NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

zurück  
Druckversion

Kultur und Wissen
"Utopische Realpolitik" - Selbstorganisation der Basis:
Das Beispiel Bolivien – Teil 1
Von Helge Buttkereit

In der NRhZ-Ausgabe 237 brachten wir eine Rezension von Helge Buttkereits Buch "Utopische Realpolitik - Die Neue Linke in Lateinamerika" [1] Hier nun wegen des Interesses, das einige LeserInnen aufgrund der Rezension angemeldet haben, ein Auszug aus dem Kapitel "Prinzipien der Neuen Linken am Beispiel Boliviens" in zwei Teilen. – Die Redaktion


Evo Morales
Quelle: www.maya-culture.de
Die Neue Linke in Lateinamerika wird – zumindest hierzulande – meist von oben betrachtet. Sie besteht nach dieser Lesart aus Chávez, Correa und Morales, den anti-neoliberalen Präsidenten des Kontinents. Das ist aber nur eine Seite. Das entscheidend Neue an der Neuen Linken ist, dass sie auf der Unterstützung der Basis beruht, einer selbstorganisierten und selbsttätigen Basis, die ihr Schicksal nicht mehr passiv hinnehmen will. Diese Basis bildet sich aus Menschen, die über Jahrzehnte unterdrückt wurden und keine wirkliche Stimme hatten – dies gilt insbesondere für die Indigenen – oder die durch paternalistische Gesten von oben und Klientelismus eingelullt worden sind. Deswegen ist es entscheidend, die Bewegung von unten her zu sehen, wie weit sie organisiert ist und wo ihre Grenzen liegen. Denn auf die Menschen und auf ihre Organisation kommt es an. Darauf, dass sie erkennen, dass sie etwas erreichen können und sich die Welt nur dann so weiter dreht wie bisher, wenn sie mitmachen. Wenn sie sich verweigern und versuchen, etwas Neues zu schaffen, kann ein Prozess der Veränderung in Gang kommen und nachhaltig sein. Sonst nicht.



Spätestens seitdem die Folgen des Neoliberalismus konkret spürbar sind, organisieren die Menschen an der Basis in Lateinamerika nicht nur ihr eigenes Leben. Immer mehr verstehen auch, dass die Organisation in der comunidad [2] nur dann die Situation konkret verbessern kann, wenn sie – von unten aus – das Ganze in den Blick nimmt. Prototypisch geschah dies in Bolivien, wo die MAS, das "politische Instrument für die Souveränität der Völker" aus den sozialen Bewegungen heraus entstand. In Ecuador lief die Bildung der CONAIE ähnlich, und die Basisgruppen in Venezuela zeigten ihre Kraft 2002, verließen beim Putsch gegen Chávez die Barrios, wurden für ihren Präsidenten aktiv und ermöglichten so seine Rückkehr. Nicht zuletzt zeigt die Protektion der früheren bolivianischen Zirkel von oben, wie wichtig der Präsident die Basis seit Beginn seiner Amtszeit nimmt. Das Wort, das die Venezolaner dafür verwenden, ist protagonismo. Es beschreibt die praktische Einbindung der Basis als Protagonisten, also als konkrete historische Subjekte, die zum Prinzip geworden ist. Auch für die Zapatisten ist die Organisation von unten konstituierendes Element der gesamten Bewegung, sie hingegen lehnen als Gegenentwurf zu den linken Präsidenten das "Oben" ab und leben und organisieren sich nur unten an der Basis.

Beschäftigen sich die Menschen in Lateinamerika heute mit der "großen Politik", ist ihre Basis die Organisation vor Ort und meist auch die konkrete persönliche Betroffenheit. Die Trennung von privatem und politischem Leben ist oftmals aufgehoben oder hat gar nie existiert. Die Basis für diese Art der Organisation ist die comunidad (...). Die Akteure sind sich dessen bewusst, wie beispielsweise der folgende Auszug aus dem Programm der bolivianischen MAS aus dem Jahr 2001 zeigt: "Wenn die kapitalistische Wirtschaft des Austausches und der Akkumulation, die die Herrschaft des Privateigentums voraussetzt, uns die äußerste Armut gebracht hat, so haben wir keine andere Option, als unsere ökonomischen Prinzipien der Reziprozität und Umverteilung wieder aufzunehmen, das heißt, für das Gemeinwohl zu produzieren. (...) Unsere Gemeinden sollen nach den Prinzipien des ayllu, des ayni, der mink’a und der minga (Formen des Gemeinbesitzes und der gemeinschaftlichen Arbeit – H. B.) funktionieren, auf keinem Fall nach den Prinzipien der kapitalistischen Marktwirtschaft."


Gestützt auf Dorfgemeinschaften – der Bolivianische Bioverband AOPEB
Quelle: www.interlama.net/

Die deutsche Lateinamerikaforscherin (mit Wurzeln in der DDR) Helma Chrenko, der ich dieses Zitat verdanke, hebt sich wohltuend ab von dem allgemeinen Fortschrittsglauben der Linken, der sicherlich einer der Gründe ist, weswegen hierzulande die Bedeutung der traditionellen Organisation der comunidad wenig gewürdigt wird. Chrenko schrieb 2003, also vor den Wahlsiegen von Morales und Correa: "Grundlegend und gemeinsam im Konzept der neuen Gesellschaft, das von den verschiedenen Kräften, meist keimhaft, vertreten wird, ist ihr partizipativdemokratischer Charakter, ihre Basis im lokalen Bereich, ihre konsensorientierte Ausrichtung. Sie streben die Errichtung einer neuen, einer Demokratie anderer Art als der heute unter diesem Begriff erfahrenen an. Das bedeutende revolutionäre Potential dieses Leitbildes für eine alternative Gesellschaft, in der Unterschiede und unterschiedliche Interessen respektiert werden, wird bisher in linker Politik ungenügend genutzt." Denn es gehört ins Stammbuch nicht nur der neoliberalen Kapitalisten das folgende geschrieben: "Die Modernität und Kultur, die man den indigenen Gemeinschaften zu bringen verspricht, bedeutet die Vernichtung ihrer eigenen Kultur zum Zweck ihrer Einbeziehung in die Welt der Konsumenten, zur Vernutzung ihrer Ressourcen, von der Natur bis zu ihrem traditionellen Wissen, und zur zwangsweisen Homogenisierung der Lebenswelten im Sinne der neoliberalen Globalisierung. Der Widerstand dagegen hat im Wesentlichen keinen rückwärtsgewandten Charakter, sondern ist von der Erkenntnis getragen, dass der als Modell angesehene ›westliche‹ Lebensstil, die Zivilisationsweise der Industrieländer, die auf ungehemmtem Ressourcenverbrauch und der Marktförmigkeit aller Lebensäußerungen beruht, die Welt zugrunde richtet und kein gangbarer Entwicklungsweg ist" (Chrenko 2008: 87).

Natürlich kann die Organisation der Dorfgemeinde von einer progressiven Bewegung nicht einfach unbesehen übernommen werden, wenn wir die comunidad als Keimzelle für eine neue, antikapitalistische, solidarische Gesellschaft verstehen. (...) Vielmehr ist wichtig – allgemein gesagt –, "neu zu fragen, was das Dorf ökonomisch, ökologisch und sozial zur Neuorientierung von Wirtschaft und Gesellschaft beitragen kann" (Wielenga 1995: 828). Es geht um eine "befreiende Konzeption von Gemeinschaft", die "theoretisch wie politisch unverzichtbar" ist (Thielen 1993: 85), wofür die Erfahrungen aus dörflichen Basisgemeinschaften rezipiert werden müssen. Nicht nur aufgrund des Satzes aus dem kommunistischen Manifest, dass die Bourgeoisie "bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen" habe (MEW 4, S. 466), den Marx selber wie in der Einleitung dargelegt abgeschwächt hat, ist "Gemeinschaft" hierzulande in der Linken verpönt. Denn der Begriff ist in den ideologischen Kontext der Nationalsozialisten hineingezogen worden, wird vor allem als "Volksgemeinschaft" gesehen.

Um solch eine regressive Form der Gemeinschaft geht es nicht. Regressive Formen von Gemeinschaft wie die nationalsozialistische Volksgemeinschaft aber auch die kollektivistische Agrargemeinde haben eine Abstraktion zur Grundlage. Sie entstehen nicht aus der Entscheidung und dem Streben des Gattungswesens Mensch zur Gemeinschaft, sondern setzen sie als ihm äußerlich voraus. Deswegen müssen all diejenigen, die sich dieser Abstraktion von den konkreten Bedürfnissen und Fähigkeiten der vergemeinschafteten Individuen widersetzen, ausgestoßen werden. Sie können nur dann in die Gemeinschaft zurückkehren, wenn sie sich dem abstrahierten Gemeinwohl unterordnen, in dem Gemeinschaft abstrakt und nicht Produkt der Assoziierten ist. Gemeinschaft in befreiender, solidarischer Perspektive beschreibt "eine notwendige Ordnung von egalitären und demokratischen Arbeits- und Rechtsbeziehungen zusammen mit einem freien Spiel mitmenschlicher Anerkennung und Geborgenheit, die beide die einzigartige Persönlichkeit jedes Individuums fördern" (Thielen 1993: 85).

Dabei ist die Situation in Lateinamerika deshalb eine besondere, weil die traditionelle Dorfgemeinde bei allen Veränderungen mit ihrem kommunitären Kern überlebt hat. Er beruht auf dem gemeinschaftlichen Leben und Produzieren in einer Konsensdemokratie, die alle Mitglieder der comunidad einschließt, und er bildet zugleich den Ausgangspunkt eines indigenen Sozialismus, wie ihn José Carlos Mariátegui bereits in den 1930er Jahren formuliert hat und wie er heute zumindest in Bolivien als Gesellschaftsmodell denkbar scheint. Entscheidend für eine Modifikation des archaischen Systems in eine höhere Form, wie es bei Marx heißt (MEW 19: 386), ist dabei aber die Erweiterung um die Freiheit des einzelnen, die im traditionellen Verständnis nicht vorkommt, so dass die ungebrochene Berufung auf dieses Modell immer Gefahr läuft, eine Zwangskollektivierung zum Ziel zu haben (...).

Die Lateinamerikaforscherin Juliane Ströbele-Gregor erläuterte am Beispiel Bolivien Möglichkeiten und Grenzen des comunidad-Systems wie folgt: "Bei den Formen der Teilhabe innerhalb der soziopolitischen Organisationen handelt es sich nicht um demokratische Strukturen im Sinne der westlichen repräsentativen Demokratie. Sie basieren vielmehr auf Formen der direkten Demokratie, etwa der Partizipation in der asamblea, der Vollversammlung, die ein zentrales Element sämtlicher indigener Organisationen ist. Allerdings basiert diese Teilhabe nicht immer auf Freiwilligkeit, sondern eine soziale ›Selbstverständlichkeit‹ liegt dieser Partizipation zugrunde und Verweigerung wird sanktioniert. In der politischen Kultur der Aymara und Quetchua sind Gruppenharmonie und Kollektivität statt Individualismus und daraus abgeleitet Konsensentscheidungen, Reziprozität, Dienst für die Gemeinschaft, Würde und Respekt die Leitideen des Zusammenlebens. Von der Gemeinschaft abweichendes Verhalten oder Dissens werden sozial sanktioniert – mit dem Ziel, Harmonie wiederherzustellen. Das heißt, dass es auf der politischen Ebene kein Minderheitenvotum gibt. Wo Konsens nicht hergestellt werden kann, erfolgt der Bruch" (Ströbele-Gregor 2008: 135).

Der Konflikt zwischen dem einzelnen und der über ihm schwebenden Gemeinschaft hat einen ökonomischen Kern, der nicht übergangen werden darf. So wird jemandem, der durch eine besondere Fähigkeit ein Mehrprodukt erwirtschaftet, dieses auf verschiedene Weise in den auf diesem Prinzip beruhenden Gemeinschaften wieder abgenommen und meist für mythisch-religiöse Zwecke verwandt. Der Betreffende kann aber auch, zum Teil zusätzlich, dazu verpflichtet werden, ein kostspieliges Fest auszurichten oder ein kostenintensives Amt in der Gemeinschaft auszuüben. Es führt jetzt zu weit, die Möglichkeiten zu diskutieren, wie der Nivellierung der jeweiligen persönlichen Stärken und Schwächen jedes einzelnen entgegengetreten werden könnte – die zudem historisch zur Stagnation dieser archaischen Gesellschaften geführt hat – und wie die Gemeinschaft auf Grundlage der freien Entscheidung der Assoziierten gebildet werden kann. Um ein Stichwort zu geben: Es wäre ein Schritt in die richtige Richtung, über eine Verbindung des positiven Gehalts der westlichen Kultur, der Anerkennung der konkreten einzigartigen Person, wie sie insbesondere der christliche Universalismus verkörpert [3], mit der andinen Organisation der Gemeinschaft zu diskutieren.

Bedenken wir diese Beschränkungen, so ist das heutige Bolivien in Neugründung (...) "ein Feld, die Linke neu zu definieren" (Rivera Cusicanqui 2007: 19), wobei diese Neudefinition von der comunidad aus geschehen und dabei eben auch sie selbst verändern muss, um nachhaltig zu sein. Gleichzeitig bietet sie die Basis für eine solidarische Ökonomie, die nicht auf dem Warenaustausch und der Konkurrenz der einzelnen Glieder der Gesellschaft beruht, also nicht auf einer Verdinglichung der einzelnen, sondern auf einem solidarischen Miteinander und auf den konkreten Bedürfnissen des einzelnen. (PK)

[1] http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14798
[2] Für "comunidad" gibt es keine Entsprechung im Deutschen, da die Art der lokalen Gemeinschaft in der westlichen Gesellschaft kaum mehr vorhanden ist. Historisch ist sie hierzulande am ehesten vergleichbar mit ländlichen Genossenschaften, Dorfgemeinschaften oder Zünften in der Zeit vor dem ausgebildeten Kapitalismus.
[3] Hierzu empfehle ich gerade den Skeptikern einen erklärten Atheisten wie Badiou (2002).

Literatur:
Chrenko, Helma (2003): Soziale Bewegungen und linke Parteien in der Andenregion – Prozesse der Herausbildung einer neuen Hegemonie? Studie für die Rosa-Luxemburg-Stiftung (unveröffentlicht)
Chrenko, Helma (2008): Bolivien – Aufbruch in eine neue Zeit, in: Modrow, Hans/Schulz, Dietmar 2008: Lateinamerika, eine neue Ära? Berlin, S. 81-101.
Rivera Cusicanqui, Silvia (2007): Der Aufbau neuer gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse: Erfahrungen in Bolivien. Die indigene Bewegung und die Linke, in: Pankower Vorträge 97, S. 15–24
Ströbele-Gregor, Juliane (2008): Kanon mit Gegenstimme – Soziale Bewegungen und Politik in Bolivien, in: Schmalz, Stefan/Tittor, Anne (Hg.): Jenseits von Subcomandante Marcos und
Thielen, Helmut (1993): Subversion und Gemeinschaft, Befreiung in der Zeitenwende, Hamburg
Wielenga, Bastian (1995): Dorfgemeinschaft, in: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 2, Berlin

Helge Buttkereit, "Utopische Realpolitik - Die Neue Linke in Lateinamerika“, Pahl-Rugenstein Verlag (ISBN 978-3-89144-424-5), 162 Seiten, 16,90 Euro, http://www.utopische-realpolitik.de

Online-Flyer Nr. 238  vom 24.02.2010

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE