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Kultur und Wissen
Theorie von Karl Marx neu ausgelotet
Über Marx hinaus
Von Max Henninger
2007 beschlossen Marcel van der Linden und Karl Heinz Roth, ihre auf unterschiedlichen Wegen erarbeiteten und doch in vielen Punkten konvergierenden Überlegungen zu den Geschichtsprognosen und zur Arbeitswerttheorie von Karl Marx gemeinsam mit befreundeten Theoretikern und Theoretikerinnen zu diskutieren. Daraus entstand ein Buchprojekt, das im Herbst 2009 im Sammelband „Über Marx hinaus. Arbeitsgeschichte und Arbeitsbegriff in der Konfrontation mit den globalen Arbeitsverhältnissen des 21. Jahrhunderts“ seinen Abschluss gefunden hat. Der Band, der der Aufgabe gewidmet ist, „Aktualität und Reichweite“ der Marxschen Theorie „auf der Höhe der Zeit neu auszuloten“, umfasst 18 Beiträge von Autoren und Autorinnen aus der BRD, England, Frankreich, Indien, Italien und den USA sowie eine umfangreiche Einleitung und ein Nachwort, in dem die Herausgeber die Ergebnisse der verschiedenen Beiträge resümieren und Ansätze zu einer kritischen Weiterentwicklung des Marxschen Ansatzes formulieren.
In „Über Marx hinaus“ sind mehrere Traditionslinien dessen eingeflossen, was Roth und van der Linden den ‚heterodoxen Marxismus‘ des 20. Jahrhunderts nennen, etwa der aus der unmittelbaren Auseinandersetzung mit den Verwerfungen des italienischen Nachkriegsbooms entstandene Operaismus, aber auch der sozialgeschichtliche Ansatz Edward P. Thompsons, der in der BRD u. a. im Umfeld der Zeitschrift Autonomie (1975-1979, neue Folge 1979-1985) rezipiert wurde.
Das Hauptanliegen der Herausgeber von "Über Marx hinaus" ist im Untertitel des Buches formuliert. Die Marxsche Theorie soll mit der Empirie der historischen und aktuellen Arbeitsverhältnisse konfrontiert werden. Das geschieht in zwei inhaltlichen Schwerpunkten. Die Beiträge der Sektion I konfrontieren empirisch-historische Befunde mit ihrer begrifflichen Aufarbeitung durch Marx (oder auch mit dessen Unterlassung einer solchen Aufarbeitung), während in den Beiträgen der Sektion II umgekehrt vorgegangen wird, d. h. als Ausgangspunkt dienen dort weniger empirische als begrifflich-methodische Probleme.
Die Sektion I wird durch einen Aufsatz von Peter Linebaugh und Marcus Rediker eröffnet, in dem diese die Ergebnisse ihrer Forschung zu den antikapitalistischen Bewegungen des nordatlantischen Raums im Zeitraum 1600-1835 zusammenfassen und für einen erweiterten Begriff des Proletariats plädieren, der hinter die Genese nationaler Arbeiterklassen zurückgeht, um die vorindustriellen Erfahrungen von Enteignung und unfreier Arbeit, aber auch die aus diesen Erfahrungen gespeisten Widerstandstraditionen sichtbar zu machen. Im Anschluss daran berichtet Niklas Frykman über die im interimperialen Wettrüsten des späten 18. Jahrhunderts enorm angestiegene Bedeutung der europäischen Kriegsmarinen und untersucht die damaligen Systeme der Zwangsrekrutierung, die Organisationsformen der Arbeit auf See sowie den Widerstand der maritimen Arbeitskräfte gegen das ihnen aufgezwungene Arbeitsregime.
Peter Ways Aufsatz untersucht den Zusammenhang von Proletarisierung und militärischer Arbeit in der Aufbauphase des britischen Empire, wobei Way einerseits an den Marxschen Ausführungen zur ursprünglichen Akkumulation in England ansetzt, andererseits aber auch die teleologische Ausrichtung jener Ausführungen an der Entstehung doppelt freier Lohnarbeit durch eine Rekonstruktion der vielfältigen Übergänge zwischen freier und unfreier Arbeit zu überwinden versucht. Anschließend schlagen Ferruccio Gambino und Devi Sacchetto in ihrer breit angelegten Untersuchung der Formen, die die teils erzwungene, teils freiwillige Mobilität erst plantagenwirtschaftlicher und dann industrieller Arbeitskräfte seit dem transatlantischen Sklavenhandel angenommen haben, den Bogen zur Gegenwart. Die letzten Abschnitte ihres Aufsatzes gelten den Strategien, die Unternehmer seit Henry Ford und bis hin zu den Exportproduktionszonen unserer Tage angewandt haben, um dem Problem des labor turnover, also der unter den strapaziösen Arbeitsbedingungen der Industrieproduktion immer wieder sich einstellenden hohen Fluktuation der Arbeitskräfte, beizukommen.
Einen zweiten thematischen Block bilden innerhalb der Sektion I die Aufsätze von Sergio Bologna, Subir Sinha und Detlef Hartmann. Bologna rekonstruiert die Entstehungsgeschichte des italienischen Operaismus, wobei es ihm als einem der Hauptexponenten dieser Strömung vor allem auf die von den Operaisten angewandten Methoden und insbesondere auf die Praxis der Arbeiteruntersuchung ankommt. Angesichts der zunehmenden Ausdifferenzierung der operaistischen Analysen während der 1970er Jahre konzentriert sich Bologna in zweiten Teil seines Beitrags auf das Problemfeld, das seit einiger Zeit im Mittelpunkt seiner eigenen Untersuchungen steht, nämlich die Entstehung neuer Formen selbständiger Arbeit in den OECD-Ländern. Dabei betont Bologna, dass ihm die Marxschen Kategorien bei der Auseinandersetzung mit diesem Problemfeld nicht sonderlich weiterführend scheinen.
Subir Sinha skizziert die Klassenverhältnisse im heutigen Indien und macht dabei auf die Konstitutionsprozesse einer ganzen Reihe von Klassensegmenten aufmerksam, denen weder die Ansätze indischer Marxisten noch die als Alternative zu diesen Ansätzen entwickelten Subaltern Studies gerecht würden. Detlef Hartmann widmet sich ausgehend von seinen Erfahrungen bei der Unterstützung des 2006 aufgenommenen Streiks am Düsseldorfer Flughafen den neuen Managementstrategien und setzt diese zur Erschließung des post-maoistischen Chinas durch europäische und amerikanische Investoren sowie zu den in China vermehrt ausbrechenden Revolten in Beziehung. Die Marxschen Kategorien scheinen ihm gerade auch angesichts der aktuellen Weltwirtschaftskrise weitgehend überholt.
Abgeschlossen wird die Sektion I durch zwei Beiträge, die sich mit Fragen der Reproduktion beschäftigen. Maria Mies stellt den von ihr miterarbeiteten, u. a. aus der kritischen Rezeption von Rosa Luxemburgs Akkumulationstheorie entstandenen Subsistenzansatz vor. Silvia Federici nimmt den in OECD-Ländern seit einigen Jahren grassierenden Diskurs bezüglich der Überlastung der sozialen Sicherungssysteme zum Anlass, um am Beispiel der Altenpflege die Hauptmerkmale einer unter zunehmend prekären Bedingungen geleisteten Reproduktionsarbeit aufzuzeigen. Beide Autorinnen betonen die weitgehende Ausblendung der Reproduktionsproblematik bei Marx, wobei Federici für Politikformen plädiert, in denen diese Ausblendung praktisch überwunden wird.
Die Beiträge der Sektion II sind entsprechend dem Grad ihrer kritischen oder affirmativen Bezugnahme auf Marx angeordnet. Am Anfang stehen zwei Beiträge, die die Verkürzungen und Unterschlagungen der Marxschen Arbeitswerttheorie herausarbeiten, wobei Ahlrich Meyer die Genese dieser Theorie aus Marxens Weigerung erklärt, die 1848/49 geschichtsträchtig gewordenen Massenforderungen nach einer Garantie des Existenzrechts in die Kritik der politischen Ökonomie einzubeziehen, während ich selbst in meiner kritischen Auseinandersetzung mit den Marxschen Armuts-, Arbeits- und Entwicklungsbegriffen in erster Linie von den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts ausgehe.
Thomas Kuczynski enthält sich eines abschließenden Urteils über die Arbeitswerttheorie, geht aber der problematischen Vorstellung vom Kauf der Arbeitskraft durch den Kapitalisten nach und erkundet die Ambiguitäten der Marxschen Darstellung der Vorgänge auf dem Arbeitsmarkt. Sebastian Gerhardt geht es um den Marxschen Freiheitsbegriff, den er angesichts der im Kapital zu verzeichnenden Asymmetrie von kommandierender und kommandierter Arbeit für erweiterungsbedürftig hält. Massimiliano Tomba und Riccardo Bellofiore rekonstruieren die Geschichte eines für den italienischen Operaismus charakteristischen Argumentationsmusters, bei dem die Grundrisse als das vermeintlich visionärste Werk Marxens gegen das Kapital ausgespielt werden, und plädieren für eine von den Kategorien des Kapitals ausgehende Lektüre der Grundrisse; durch eine solche Lektüre werde die Verschränkung unterschiedlicher Ausbeutungsregimes innerhalb der Weltökonomie begreifbar, und wenig weiterführende Diskussionen um die Gültigkeit des Wertgesetzes ließen sich ebenso vermeiden wie empirisch fragwürdige Behauptungen bezüglich der vermeintlichen Hegemonie bestimmter Arbeitertypen.
Vom prinzipiell tragfähigen Charakter der Marxschen Theorie überzeugt sind auch Steve Wright und C. George Caffentzis, die sich geldtheoretischen Fragen widmen, wobei Wright die entsprechenden Diskussionen in der spätoperaistischen Zeitschrift Primo Maggio rekonstruiert und Caffentzis in den Währungsturbulenzen der frühen 1970er Jahre eine Herausforderung für die Marxsche Bestimmung des Goldes als Geldware sieht, die aber nicht auf eine Widerlegung des Marxschen Gesamtansatzes hinauslaufen müsse. Auch Ben Diettrich rät von der Verabschiedung der Marxschen Theorie ab, hält sie aber für ergänzungsbedürftig, und zwar vor allem im Bereich der Klassenanalyse. Die Sozialstruktur der arbeitenden Bevölkerung müsse gründlicher analysiert werden, als in der marxistischen Tradition meist geschehen, um die vielfältigen Tendenzen zur Klassenformierung und Klassenfragmentierung erkennbar und empirisch erforschbar zu machen.
Abgeschlossen wird die Sektion II durch einen Aufsatz Carlo Vercellones, den dieser in enger Absprache mit Antonio Negri verfasst hat. Vercellone erläutert die postoperaistische These bezüglich einer neuen Hegemonie kognitiver Arbeitsformen. Er beschreibt die in den OECD-Ländern zu verzeichnende Entstehung einer knowledge-based economy; diese gründe auf Arbeitsformen, in denen die für die tayloristischen Großbetriebe der 1960er Jahre konstitutive Trennung von konzeptioneller und ausführender Arbeit aufgehoben sei. Mit diesem Trend sei bereits früh eine Neuordnung des Finanzsektors einhergegangen, der sich als Transformation des Profits in Rente beschreiben lasse. Beides sei durchaus mit Marxschen Kategorien zu begreifen.
Dem von Vercellone vertretenen Ansatz stehen teils sehr kritische Äußerungen zum Postoperaismus in anderen Beiträgen gegenüber. Der Sammelband zeichnet sich insgesamt durch die Pluralität der in ihm vertretenen Positionen aus. Das Urteil bezüglich der Tragfähigkeit der Marxschen Theorie fällt überwiegend negativ aus. Karl Heinz Roth und Marcel van der Linden haben dennoch nicht auf den Versuch verzichtet, die Kritik der Autoren und Autorinnen ins Positive zu wenden. In ihrem Nachwort stellen sich die Herausgeber der Aufgabe, erste Eckpunkte dessen zu entwerfen, was sie eine ‚dynamische Arbeitswerttheorie‘ nennen und als Weiterentwicklung des Marxschen Ansatzes verstanden wissen wollen. Diese Eckpunkte einer dynamischen Arbeitswerttheorie bauen auf den in „Über Marx hinaus“ erbrachten Befunden auf und sollen den Lesern und Leserinnen konzeptionelle Instrumente zum besseren Verständnis der Dynamik des kapitalistischen Prozesses an die Hand geben. (HDH)
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Über Marx hinaus
Arbeitsgeschichte und Arbeitsbegriff in der Konfrontation mit den globalen Arbeitsverhältnissen des 21. Jahrhunderts
Unter Mitarbeit von Max Henninger
610 Seiten
ISBN 978-3-935936-80-4 | 608 Seiten | erschienen September 2009 | 29.80 € / 49.90 sF |
lieferbar u.a. im Verlag
Assoziation A
Online-Flyer Nr. 222 vom 04.11.2009
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Theorie von Karl Marx neu ausgelotet
Über Marx hinaus
Von Max Henninger
2007 beschlossen Marcel van der Linden und Karl Heinz Roth, ihre auf unterschiedlichen Wegen erarbeiteten und doch in vielen Punkten konvergierenden Überlegungen zu den Geschichtsprognosen und zur Arbeitswerttheorie von Karl Marx gemeinsam mit befreundeten Theoretikern und Theoretikerinnen zu diskutieren. Daraus entstand ein Buchprojekt, das im Herbst 2009 im Sammelband „Über Marx hinaus. Arbeitsgeschichte und Arbeitsbegriff in der Konfrontation mit den globalen Arbeitsverhältnissen des 21. Jahrhunderts“ seinen Abschluss gefunden hat. Der Band, der der Aufgabe gewidmet ist, „Aktualität und Reichweite“ der Marxschen Theorie „auf der Höhe der Zeit neu auszuloten“, umfasst 18 Beiträge von Autoren und Autorinnen aus der BRD, England, Frankreich, Indien, Italien und den USA sowie eine umfangreiche Einleitung und ein Nachwort, in dem die Herausgeber die Ergebnisse der verschiedenen Beiträge resümieren und Ansätze zu einer kritischen Weiterentwicklung des Marxschen Ansatzes formulieren.
In „Über Marx hinaus“ sind mehrere Traditionslinien dessen eingeflossen, was Roth und van der Linden den ‚heterodoxen Marxismus‘ des 20. Jahrhunderts nennen, etwa der aus der unmittelbaren Auseinandersetzung mit den Verwerfungen des italienischen Nachkriegsbooms entstandene Operaismus, aber auch der sozialgeschichtliche Ansatz Edward P. Thompsons, der in der BRD u. a. im Umfeld der Zeitschrift Autonomie (1975-1979, neue Folge 1979-1985) rezipiert wurde.
Das Hauptanliegen der Herausgeber von "Über Marx hinaus" ist im Untertitel des Buches formuliert. Die Marxsche Theorie soll mit der Empirie der historischen und aktuellen Arbeitsverhältnisse konfrontiert werden. Das geschieht in zwei inhaltlichen Schwerpunkten. Die Beiträge der Sektion I konfrontieren empirisch-historische Befunde mit ihrer begrifflichen Aufarbeitung durch Marx (oder auch mit dessen Unterlassung einer solchen Aufarbeitung), während in den Beiträgen der Sektion II umgekehrt vorgegangen wird, d. h. als Ausgangspunkt dienen dort weniger empirische als begrifflich-methodische Probleme.
Die Sektion I wird durch einen Aufsatz von Peter Linebaugh und Marcus Rediker eröffnet, in dem diese die Ergebnisse ihrer Forschung zu den antikapitalistischen Bewegungen des nordatlantischen Raums im Zeitraum 1600-1835 zusammenfassen und für einen erweiterten Begriff des Proletariats plädieren, der hinter die Genese nationaler Arbeiterklassen zurückgeht, um die vorindustriellen Erfahrungen von Enteignung und unfreier Arbeit, aber auch die aus diesen Erfahrungen gespeisten Widerstandstraditionen sichtbar zu machen. Im Anschluss daran berichtet Niklas Frykman über die im interimperialen Wettrüsten des späten 18. Jahrhunderts enorm angestiegene Bedeutung der europäischen Kriegsmarinen und untersucht die damaligen Systeme der Zwangsrekrutierung, die Organisationsformen der Arbeit auf See sowie den Widerstand der maritimen Arbeitskräfte gegen das ihnen aufgezwungene Arbeitsregime.
Peter Ways Aufsatz untersucht den Zusammenhang von Proletarisierung und militärischer Arbeit in der Aufbauphase des britischen Empire, wobei Way einerseits an den Marxschen Ausführungen zur ursprünglichen Akkumulation in England ansetzt, andererseits aber auch die teleologische Ausrichtung jener Ausführungen an der Entstehung doppelt freier Lohnarbeit durch eine Rekonstruktion der vielfältigen Übergänge zwischen freier und unfreier Arbeit zu überwinden versucht. Anschließend schlagen Ferruccio Gambino und Devi Sacchetto in ihrer breit angelegten Untersuchung der Formen, die die teils erzwungene, teils freiwillige Mobilität erst plantagenwirtschaftlicher und dann industrieller Arbeitskräfte seit dem transatlantischen Sklavenhandel angenommen haben, den Bogen zur Gegenwart. Die letzten Abschnitte ihres Aufsatzes gelten den Strategien, die Unternehmer seit Henry Ford und bis hin zu den Exportproduktionszonen unserer Tage angewandt haben, um dem Problem des labor turnover, also der unter den strapaziösen Arbeitsbedingungen der Industrieproduktion immer wieder sich einstellenden hohen Fluktuation der Arbeitskräfte, beizukommen.
Einen zweiten thematischen Block bilden innerhalb der Sektion I die Aufsätze von Sergio Bologna, Subir Sinha und Detlef Hartmann. Bologna rekonstruiert die Entstehungsgeschichte des italienischen Operaismus, wobei es ihm als einem der Hauptexponenten dieser Strömung vor allem auf die von den Operaisten angewandten Methoden und insbesondere auf die Praxis der Arbeiteruntersuchung ankommt. Angesichts der zunehmenden Ausdifferenzierung der operaistischen Analysen während der 1970er Jahre konzentriert sich Bologna in zweiten Teil seines Beitrags auf das Problemfeld, das seit einiger Zeit im Mittelpunkt seiner eigenen Untersuchungen steht, nämlich die Entstehung neuer Formen selbständiger Arbeit in den OECD-Ländern. Dabei betont Bologna, dass ihm die Marxschen Kategorien bei der Auseinandersetzung mit diesem Problemfeld nicht sonderlich weiterführend scheinen.
Subir Sinha skizziert die Klassenverhältnisse im heutigen Indien und macht dabei auf die Konstitutionsprozesse einer ganzen Reihe von Klassensegmenten aufmerksam, denen weder die Ansätze indischer Marxisten noch die als Alternative zu diesen Ansätzen entwickelten Subaltern Studies gerecht würden. Detlef Hartmann widmet sich ausgehend von seinen Erfahrungen bei der Unterstützung des 2006 aufgenommenen Streiks am Düsseldorfer Flughafen den neuen Managementstrategien und setzt diese zur Erschließung des post-maoistischen Chinas durch europäische und amerikanische Investoren sowie zu den in China vermehrt ausbrechenden Revolten in Beziehung. Die Marxschen Kategorien scheinen ihm gerade auch angesichts der aktuellen Weltwirtschaftskrise weitgehend überholt.
Abgeschlossen wird die Sektion I durch zwei Beiträge, die sich mit Fragen der Reproduktion beschäftigen. Maria Mies stellt den von ihr miterarbeiteten, u. a. aus der kritischen Rezeption von Rosa Luxemburgs Akkumulationstheorie entstandenen Subsistenzansatz vor. Silvia Federici nimmt den in OECD-Ländern seit einigen Jahren grassierenden Diskurs bezüglich der Überlastung der sozialen Sicherungssysteme zum Anlass, um am Beispiel der Altenpflege die Hauptmerkmale einer unter zunehmend prekären Bedingungen geleisteten Reproduktionsarbeit aufzuzeigen. Beide Autorinnen betonen die weitgehende Ausblendung der Reproduktionsproblematik bei Marx, wobei Federici für Politikformen plädiert, in denen diese Ausblendung praktisch überwunden wird.
Die Beiträge der Sektion II sind entsprechend dem Grad ihrer kritischen oder affirmativen Bezugnahme auf Marx angeordnet. Am Anfang stehen zwei Beiträge, die die Verkürzungen und Unterschlagungen der Marxschen Arbeitswerttheorie herausarbeiten, wobei Ahlrich Meyer die Genese dieser Theorie aus Marxens Weigerung erklärt, die 1848/49 geschichtsträchtig gewordenen Massenforderungen nach einer Garantie des Existenzrechts in die Kritik der politischen Ökonomie einzubeziehen, während ich selbst in meiner kritischen Auseinandersetzung mit den Marxschen Armuts-, Arbeits- und Entwicklungsbegriffen in erster Linie von den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts ausgehe.
Thomas Kuczynski enthält sich eines abschließenden Urteils über die Arbeitswerttheorie, geht aber der problematischen Vorstellung vom Kauf der Arbeitskraft durch den Kapitalisten nach und erkundet die Ambiguitäten der Marxschen Darstellung der Vorgänge auf dem Arbeitsmarkt. Sebastian Gerhardt geht es um den Marxschen Freiheitsbegriff, den er angesichts der im Kapital zu verzeichnenden Asymmetrie von kommandierender und kommandierter Arbeit für erweiterungsbedürftig hält. Massimiliano Tomba und Riccardo Bellofiore rekonstruieren die Geschichte eines für den italienischen Operaismus charakteristischen Argumentationsmusters, bei dem die Grundrisse als das vermeintlich visionärste Werk Marxens gegen das Kapital ausgespielt werden, und plädieren für eine von den Kategorien des Kapitals ausgehende Lektüre der Grundrisse; durch eine solche Lektüre werde die Verschränkung unterschiedlicher Ausbeutungsregimes innerhalb der Weltökonomie begreifbar, und wenig weiterführende Diskussionen um die Gültigkeit des Wertgesetzes ließen sich ebenso vermeiden wie empirisch fragwürdige Behauptungen bezüglich der vermeintlichen Hegemonie bestimmter Arbeitertypen.
Vom prinzipiell tragfähigen Charakter der Marxschen Theorie überzeugt sind auch Steve Wright und C. George Caffentzis, die sich geldtheoretischen Fragen widmen, wobei Wright die entsprechenden Diskussionen in der spätoperaistischen Zeitschrift Primo Maggio rekonstruiert und Caffentzis in den Währungsturbulenzen der frühen 1970er Jahre eine Herausforderung für die Marxsche Bestimmung des Goldes als Geldware sieht, die aber nicht auf eine Widerlegung des Marxschen Gesamtansatzes hinauslaufen müsse. Auch Ben Diettrich rät von der Verabschiedung der Marxschen Theorie ab, hält sie aber für ergänzungsbedürftig, und zwar vor allem im Bereich der Klassenanalyse. Die Sozialstruktur der arbeitenden Bevölkerung müsse gründlicher analysiert werden, als in der marxistischen Tradition meist geschehen, um die vielfältigen Tendenzen zur Klassenformierung und Klassenfragmentierung erkennbar und empirisch erforschbar zu machen.
Abgeschlossen wird die Sektion II durch einen Aufsatz Carlo Vercellones, den dieser in enger Absprache mit Antonio Negri verfasst hat. Vercellone erläutert die postoperaistische These bezüglich einer neuen Hegemonie kognitiver Arbeitsformen. Er beschreibt die in den OECD-Ländern zu verzeichnende Entstehung einer knowledge-based economy; diese gründe auf Arbeitsformen, in denen die für die tayloristischen Großbetriebe der 1960er Jahre konstitutive Trennung von konzeptioneller und ausführender Arbeit aufgehoben sei. Mit diesem Trend sei bereits früh eine Neuordnung des Finanzsektors einhergegangen, der sich als Transformation des Profits in Rente beschreiben lasse. Beides sei durchaus mit Marxschen Kategorien zu begreifen.
Dem von Vercellone vertretenen Ansatz stehen teils sehr kritische Äußerungen zum Postoperaismus in anderen Beiträgen gegenüber. Der Sammelband zeichnet sich insgesamt durch die Pluralität der in ihm vertretenen Positionen aus. Das Urteil bezüglich der Tragfähigkeit der Marxschen Theorie fällt überwiegend negativ aus. Karl Heinz Roth und Marcel van der Linden haben dennoch nicht auf den Versuch verzichtet, die Kritik der Autoren und Autorinnen ins Positive zu wenden. In ihrem Nachwort stellen sich die Herausgeber der Aufgabe, erste Eckpunkte dessen zu entwerfen, was sie eine ‚dynamische Arbeitswerttheorie‘ nennen und als Weiterentwicklung des Marxschen Ansatzes verstanden wissen wollen. Diese Eckpunkte einer dynamischen Arbeitswerttheorie bauen auf den in „Über Marx hinaus“ erbrachten Befunden auf und sollen den Lesern und Leserinnen konzeptionelle Instrumente zum besseren Verständnis der Dynamik des kapitalistischen Prozesses an die Hand geben. (HDH)
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Über Marx hinaus
Arbeitsgeschichte und Arbeitsbegriff in der Konfrontation mit den globalen Arbeitsverhältnissen des 21. Jahrhunderts
Unter Mitarbeit von Max Henninger
610 Seiten
ISBN 978-3-935936-80-4 | 608 Seiten | erschienen September 2009 | 29.80 € / 49.90 sF |
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Online-Flyer Nr. 222 vom 04.11.2009
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