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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Kultur und Wissen
Vorabdruck aus „Benedikt XVI.: Ein Papst und seine Tradition“ – Teil 3
Eine menschenfeindliche Gegenoffensive
Von Gerhard Feldbauer

Am Abend des 19. April 2005 stieg aus der sixtinischen Kapelle weißer Rauch auf und die Glocken des Petersdomes läuteten »Habemus Papam«, wir haben einen Papst. Über die Etappen als Experte in Theologie, Erzbischof und Präfekt der Glaubenskongregation hatte es Joseph Ratzinger zielstrebig an die Spitze der Papstmonarchie geschafft.

Nach nur 26 Stunden Konklave war er im vierten Wahlgang von 115 Kardinälen zum 265. Papst der katholischen Kirchengeschichte gewählt worden. Vatikanexperten waren sich über Ratzingers Wahl, der als bevorzugter Papabile (Papstkandidat) des verstorbenen Johannes Paul II. galt, nahezu sicher gewesen. Fast alle Kardinäle im Konklave waren von Wojtyla ernannt worden, der dafür bekannt war, dass er nur seine Linie bedingungslos unterstützende Konservative in diesen Rang erhob. In Ratzinger hatte er den Nachfolger gesehen, der seinen Kurs vorbehaltlos fortsetzen werde. (...)

Der deutsche Episkopat, das reichste Glied der katholischen Kirche, hatte bereits bei der Wahl Wojtylas ein gewichtiges Wort zu sprechen. Bei Ratzinger war es nicht anders. Als noch ein starker sozialistischer Block existiert hatte, war ein polnischer Papst im Bündnis mit dem »Arbeiterführer« Walesa  die richtige Wahl gewesen. »Nun, da der Kommunismus in Osteuropa gestürzt ist, kann ein Deutschordensritter die Kolonisation selbst in die Hand nehmen«.(1) (...)

Ratzinger nahm den Namen Benedikt XVI. an. (...) Zurückreichend ins Mittelalter des Wütens gegen die Ketzer und Abtrünnigen, wo Joseph Ratzinger gern seine Vorbilder sucht, (gibt es) einen Benedikt XII. (1334-1342). Er wirkte in der Zeit des »Großen Schisma«, der Kirchenspaltung. Der heutige Benedikt XVI. will das seit Luther  bestehende Schisma überwinden. Grundlage dafür soll die Anerkennung der katholischen Kirche als der allein selig machenden sein: Wie damals soll sie auch heute die entscheidende geistliche Basis der Gesellschaft und des Staates bilden. Denn ein Staat ohne Christentum ist, wie Ratzinger postulierte, »eine Räuberbande«. Das gerät schon in die Nähe der »Schurkenstaaten« von Ex-US-Präsident George W. Bush und seiner »Achse des Bösen«. Damit passt die klerikale zu einer imperialistischen Offensive.

Zum Konzept dieses Papstes gehört auch der Grundsatz, »die Kirche (selbstredend die römisch-katholische) ist alles und alles andere im Grunde genommen nichts«, den der Kirchenvater und Bischof von Karthago Cyprian (236-250) aufstellte. Ihn hat Benedikt XVI. zu seinem großen historischen Leitbild erkoren. (...)
 
Seine erste im Januar 2006 veröffentlichte Enzyklika nannte Benedikt XVI. »Deus caritas est« (Gott ist die Liebe). Es gab hohes Lob in der kurienfreundlichen Öffentlichkeit. Wenn aber noch immer von Illusionen befangene Gläubige erhofft hatten, es werde sich an der Einstellung der Kurie und in Sonderheit des neuen Papstes zu Themen wie Sexualität und Lust, Körper und Leib etwas ändern, konnten sie dazu noch nicht einmal etwas zwischen den Zeilen finden. (...) Mit »Deus caritas est« reihte sich Benedikt in die Kette der Sozialenzykliken seit Leo XIII. ein. Entgegen den illusionären Hoffnungen, er werde nun Reformideen, von denen er nicht selten sprach, umsetzen, verkündete er im Grundsatz, dass alles so bleibt, wie es ist: Der Traum, durch »Vergesellschaftung der Produktionsmittel« werde »plötzlich alles anders und besser werden«, sei zerronnen. Die katholische Soziallehre habe über den Marxismus gesiegt. Wenn Ratzinger feststellt, sie sei in der Welt von heute zu »einer grundlegenden Wegweisung« nicht nur für die Kirche geworden, dann erneuert er, auch wenn es so eindeutig nicht wiederholt wird, die Verdammung des Sozialismus als »Pest« und die »Wegweisung«, wie der Staat gegen ihn vorzugehen habe: nämlich »nicht (zu) zögern, mit starker Hand zuzufassen«, wenn »die Massen sich von üblen Doktrinen hinreißen lassen«.(2) (...)

In seiner Studie »Hannibal ante Portas« hat Hans Heinz Holz (...) an Hand der aufeinander folgenden Attacken belegt, dass der deutsche Papst »eine generalstabsmäßig geplante Offensive gegen jede Modernisierung der alleinseligmachenden Kirche in einer pluralen Welt einleitet.« In diesem Kontext ist es, so Holz, »wohlüberlegt, wenn er die 2. Koran-Sure falsch zitiert; ist es wohlüberlegt, wenn er den nicht-katholischen ›Ungläubigen‹ eine Perversion der Humanität vorwirft.«(3) (...)    


Von Benedikt gemaßregelt –
Befreiungstheologe Jon Sobrino
Quelle: http://dlibrary.acu.edu.au
Im Mai 2007 reiste Benedikt XVI. das erste Mal nach Lateinamerika (Brasilien). Vor Reiseantritt machte er unmissverständlich klar, dass er auch als Papst weiter mit aller Härte gegen die Befreiungstheologen vorgehen werde. Als warnendes Beispiel maßregelte er deren standhaften Vertreter Jon Sobrino. Dieser hatte ihm Anfang der 1980er Jahre in zwei Büchern widersprochen, die zu theologischen Standardwerken aufstiegen: »Jesucristo liberador« (Der befreiende Christus) und »La fe en Jesucristo« (Der Glaube an Jesus Christus). Sobrino,  der als Einziger von sieben Jesuiten 1989 in El Salvador ein Massaker einer Todesschwadron überlebte, verband »den Christus, den Träger messianischer Hoffnung, mit der Befreiung der Unterdrückten« und kritisierte, dass eine (von Rom vertretene) Trennung dieses Zusammenhangs »ganz im Interesse der Mächtigen und Unterdrücker« sei. (...)  Die Rüge zeigte wenig Wirkung. Während seines Aufenthalts in Brasilien und der Teilnahme an der fünften Vollversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe, der ersten, die seit 1992 stattfand, wurde der Papst, mehr als ihm lieb war, mit den Auffassungen Sobrinos konfrontiert. (...)

Joseph Ratzinger habe »immer für den Alleinvertretungsanspruch« der katholischen Kirche gestanden, betonte die Vertreterin der Initiative »Maria von Magdala«, Annegret Laakmann, die sich für die Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche einsetzt. Sie verweist darauf, dass jener zu den Autoren der Erklärung »Dominus Jesus« gehört, in der »den evangelischen Christinnen und Christen das Kirchesein abgesprochen wird«. Das heißt, er attackiere nicht nur die nichtchristlichen »Ungläubigen«. Sein Bannstrahl ziele auch auf alle außerhalb seiner Kirche stehenden Christen. Er spreche den Protestanten das Existenzrecht ab, »eine kirchliche Gemeinde in der Christenheit zu sein«, und degradiere »sie sozusagen zu religiösen Freibeutern«.(4) (...)
 
Im Oktober 2007 sprach Benedikt 498 sog. Kreuzritter Francos selig. Es handelte sich um katholische Geistliche und Ordensleute, die im Bürgerkrieg auf Seiten Francos standen und ums Leben kamen. Diese Seligsprechung offenbarte einen weiteren Aspekt seiner Offensive: die Rehabilitierung des Bündnisses der katholischen Kirche mit dem Faschismus, wie es auch während der Niederschlagung der Volksfront in Spanien praktiziert wurde.(...) Mit ihrer Seligsprechung wurde diesen »Besten« der Katholiken, so Pius XII. in einer Glückwunschbotschaft an Franco, die vor der Heiligsprechung höchste Ehrung zuteil, die ein Papst zu vergeben hat. Bestätigt wurde damit auch ihre Würdigung durch den Pacelli-Papst, dass sie als Gottes »wichtigste Diener« eines »uneinnehmbaren Bollwerks des katholischen Glaubens« und im »Namen der ewigen Werte der Religion« handelten, als sie an der Seite des Massenmörders Franco den »Anhängern des materialistischen Atheismus« entgegentraten. (...)


Eugenio Pacelli, später Pius XII, trifft 1933
in Berlin zur Unterzeichnung des Konkordats
mit der Nazi-Regierung ein
Quelle: www.kaos-archiv.de
Übertrifft der jetzige Papst also seinen Vorgänger in Faschistenfreundlichkeit, in Verteidigung des kapitalistischen Ausbeuter- und Unterdrückungssystems und vor allem in menschenfeindlichem Vorgehen? Dabei ist zu bedenken, dass Wojtyla auf seine polnische Herkunft eine gewisse Rücksicht nehmen musste. Er konnte nicht »Arbeiterrechte« propagieren und gleichzeitig die allgemeinen Menschenrechte so mit Füssen treten, wie es jetzt sein Nachfolger praktiziert. Er konnte auch nicht den Gehorsam der Unterdrückten gegenüber den kapitalistischen Staaten einfordern und gleichzeitig offen zum Ungehorsam gegenüber der sozialistischen polnischen Obrigkeit aufrufen. Vor allem aber konnte Wojtyla, der unter dem Besatzungsregime der Hitlerwehrmacht in Polen aufwuchs und Wert auf ein antifaschistisches Image legte, nicht einen Schritt tun, wie Ratzinger ihn ging, indem er für den als Holocaustleugner bekannt gewordenen britischen Bischof Richard Williamson und drei seiner Gefolgsleute im Januar 2009 den Kirchenbann löste, um sie zusammen mit ihrer rechtsradikalen Piusbruderschaft in die Gemeinschaft der katholischen Kirche zurückzuführen. (PK)

(1) Hans Heinz Holz: Ratzinger. Marxistische Blätter, 6/2006.
(2) Ignazio Silone über die in »Rerum novarum« fixierte Funktion des Staates. In: Der Faschismus, Frankfurt/Main 1984, bes. S. 242 f.
(3) „junge Welt“, 20./21. Okt. 2007.
(4) Interview für ND, 21. April 2005.

Einen Bericht dazu, warum Benedikt XVI. jetzt Pius XII.seligsprechen will, finden Sie unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14633
(PK)

Mit diesem dritten Teil beenden wir den Vorabdruck aus Gerhard Feldbauers Buch “Der Heilige Vater - Benedikt XVI.: Ein Papst und seine Tradition“
209 Seiten, EUR 14,90 [D], PapyRossa Verlag, Köln 2010, ISBN 978-3-89438-415-9

Online-Flyer Nr. 238  vom 24.02.2010

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