaten im Kriegsgebiet stationiert. Hintergrund sind stark zunehmende Unruhen in Afghanistan. Lag die Anzahl der Angriffe von Aufständischen zu Jahresbeginn 2004 noch bei 50 pro Woche, hat sie nach einer Wochensumme von rund 250 vor einem Jahr inzwischen fast 400 innerhalb von nur sieben Tagen erreicht - Tendenz: weiter steigend.
Spezialeinheiten
US-General Stanley McChrystal, der am Montag den Oberbefehl über sämtliche westlichen Truppen am Hindukusch übernommen hat - über ISAF ebenso wie über die Operation Enduring Freedom (OEF) -, stellt massive Angriffe auf die Aufständischen in Aussicht. McChrystal ist als Kommandeur von Spezialeinheiten bekannt geworden; ein erheblicher Teil der zur Zeit neu entsandten Truppen besteht aus Sonderkommandos, die mit Offensivschlägen feindliche Führungsstrukturen vernichten sollen.[1] Beobachter vermerken, dass McChrystal, als er Spezialeinheiten in Afghanistan sowie im Irak befehligte, für besonders viele zivile Opfer verantwortlich gemacht wurde.[2] Seinen damaligen Truppen wird außerdem auch Folter an Gefangenen nachgesagt.[3] Ob unter McChrystals Oberbefehl auch das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr zum Einsatz kommen wird, ist wegen der üblichen Berliner Geheimhaltungspraxis nicht bekannt.
Luftangriffe
Bekannt ist jedoch, dass die Bundesrepublik sich an der Ausweitung des Luftkriegs aktiv beteiligen wird. Am Mittwoch wollte das Bundeskabinett der Entsendung von bis zu vier AWACS-Flugzeugen zustimmen - inklusive der Bundeswehrsoldaten, die die NATO-eigenen Überwachungsflieger bedienen und bewachen. Weil die Truppenaufstockung eine starke Ausweitung der westlichen Flugaktivitäten mit sich bringt, sollen die AWACS-Maschinen den vorwiegend militärischen Luftverkehr über Afghanistan koordinieren. Allein auf dem Flughafen in Kandahar stehen demnächst rund 350 Kampf- und Transporthubschrauber, Jagdbomber und Drohnen für ISAF und OEF bereit.[4] Außerdem steigt die Zahl der Luftangriffe, in die auch deutsche Tornados mit ihren Aufklärungsflügen involviert sind, kontinuierlich an. Im Mai warfen US-Kampfflieger 478 Bomben ab, so viele wie in keinem Mai zuvor. Hinzu kommen noch Tiefflugattacken mit Bordwaffenbeschuss sowie kleine Raketen, über die keine detaillierten Angaben vorliegen.[5] Die Luftangriffe sind berüchtigt, weil ihnen mit großer Regelmäßigkeit dutzende Zivilisten zum Opfer fallen.
Bundeswehr-Gefechte: Neue Qualität
Erstmals seit Beginn der westlichen Besatzung eskalieren offene Kämpfe auch im deutsch kontrollierten Nordosten Afghanistans. In den letzten Wochen kam es mehrmals zu Gefechten zwischen der Bundeswehr und Aufständischen mit zahlreichen Todesopfern, darunter auch ein deutscher Militär - der erste seit 1945, der nicht durch Anschläge, sondern im Verlauf einer Kampfhandlung ums Leben kam. Dem arabischen Sender Al Jazeera zufolge kontrollieren Aufständische inzwischen weite Teile der deutschen Besatzungszone und fordern die Bundeswehr mit der Ankündigung neuer Angriffe offen heraus.[6] Demnach halten sich Hunderte von Bewaffneten und zwölf Suizidattentäter für Attacken auf die deutschen Streitkräfte bereit. Zur Zeit werden neue Aufklärungsdrohnen vom Typ KZO ("Kleinfluggerät Zielortung") nach Kunduz verlegt; mit ihnen können die deutschen Militärs mögliche Aufständische auch bei Dunkelheit in einem Radius von 65 bis 100 Kilometern entdecken.[7] Ein Großteil der "Schnellen Eingreiftruppe" ("Quick Reaction Force", QRF) ist bereits in Kunduz eingetroffen. Die dortigen Kämpfe hätten "eine neue Qualität" erreicht, erklärte der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium Christian Schmidt (CSU) vor wenigen Tagen nach einem Truppenbesuch.[8]
Partisanenkrieg
Deutsche Militärexperten sprechen von "beunruhigende(n) Ähnlichkeiten mit der Entwicklung in Vietnam vor vier Jahrzehnten". Wie der frühere Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium Lothar Rühl urteilt, ist es inzwischen nicht mehr angebracht, vom "Afghanistan-Krieg" zu sprechen. Vielmehr seien die Kämpfe mit den Kämpfen in Pakistan "zu einem Kriegsgebiet Südwestasien" verschmolzen. Es kündige sich nun wohl ein "Übergang der Guerilla zum Partisanenkrieg an". "Eine solche Entwicklung", schreibt Rühl, "war auch vor vier Jahrzehnten in Südvietnam in Gang gekommen, trotz der massiven Überlegenheit von zeitweilig bis zu einer halben Million amerikanischer Soldaten und einer nach Truppenzahl starken einheimischen Armee", die mit "moderner Bewaffung und amerikanischen Militärberatern bis hinunter zu den Kompanien" recht gut ausgerüstet war.[9] Insgesamt "war Südvietnam Ende der sechziger Jahre militärisch sehr viel dichter von Amerika und seinen Verbündeten besetzt als heute Südwestasien", ruft Rühl in Erinnerung. Der Krieg hatte jedoch "das Land schrittweise überzogen und den Staat Südvietnam ausgehöhlt". "Dieses Problem", stellt der Militärexperte fest, "stellt sich auch in Pakistan und Afghanistan." (PK)
[1] Bringing in the special forces; CBC News 11.06.2009
[2] McChrystal takes over in Afghanistan; AP 15.06.2009
[3] US general faces Iraq abuse questions, groups say; Reuters 01.06.2009
[4] Bund erhöht Truppenstärke in Afghanistan; Spiegel Online 13.06.2009
[5] Afghanistan bombings top charts in May; Navy Times 12.06.2009
[6] Taliban fighters extending control; Al Jazeera 11.06.2009
[7] Zielstrebig ins Gefecht; Frankfurter Allgemeine Zeitung 11.06.2009
[8] Bundeswehr: Taliban kämpfen härter; Rheinische Post 15.06.2009
[9] Übergang zum Partisanenkrieg; Frankfurter Allgemeine Zeitung 23.05.2009
Mehr: www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57553 Hier finden Sie weitere Berichte über die Entwicklung in Afghanistan: Rückzugsperspektive, Paramilitärs, Söldner, Lauschtechnik, Spezialkommandos, Kriegsgewinne, Eine Generation oder länger, Zu schlicht, Der nächste Krieg, Krieg der Worte, Teil des Problems, Beitrag zur Operationsführung, Vormarsch auf Kabul, Afghanistan sagt Danke, Kriegsabstimmung, Partner ohne Uniform und Hilfsgeld-Empfänger.
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