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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Globales
Interview mit der Cap Anamur-Vorsitzenden über Hilfe für Haiti:
„Strukturen im Land verändern“
Von Peter Kleinert

Bereits am Wochenende nach dem katastrophalen Erdbeben trafen die ersten Mitarbeiter der Hilfsorganisation Cap Anamur / Deutsche Not-Ärzte e.V. in Haiti ein, das sie bereits von früheren Einsätzen kannten. In erster Linie ging es zunächst um medizinische Nothilfe. Denn auch eine Woche nach dem Beben waren unzählige Opfer noch nicht versorgt. „Die Zerstörung ist immens. Mit der akuten Hilfe ist es hier lange nicht getan. Das Land aufzubauen und den Menschen wieder Hoffnung zu geben, wird Jahre dauern. Deswegen beteiligen wir uns nicht nur an der Soforthilfe, sondern helfen auch beim Wiederaufbau. Bitte unterstützen Sie uns dabei“, appelliert Dr. Edith Fischnaller, Vorstandsvorsitzende des Vereins.


Cap Anamur-Vorsitzende Dr. Edith
Fischnaller
Quelle: Cap Anamur / Jürgen Escher
Peter Kleinert: Hat es nach der Erdbebenkatastrophe für Haiti, das ja schon vorher zu den ärmsten Ländern der Welt gehörte, genügend Unterstützung gegeben.
 
Edith Fischnaller: Nach dem Beben waren innerhalb von kürzester Zeit sehr viele Hilfsorganisationen vor Ort. Allerdings gibt es auch heute noch immer Gebiete, in denen die Hilfe nicht angekommen ist. In anderen Orten gibt es dafür einen regelrechte Überversorgung. Es mangelt also nicht an Unterstützung, allerdings könnte diese besser koordiniert und verteilt sein.





Dr. Edith Fischnaller in einem der Versorgungszelte vor dem Krankenhaus in Petit-Goâve.
Quelle: Cap Anamur

Ein andere Schwierigkeit für die Erdbebenopfer könnte sich daraus ergeben, dass sich Vieles nur auf die Nothilfe konzentriert. In der ersten Phase nach einer solchen Katastrophe ist das natürlich essentiell. Aber auch in den Wochen, Monaten und Jahren danach wird Haiti unsere Hilfe benötigen. Und zwar in Form von Projekten, die langfristig helfen. Auch dann noch, wenn die Spendengelder ausgegeben sind.
Ich hoffe sehr, dass sich nun die Strukturen im Land verändern: Das Gesundheitsministerium hat kein Geld für die Gehälter des medizinischen Personals. Größtenteils arbeitet es ohne Bezahlung. Das war auch schon vor der Katastrophe so. Vielleicht führt dieses Ereignis ja dazu, dass mehr Geld für das Gesundheitswesen und die Gehälter zur Verfügung gestellt wird.

Peter Kleinert: Wie sah die Hilfe von Cap Anamur aus? Wie unterschied sie sich von der Hilfe anderer Organisationen? Sind Helfer Ihrer Organisation dort auch jetzt noch notwendig?

Edith Fischnaller: Zunächst haben wir in Port-au-Prince und Gressier Nothilfe geleistet: Medizinisch und durch die Verteilung von Lebensmitteln. Danach haben wir die Versorgung des Krankenhauses in Petit-Goâve sichergestellt. Mehrere der Gebäude sind komplett ruiniert. Die anderen einsturzgefährdet. Deswegen findet die stationäre und ambulante Behandlung in Zelten vor den Gebäuden statt. Die Menschen haben ohnehin zu viel Angst, um die Gebäude zu betreten.


Eingestürzte Wohnhäuser in Port-au-Prince
Quelle: Cap Anamur / Jürgen Escher

Gemeinsam mit dem dortigen Personal betreuen wir das Krankenhaus medizinisch und logistisch. Wir bauen die zerstörten Stationen wieder auf und renovieren die anderen. Die Patienten und auch das Personal werden mit Lebensmitteln und Planen sowie Zelten versorgt. Denn auch die Mitarbeiter des Krankenhauses sind Opfer des Erdbebens geworden.
In dem Gesundheitszentrum in Gressier werden wir einen Erweiterungstrakt bauen, eine Gynäkologie mit Entbindungsstation. Darüber hinaus geben wir Medikamente, Lebensmittel sowie Zelte und Planen in zwei Zeltstädten aus. Als mobile Versorgungseinheit besuchen unsere Mitarbeiter die Lager einmal in der Woche, um Menschen zu untersuchen und zu impfen. Und in Gressier beginnen wir damit, eine Schule wiederaufzubauen.
Wir konzentrieren uns auf Projekte, die den Menschen auf lange Sicht helfen, auch noch nach Rückzug der Hilfsorganisationen. Aber die Hilfe von außen wird in Haiti noch lange benötigt.
Wir sind dabei auf die Unterstützung unserer Spender angewiesen. Denn wir haben uns viel vorgenommen: den Aufbau und die Renovierung der Krankenhausgebäude, die Strom- und Wasserversorgung, den Bau der Entbindungsstation für das Gesundheitszentrum, den Neubau von Schulen und die Bereitstellung von Baumaterial für den Aufbau von Wohnhäuser. Darüber hinaus werden Medikamente, Lebensmittel, Zelte und Planen benötigt.


Cap-Anamur-Arzt Mathias Lindstedt im Gespräch mit Betreuern des Camps in Gaston
Quelle: Cap Anamur / Jürgen Escher)

Peter Kleinert: Im britischen Guardian las man am 22. Januar von Protesten nordamerikanischer Hilfsorganisationen und Haiti-Unterstützer, die sich darüber beschwerten, Flugzeugen mit medizinischer Ausrüstung sei mehrfach die Landung in Port au Prince verweigert worden, weil der Flughafen durch die Anreise von tausenden US-Soldaten wegen angeblicher Gewalt der Menschen dort  regelrecht blockiert worden sei. War der Auftrag der US-Soldaten nicht ein ganz anderer?

Edith Fischnaller: Zum Auftrag der US-Soldaten kann ich nichts sagen. Aber gerade in der ersten Phase der Nothilfe hat die Situation am Flughafen unsere Arbeit sehr erschwert. Unser Hilfsgütertransport wurde verzögert und wir mussten unser dringend benötigtes Material anders beschaffen. Was in Anbetracht der zusammengebrochenen Infrastruktur eine große Herausforderung war.

Peter Kleinert: Es wäre doch z.B. denkbar, dass die USA, die das Land ja schon lange als ihren Hinterhof betrachten, verhindern wollten, dass Haiti ins kubanisch-venezolanische Lager wechselt. Schließlich waren – laut Telesur – schon lange vor dem Erbeben, einige hundert kubanische Ärzte in Haiti; und Kuba und Venezuela sollen unmittelbar darauf weitere Ärzte und Hilfsmittel geschickt haben. Haben Sie das wahrgenommen, denn „unsere“ Medien haben darüber allerdings nicht berichtet.
   
Edith Fischnaller: In dem Krankenhaus in Petit-Goâve, in dem Cap Anamur tätig ist, wäre die Sicherstellung der Versorgung ohne die Arbeit der kubanischen Ärzte nicht zu bewerkstelligen. Sie haben dort auch schon vor dem Beben gearbeitet. Nach der Katastrophe sind noch weitere kubanische Ärzte dazu gekommen. Ohne sie hätten wir nur einen Bruchteil der Patienten versorgen können. Das kubanische Personal arbeitet unglaublich engagiert. Dabei beträgt ihr Gehalt gerade mal 290 Dollar. Das ist in vielen haitianischen Krankenhäusern so. Für uns sind die kubanischen Mitarbeiter eine unerlässliche Hilfe. (PK)


Dr. Edith Fischnaller (46), Ausbildung als Krankenschwester, rund fünf Jahre im Bundeswehrkrankenhaus Ulm, sieben Jahre als Krankenschwester für Cap Anamur bis 1994 in Uganda, Afghanistan, Mosambik, Sudan, Äthiopien und Angola, mit zweijähriger Unterbrechung von 1990 bis 1992 für das Abitur, Studium an der Universität Bonn, Facharztausbildung: Hygiene- und Umweltmedizin, am Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn, parallel zum Studium: Logistik und medizinische Leitung für Cap Anamur, Vorstandsvorsitz Cap Anamur seit 2004, seitdem: regelmäßige Projektbesuche.

Spendenkonto:
Cap Anamur / Deutsche Not-Ärzte e.V.
Sparkasse KölnBonn
Kontonummer: 2 222 222
Bankleitzahl: 370 501 98

Online-Flyer Nr. 241  vom 17.03.2010

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