SUCHE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Druckversion
Kultur und Wissen
Interview mit Konstantin Wecker über Krieg, Kapitalismus, Frieden und Spiritualität
Radikal und „im flow“
Von Christian Heinrici
Herr Wecker, welche Themen treiben Sie momentan friedenspolitisch um?

Konstantin Wecker mit der „Kettenreaktion
Friedenskette“ der Kultur des Friedens
Foto: Thomas Karsten
Eigentlich dieselben wie seit 40 Jahren, nur dass man in der letzten Zeit noch deutlicher spürt, wie wichtig die Waffenindustrie geworden ist. Ich glaube, mir war vor Jahren nicht in diesem Ausmaß klar, dass das ganze in erster Linie ein Geschäft ist, und dass Millionen von Menschen aus reiner Geldgier sterben.
Mir haben gestern in Österreich Leute glaubhaft vermittelt, dass die EM dort nicht hätte stattfinden können, wenn nicht vorher ein paar Eurofighter gekauft worden wären. Das ist für mich ein Symbol, wie sehr alles mit der Waffenindustrie verquickt ist, und im Moment ist es ja auch so, dass der Krisengewinnler wieder einmal die Waffenindustrie ist. Das hat etwas ekeliges, finde ich.
Ich werde radikaler, je älter ich werde. Manche werden sanfter, werde ich in bestimmten Punkten sicher auch, aber ich bin trotzdem radikalisierter als früher, weil wir in einer Gesellschaft, in einer gefährdeten Demokratie leben, die sich zunehmend gegen Kritik abschottet, wie man beim G8-Treffen in Genua, in Rostock und in Straßburg gesehen hat, wie ich es auch immer mehr bei den Demonstrationen merke, an denen ich seit Jahren teilnehme – zum Beispiel bei den Demos gegen die NATO-Sicherheitskonferenz...
Das war früher noch ein Thema in der Presse, das wäre sicher heutzutage auch noch ein Thema, aber es wird einfach totgeschwiegen. Man hat so ein Gefühl der Ungerechtigkeit, und das macht mich wütender, als ich früher war, und ich glaube, ich kenne mich mittlerweile auch besser aus. Nicht nur durch die Webseite www.hinter-den-schlagzeilen.info, die ich seit dem Irakkrieg gestartet habe, um dem üblichen Presseeinerlei etwas entgegenzusetzen: frei nach der Forderung von Ignacio Ramonet, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Und das ist eine unserer Aufgaben!
Sie engagieren sich auch für einen weltweiten Marsch für Frieden und Gewaltfreiheit [1]...
Natürlich, jeder von uns muss erkennen, dass wir als menschliche Wesen, in welchem Teil der Welt wir auch zufällig leben, oder welcher Kultur wir zufällig angehören, voll und ganz für den Gesamtzustand der Welt verantwortlich sind.
Welche Tendenzen sehen Sie in der gesellschaftlichen Entwicklung, Herr Wecker?
Dass das Kapital so eine Selbstverständlichkeit in seinem Machtverhalten entwickelt hat, dass die wenigen, diese zwei Prozent Reichen immer rücksichtsloser werden und sich auch eigentlich um überhaupt nichts mehr scheren. Wer ist jetzt wieder der Krisengewinnler, wie bei jeder Krise? Es sind wieder die zwei Prozent, die immer an allem verdienen!
Es ist so idiotisch, das als eine „Neiddiskussion“ zu bezeichnen: Erst einmal, funktioniert der Kapitalismus gar nicht ohne Neid, das ganze System ist auf Neid aufgebaut, und zum Anderen: Kein vernünftiger Mensch ist neidisch auf die 24. Million eines anderen! Das braucht man nicht. Aber man erkennt, dass sich die Macht, die sich bei diesen 500 reichsten Familien häuft, die genauso viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit... Diese ungeheure Machtballung hat nichts mehr mit Demokratie zu tun! Und da wird uns einfach eine Freiheit vorgegaukelt, die wir nicht haben.

Franz Müntefering: nur noch unter Zwang
wählbar?! | Foto: Michael Weiss
Solange wir nicht den Chef der Deutschen Bank wählen dürfen, können wir eigentlich nicht viel wählen. Solange Konzerne, Banken in einem Staat das Sagen haben – so ein Konzern ist ja eine hierarchische und keine demokratische Institution – haben wir nie irgendwie mitzumischen. Wenn also deren Lobbyisten unsere Politik bestimmen, was soll dann unser Kreuzchen?! Ich muss mich totlachen, wenn Müntefering jetzt damit anfängt, dass wir verpflichtet seien zu wählen. Soll er halt eine ordentliche Politik machen, dann wird er auch wieder gewählt werden! Wer nur die Eliten bedient, muss halt damit rechnen, dass es bald immer mehr Nichtwähler geben wird.
Herr Wecker, auf Ihrem Konzert fiel das Stichwort vom Ende des Kapitalismus, was erwarten Sie in diese Richtung?
Es muss etwas neues kommen. Der Kapitalismus ist am Ende, er hat gezeigt, dass er auch nicht funktioniert hat. Man sagt ja auch so gerne: „Der Kommunismus hat nicht funktioniert...“ Stimmt, hat er nicht – aber der Kapitalismus auch nicht. Also, wird etwas neues kommen, zum Beispiel ein demokratisches Wirtschaftssystem, oder wir bewegen uns in eine neue Form eines weltweiten Faschismus hinein.
Was ist ein demokratisches Wirtschaftssystem? Dass die Leute, die den Mehrwert miterschaffen, auch an dem Mehrwert beteiligt werden. Eigentlich wäre das gar nicht so schwer! Ich glaube auch, dass man sich ein bedingungsloses Grundeinkommen leisten müsste. Da gibt es auch viel für und wider, aber mir gefällt der Gedanke sehr gut, dass es sich eine Gesellschaft leisten kann, einige mitzunehmen, die einfach gar nichts tun wollen. Und wer weiß, ob dieses „nichts Tun“ nicht vielleicht große geistige Früchte bringt. Es wäre auch schön, all jenen zu zeigen, die jetzt aufschreien, „ich finanziere doch nicht Schmarotzer mit!“, dass gerade das auch zu einem reifen Menschen dazugehört, dass man großzügiger sein sollte. „Wenn alles geizen, wagt zu schenken“ heißt es in dem schönen Gedicht von Lothar Zenetti, das ich vertont habe und jeden Abend im Konzert singe.
Wahrscheinlich muss das über einen Bewusstseinsprung geschehen, oder es wird nichts passieren. Das ist eine spirituelle Komponente, die ich immer schon mit einfordere. Ich habe mir damit viel Ärger mit meinen linken Freunden eingehandelt, weil sie das alles als esoterischen Kram abgetan haben. Mittlerweile aber denke ich, dass eine große Öffnung geschehen ist; es ist ganz anders als vor zwanzig Jahren. Man hat erkannt, dass es ohne die Spiritualität, ohne Selbstreflexion einfach nicht geht. Auch linke Modelle, solange sie ausschließlich ideologische sind, können nicht funktionieren, genauso wenig wie die rechten nicht funktionieren oder nur unmenschlich funktionieren. Also muss eine andere Kraft dazu kommen, und das ist eine spirituelle Kraft. Heute trau ich mich zu sagen: eine Kraft der Liebe. Entweder wird es eine liebevolle Welt geben, oder keine mehr. (...)

Konstantin Wecker auf dem Konzert in
Tübingen | Foto: Christian Heinrici
Meine Utopie ist nach wie vor die Anarchie. Ich bin von Herzen ein Anarchist, ich bin der Meinung, dass eine herrschaftsfreie Gesellschaft möglich ist. Das bedeutet nicht eine Gesellschaft in Chaos und Unordnung, ganz im Gegenteil. Die Anarchie hat sehr viel mit einer inneren Ordnung zu tun, nur es gibt keinen, der uns dabei beherrscht.
Herr Wecker, auf Ihren Konzerten ist eine unheimliche Energie zu spüren. Man hat den Eindruck, sie haben eine große Freude daran, mit Ihrem Publikum zu interagieren.
Das hat auch wieder etwas mit spiritueller Kraft zu tun. Ich spüre recht deutlich, dass es mir zwar auch ziemlich Spaß macht, alleine am Klavier zu sitzen und zu improvisieren oder beim Komponieren: Dabei improvisiert man ja auch viel, und dabei kommen schöne Sachen heraus. Doch es ist ungleich wertvoller, das gemeinsam mit dem Publikum zu machen.
Ich sage ganz bewusst: mit dem Publikum zu improvisieren. Sie spielen zwar nicht alle auf meinem Klavier mit, aber durch das, was sie mir entgegenbringen, bin ich ganz anders beflügelt.
Leidenschaftliche Liebesbeziehung zum
Publikum | Foto: Christian Heinrici
Da merkt man genau, wie sich ein geistiger Raum aufbaut, der mich zu anderen Dingen befähigt. Ich spiele manchmal auf der Bühne, „im Rausch“, in der Ekstase des Spielens, besser Klavier, als ich es eigentlich kann. Ich bin da zu irgendwelchen Fähigkeiten beflügelt, die mir eigentlich gar nicht technisch zustehen. Und das kommt durch die Liebesbeziehung, die sich mit dem Publikum aufbaut.
Das ist auch typisch für meine Konzerte: Da ist sehr viel Liebe dabei. Von mir aus zu den Leuten, und mehr natürlich noch von den Leuten zu mir, weil sie einfach mehr sind, und weil sie mich damit tragen.
Wie würde sich ein Konstantin Wecker des 21. Jahrhunderts selbst beschreiben: als Liedermacher, als Musikkabarettist, als Jazzmusiker, als Poet und wahrscheinlich fallen Ihnen selbst noch viel zutreffendere Ausdrücke ein...?
Mir fallen eigentlich gar keine Ausdrücke dazu ein. Ich weiß nur, dass ich in diesen vielen Bestandsaufnahmen meines Lebens, in denen ich versuche mich auszudrücken, keineswegs perfekt bin, aber eine gewisse Form von Perfektion darin erreiche, dass ich sie alle zusammennehme und sage: Das ist so eine Art Gesamtkunstwerk, mit dem ich immer wieder versuche mir zu folgen.
Das ist nämlich ganz interessant: In der Kreativität betritt man eine Art „Raum der Intuition“. Ich merke ganz genau, dass es irgendwo einen nicht definierbaren, nicht in unseren Dimensionen angesiedelten „Raum“ gibt – in dem wohnen die Melodien. Den braucht man nur „anzuzapfen“, und dann kommen diese Melodien herunter, aus diesem innerlichen Raum.
Das könnte jeder –– aber den meisten Leuten fehlt der Türöffner. Ich glaube das ist, was Beuys gemeint hat, wenn er gesagt hat: „Jeder ist ein Künstler.“ Jeder ist in der Lage ein großer Künstler zu sein, wenn er nur diesen Türöffner findet. Und dazu muss man sehr offen sein. Je mehr man sich verschließt, desto mehr verlegt man auch den Schlüssel zu diesem Raum.
„Im flow“: Konstantin Wecker beim Konzert
in Tübingen | Foto: Christian Heinrici
Je mehr man verbittert, desto weniger geht es, je mehr man sich gedanklich in starre Gebäude begibt, desto weniger ist es möglich. Also man muss offen sein, und man muss Energie fließen lassen.
Im Gegensatz zu der Irrmeinung, dass Energie etwas ist, das man in seinem Leben mitbekommt und das im Laufe der Jahre immer weniger wird und sich abarbeitet, habe ich gespürt, dass Energie immer da ist – du musst sie nur zu- und durchlassen. Die mag nicht aufgehalten werden. Das ist wie mit der Liebe. Ich hab ein Lied geschrieben, „Niemand kann die Liebe binden, sie gefällt sich selbst zu gut...“ Und so kann man Energie auch nicht binden. Man kann eigentlich nichts binden, man muss alles durchlassen, alles durchströmen lassen, nur dann bist du – in der Psychologie würde man heute sagen – „im flow“. Das ist ein schöner Ausdruck dafür, „im flow“ bist du nur, wenn du auch alles durch dich hindurchlässt und nichts festhältst. Und das ist das Gegenteil zum Kapitalismus!
Der Kapitalismus will zwar auch „im flow“ sein, indem er immer mehr macht (lacht), immer mehr Kohle macht, aber er will raffen. Und das ist krank. Ist das auch gegen die menschliche Natur? Ja sicher, es ist gegen die Natur in erster Linie. Kein Baum will raffen, kein Ost will ewig am Ast hängen bleiben, die Sonne verlangt keinen Pfennig Geld für das alles, was sie uns bietet, an Energie, Wärme und Schönheit. Die ganze Natur gibt sich immer. Und wenn wir nicht mit diesem Prinzip der Natur leben, dann werden wir in jeder Hinsicht verkrebst. Das sind Krankheitsgeschwüre, und wir haben eine sehr kranke Gesellschaft!
Herr Wecker, vielen Dank für dieses Interview!
Online-Flyer Nr. 204 vom 01.07.2009
Druckversion
Kultur und Wissen
Interview mit Konstantin Wecker über Krieg, Kapitalismus, Frieden und Spiritualität
Radikal und „im flow“
Von Christian Heinrici
Herr Wecker, welche Themen treiben Sie momentan friedenspolitisch um?

Konstantin Wecker mit der „Kettenreaktion
Friedenskette“ der Kultur des Friedens
Foto: Thomas Karsten
Eigentlich dieselben wie seit 40 Jahren, nur dass man in der letzten Zeit noch deutlicher spürt, wie wichtig die Waffenindustrie geworden ist. Ich glaube, mir war vor Jahren nicht in diesem Ausmaß klar, dass das ganze in erster Linie ein Geschäft ist, und dass Millionen von Menschen aus reiner Geldgier sterben.
Mir haben gestern in Österreich Leute glaubhaft vermittelt, dass die EM dort nicht hätte stattfinden können, wenn nicht vorher ein paar Eurofighter gekauft worden wären. Das ist für mich ein Symbol, wie sehr alles mit der Waffenindustrie verquickt ist, und im Moment ist es ja auch so, dass der Krisengewinnler wieder einmal die Waffenindustrie ist. Das hat etwas ekeliges, finde ich.
Ich werde radikaler, je älter ich werde. Manche werden sanfter, werde ich in bestimmten Punkten sicher auch, aber ich bin trotzdem radikalisierter als früher, weil wir in einer Gesellschaft, in einer gefährdeten Demokratie leben, die sich zunehmend gegen Kritik abschottet, wie man beim G8-Treffen in Genua, in Rostock und in Straßburg gesehen hat, wie ich es auch immer mehr bei den Demonstrationen merke, an denen ich seit Jahren teilnehme – zum Beispiel bei den Demos gegen die NATO-Sicherheitskonferenz...
Das war früher noch ein Thema in der Presse, das wäre sicher heutzutage auch noch ein Thema, aber es wird einfach totgeschwiegen. Man hat so ein Gefühl der Ungerechtigkeit, und das macht mich wütender, als ich früher war, und ich glaube, ich kenne mich mittlerweile auch besser aus. Nicht nur durch die Webseite www.hinter-den-schlagzeilen.info, die ich seit dem Irakkrieg gestartet habe, um dem üblichen Presseeinerlei etwas entgegenzusetzen: frei nach der Forderung von Ignacio Ramonet, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Und das ist eine unserer Aufgaben!
Sie engagieren sich auch für einen weltweiten Marsch für Frieden und Gewaltfreiheit [1]...
Natürlich, jeder von uns muss erkennen, dass wir als menschliche Wesen, in welchem Teil der Welt wir auch zufällig leben, oder welcher Kultur wir zufällig angehören, voll und ganz für den Gesamtzustand der Welt verantwortlich sind.
Welche Tendenzen sehen Sie in der gesellschaftlichen Entwicklung, Herr Wecker?
Dass das Kapital so eine Selbstverständlichkeit in seinem Machtverhalten entwickelt hat, dass die wenigen, diese zwei Prozent Reichen immer rücksichtsloser werden und sich auch eigentlich um überhaupt nichts mehr scheren. Wer ist jetzt wieder der Krisengewinnler, wie bei jeder Krise? Es sind wieder die zwei Prozent, die immer an allem verdienen!
Es ist so idiotisch, das als eine „Neiddiskussion“ zu bezeichnen: Erst einmal, funktioniert der Kapitalismus gar nicht ohne Neid, das ganze System ist auf Neid aufgebaut, und zum Anderen: Kein vernünftiger Mensch ist neidisch auf die 24. Million eines anderen! Das braucht man nicht. Aber man erkennt, dass sich die Macht, die sich bei diesen 500 reichsten Familien häuft, die genauso viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit... Diese ungeheure Machtballung hat nichts mehr mit Demokratie zu tun! Und da wird uns einfach eine Freiheit vorgegaukelt, die wir nicht haben.

Franz Müntefering: nur noch unter Zwang
wählbar?! | Foto: Michael Weiss
Herr Wecker, auf Ihrem Konzert fiel das Stichwort vom Ende des Kapitalismus, was erwarten Sie in diese Richtung?
Es muss etwas neues kommen. Der Kapitalismus ist am Ende, er hat gezeigt, dass er auch nicht funktioniert hat. Man sagt ja auch so gerne: „Der Kommunismus hat nicht funktioniert...“ Stimmt, hat er nicht – aber der Kapitalismus auch nicht. Also, wird etwas neues kommen, zum Beispiel ein demokratisches Wirtschaftssystem, oder wir bewegen uns in eine neue Form eines weltweiten Faschismus hinein.
Was ist ein demokratisches Wirtschaftssystem? Dass die Leute, die den Mehrwert miterschaffen, auch an dem Mehrwert beteiligt werden. Eigentlich wäre das gar nicht so schwer! Ich glaube auch, dass man sich ein bedingungsloses Grundeinkommen leisten müsste. Da gibt es auch viel für und wider, aber mir gefällt der Gedanke sehr gut, dass es sich eine Gesellschaft leisten kann, einige mitzunehmen, die einfach gar nichts tun wollen. Und wer weiß, ob dieses „nichts Tun“ nicht vielleicht große geistige Früchte bringt. Es wäre auch schön, all jenen zu zeigen, die jetzt aufschreien, „ich finanziere doch nicht Schmarotzer mit!“, dass gerade das auch zu einem reifen Menschen dazugehört, dass man großzügiger sein sollte. „Wenn alles geizen, wagt zu schenken“ heißt es in dem schönen Gedicht von Lothar Zenetti, das ich vertont habe und jeden Abend im Konzert singe.
Wahrscheinlich muss das über einen Bewusstseinsprung geschehen, oder es wird nichts passieren. Das ist eine spirituelle Komponente, die ich immer schon mit einfordere. Ich habe mir damit viel Ärger mit meinen linken Freunden eingehandelt, weil sie das alles als esoterischen Kram abgetan haben. Mittlerweile aber denke ich, dass eine große Öffnung geschehen ist; es ist ganz anders als vor zwanzig Jahren. Man hat erkannt, dass es ohne die Spiritualität, ohne Selbstreflexion einfach nicht geht. Auch linke Modelle, solange sie ausschließlich ideologische sind, können nicht funktionieren, genauso wenig wie die rechten nicht funktionieren oder nur unmenschlich funktionieren. Also muss eine andere Kraft dazu kommen, und das ist eine spirituelle Kraft. Heute trau ich mich zu sagen: eine Kraft der Liebe. Entweder wird es eine liebevolle Welt geben, oder keine mehr. (...)

Konstantin Wecker auf dem Konzert in
Tübingen | Foto: Christian Heinrici
Herr Wecker, auf Ihren Konzerten ist eine unheimliche Energie zu spüren. Man hat den Eindruck, sie haben eine große Freude daran, mit Ihrem Publikum zu interagieren.
Das hat auch wieder etwas mit spiritueller Kraft zu tun. Ich spüre recht deutlich, dass es mir zwar auch ziemlich Spaß macht, alleine am Klavier zu sitzen und zu improvisieren oder beim Komponieren: Dabei improvisiert man ja auch viel, und dabei kommen schöne Sachen heraus. Doch es ist ungleich wertvoller, das gemeinsam mit dem Publikum zu machen.
Ich sage ganz bewusst: mit dem Publikum zu improvisieren. Sie spielen zwar nicht alle auf meinem Klavier mit, aber durch das, was sie mir entgegenbringen, bin ich ganz anders beflügelt.

Leidenschaftliche Liebesbeziehung zum
Publikum | Foto: Christian Heinrici
Das ist auch typisch für meine Konzerte: Da ist sehr viel Liebe dabei. Von mir aus zu den Leuten, und mehr natürlich noch von den Leuten zu mir, weil sie einfach mehr sind, und weil sie mich damit tragen.
Wie würde sich ein Konstantin Wecker des 21. Jahrhunderts selbst beschreiben: als Liedermacher, als Musikkabarettist, als Jazzmusiker, als Poet und wahrscheinlich fallen Ihnen selbst noch viel zutreffendere Ausdrücke ein...?
Mir fallen eigentlich gar keine Ausdrücke dazu ein. Ich weiß nur, dass ich in diesen vielen Bestandsaufnahmen meines Lebens, in denen ich versuche mich auszudrücken, keineswegs perfekt bin, aber eine gewisse Form von Perfektion darin erreiche, dass ich sie alle zusammennehme und sage: Das ist so eine Art Gesamtkunstwerk, mit dem ich immer wieder versuche mir zu folgen.
Das ist nämlich ganz interessant: In der Kreativität betritt man eine Art „Raum der Intuition“. Ich merke ganz genau, dass es irgendwo einen nicht definierbaren, nicht in unseren Dimensionen angesiedelten „Raum“ gibt – in dem wohnen die Melodien. Den braucht man nur „anzuzapfen“, und dann kommen diese Melodien herunter, aus diesem innerlichen Raum.
Das könnte jeder –– aber den meisten Leuten fehlt der Türöffner. Ich glaube das ist, was Beuys gemeint hat, wenn er gesagt hat: „Jeder ist ein Künstler.“ Jeder ist in der Lage ein großer Künstler zu sein, wenn er nur diesen Türöffner findet. Und dazu muss man sehr offen sein. Je mehr man sich verschließt, desto mehr verlegt man auch den Schlüssel zu diesem Raum.

„Im flow“: Konstantin Wecker beim Konzert
in Tübingen | Foto: Christian Heinrici
Im Gegensatz zu der Irrmeinung, dass Energie etwas ist, das man in seinem Leben mitbekommt und das im Laufe der Jahre immer weniger wird und sich abarbeitet, habe ich gespürt, dass Energie immer da ist – du musst sie nur zu- und durchlassen. Die mag nicht aufgehalten werden. Das ist wie mit der Liebe. Ich hab ein Lied geschrieben, „Niemand kann die Liebe binden, sie gefällt sich selbst zu gut...“ Und so kann man Energie auch nicht binden. Man kann eigentlich nichts binden, man muss alles durchlassen, alles durchströmen lassen, nur dann bist du – in der Psychologie würde man heute sagen – „im flow“. Das ist ein schöner Ausdruck dafür, „im flow“ bist du nur, wenn du auch alles durch dich hindurchlässt und nichts festhältst. Und das ist das Gegenteil zum Kapitalismus!
Der Kapitalismus will zwar auch „im flow“ sein, indem er immer mehr macht (lacht), immer mehr Kohle macht, aber er will raffen. Und das ist krank. Ist das auch gegen die menschliche Natur? Ja sicher, es ist gegen die Natur in erster Linie. Kein Baum will raffen, kein Ost will ewig am Ast hängen bleiben, die Sonne verlangt keinen Pfennig Geld für das alles, was sie uns bietet, an Energie, Wärme und Schönheit. Die ganze Natur gibt sich immer. Und wenn wir nicht mit diesem Prinzip der Natur leben, dann werden wir in jeder Hinsicht verkrebst. Das sind Krankheitsgeschwüre, und wir haben eine sehr kranke Gesellschaft!
Herr Wecker, vielen Dank für dieses Interview!
Online-Flyer Nr. 204 vom 01.07.2009
Druckversion
NEWS
KÖLNER KLAGEMAUER
FILMCLIP
FOTOGALERIE























