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Kultur und Wissen
Iralienischer Kommunist, Internationalist und revolutionärer Militär
Luigi Longo zum 110. Geburtstag
Von Gerhard Feldbauer

Völlig zu Unrecht wird Luigi Longo zu Lebzeiten Palmiro Togliattis (1893-1964), seit 1926 bis zu seinem Tod Generalsekretär der IKP, oft in dessen Schatten gestellt. Dabei hat er bei der Umsetzung der Politik der Partei immer ebenbürtig neben ihm gewirkt. Die Verwirklichung der von Togliatti konzipierten „Wende von Salerno“, die Schaffung der nationalen Einheitsregierung im April 1944, war vor allem  sein Werk. Als einer der beiden Befehlshaber der Partisanenarmee - der andere war der Sozialistenführer Sandro Pertini (1896-1988) - gewann er die Partisanenkommandeure, von den Kommunisten und Sozialisten über die Christdemokraten bis zu den Monarchisten für das antifaschistische Bündnis gegen Hitlerdeutschland und gewährleistete damit dessen Zustandekommen.


Luigi Longo (1969)
Quelle: www.portalestoria.net
Am 15. März 1900 als Sohn eines kleinen Weinbauern im Randgebiet der FIAT-Metropole Turin geboren,  erlebte Luigi Longo 1917 den Antikriegsaufstand, trat als Student des Politechnikums dem sozialistischen Jugendverband  und schon bald der Sozialistischen Partei bei. 1920 nimmt er an den Fabrikbesetzungen und der Aufstellung Roter Garden teil.  Im  Januar 1921 gehört er in Livorno zu den  Mitgliedern der Ordine Nuovo Antonio Gramscis (1891-1937), welche die IKP gründen, also die Italienische Kommunistische Partei, italienisch: Partito Comunista Italiano (PCI). Auf dem IV. Kongress der Kommunistischen Internationale (KI), der im November 1922 eröffnet wird, ist er Mitglied der italienischen Delegation. 1927 wird er ins Politbüro und in das Sekretariat des Zentralkomitees der seit 1926 verbotenen IKP aufgenommen. 928 delegiert ihn die Partei zum VI. Kongress der KI, die ihn 1933 in ihr Exekutivkomitee aufnimmt.

In der Partei für die von Gramsci ausgearbeitete Bündnispolitik und die Herstellung einer breiten antifaschistischen Einheitsfront zuständig, sieht Longo die entscheidende Grundlage dazu im Zusammenwirken mit den Sozialisten. Er wendet sich gegen die schädliche Sozialfaschismusthese und hat außerordentlichen Anteil am Zustandekommen des Aktionseinheitsabkommens mit der ISP, das er 1934 mit dem Sozialistenführer Pietro Nenni  (1891-1980) unterzeichnet. Das 1937 auf  marxistischen Grundlagen erneuerte Bündnis strahlt  auf bürgerliche antifaschistische Schichten aus, beeinflusst führende  Kreise der Großbourgeoisie im Juli 1943 Mussolini zu stürzen, sich dem von den Kommunisten  initiierten nationalen Befreiungskomitee (CLN) anzuschließen und 1944 der nationalen Einheitsregierung zuzustimmen.

Generalinspekteur der Internationalen Brigaden

In die Führung der Partisanenarmee, die nach der Okkupation Nord- und Mittelitaliens durch die Hitlerwehrmacht  formiert wird, bringt Longo seine reichen militärischen Erfahrungen aus dem spanischen Bürgerkrieg ein. Er war zunächst Politkommissar der Internationalen Garibaldi-Brigade, um schon kurze Zeit später als Generalinspekteur im Range eines Divisionsgeneral das Kommando über die zirka 50.000 aus 54 Ländern der Spanischen Republik zu Hilfe kommenden Antifaschisten aller Internationalen Brigaden zu übernehmen. Unter seinem Kampfnamen „Gallo“ wird er als einer der führenden Militärs bekannt. Nach einer schweren Verwundung bringt man ihn 1939 nach Frankreich, wo er in Paris verhaftet wird, später  ins Konzentrationslager Vernet kommt, 1941 nach Italien ausgeliefert und dort eingekerkert wird. Nach dem Sturz Mussolinis schlägt für ihn die Stunde der Befreiung.

Bereits am 8. September 1943 koordiniert er mit General Raffaele Cardona, einem der Militärs, die der Okkupation durch die Hitlerwehrmacht Widerstand leisten, das Zusammenwirken mit bewaffneten Antifaschisten. Zusammen mit der Division Granatieri ziehen sie noch am selben Tag an der Porta San Paolo im Stadtzentrum von Rom ins Gefecht. Longo hat großen Anteil an der Aufstellung der Partisanenarmee, die am Ende des Befreiungskrieges 256.000 reguläre Kämpfer zählt. Die IKP stellt mit ihren Garibaldi-Brigaden 155.000  Mann. Weitere 206.000 Partisanen sind  in den örtlichen Partisaneneinheiten Gruppi di Azione Patriottica organisiert, auch hier alle mehrheitlich Kommunisten und Sozialisten. Alle Partisanenformationen bestanden zu 85 bis 90 Prozent aus Arbeitern und Bauern.
 
Militärischer Chefplaner

Als militärischer Chefplaner  konzipierte Longo zahlreiche Operationen der Partisanen, gegen welche die Wehrmacht bereits Anfang 1944 fünfzehn Divisionen einsetzen musste. Die vom CLN am 10. April 1945 erlassene Direktive für den bewaffneten Aufstand ist unter seiner Leitung ausgearbeitet worden. Ebenso der Plan der letzten Offensive der  Partisanenarmee, die Ende April weit vor den angloamerikanischen Truppen zwischen Piemont und Venetien auf einer Breite von über 400 Kilometern vorstieß. Zahlreiche Wehrmachtskommandeure kapitulierten, darunter das X. Panzerkorps. Allein im Veneto ergaben sich 140.000 deutsche Soldaten den Partisanen.


Luigi Longo und Palmiro Togliatti auf dem achten PCI-Kongress 1956
Quelle: web.tiscali.it

1946 wurde Longo stellvertretender Generalsekretär der auf über zwei Millionen Mitglieder angewachsenen Partei. Die rechten Kreise der Democrazia Cristiana (DC), nunmehr führende Partei des Großkapitals, beugten sich dem Druck der USA und stürzten 1947 unter Ministerpräsident Alcide de Gasperi (1891-1954) die antifaschistische Einheitsregierung. Die IKP, die eine antifaschistische Umwälzung verfolgte, hatte versucht, das Bündnis fortzusetzen, ihr Generalsekretär Palmiro Togliatti hatte dazu weitreichende Zugeständnisse gemacht. Longo warnte vor zu weit gehenden Kompromissen sowie der Überschätzung der parlamentarischen Möglichkeiten und forderte, die Entwicklung der Kampfkraft der Partei nicht zu vernachlässigen. Im Juli 1948 wollte die von der CIA gesteuerte Reaktion mit einem faschistischen Mordanschlag auf Togliatti, bei dem dieser lebensgefährlich verletzt wurde, die IKP zu einem bewaffneten Aufstand provozieren, um mit ihr in einem Bürgerkrieg nach griechischem Beispiel per Blutbad abrechnen zu können. In dieser die Existenz der Partei bedrohenden Situation, war es vor allem Longo, der das mit seinem Einfluss unter den ehemaligen Partisanen verhinderte.

Gegen die Aufgabe von  Klassenpositionen  

Nach Togliattis Tod wurde Longo 1964 sein Nachfolger und hatte das Amt bis zur 1972 erfolgenden Wahl Enrico Berlinguers (1922-1984) inne. Er selbst wurde Vorsitzender. 1968 erlitt er einen Schlaganfall, der ihm linksseitig Hand und Bein lähmte, was seine Aktivitäten beeinträchtigte. Der von Nikita S. Chruschtschow (1894-1971) auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956  favorisierte parlamentarische Weg zum Sozialismus begünstigte in der IKP um  sich greifende reformistische Erscheinungen. Als die Partei 1976 mit 34 Prozent Wählerstimmen den zweiten Platz in Senat und Abgeordnetenkammer einnahm, erhielten diese Tendenzen weiteren Auftrieb. Im Rahmen der sogenannten eurokommunistischen Sozialismuskonzeption schloss  Berlinguer mit dem DC-Vorsitzenden Aldo Moro (1916-1978) ein „Historischer Kompromiss“ genanntes Abkommen über die Regierungszusammenarbeit mit der Partei des Großkapitals.

Longo befürwortete den Kampf um eine demokratische Wende und die Zusammenarbeit mit der DC bei der Zurückdrängung der faschistischen Gefahr, wandte sich jedoch gegen die Aufgabe von  Klassenpositionen der Partei, die in der  Lossagung vom Leninismus, der Anerkennung der kapitalistischen Marktwirtschaft und der absurden  Bewertung der NATO als unter bestimmten Bedingungen „Schutzschild“ eines italienischen Weges zum Sozialismus, gipfelten. Nachdem  Moro im Mai einem von der CIA und italienischen Geheimdienstkreisen inszenierten Mordanschlag zum Opfer gefallen war, scheiterte die Regierungszusammenarbeit. Auf dem Parteitag im Januar 1979 war es besonders Longo, der  die Beendigung des Regierungsbündnisses durchsetzte.

Über den kritischen Aspekten seiner Haltung zur KPdSU stand bei Longo stets sein unverändert konsequenter proletarischer Internationalismus und sein Bekenntnis zu dem in der Oktoberrevolution geschaffenen sozialistischen Staat. Er blieb bis zu seinem Tod am 16. Oktober 1980 ein überzeugter Marxist-Leninist. (PK)


Buch-Cover
Ausführlich zu Longo mit Kurzbiographien auch über  weitere im Beitrag angeführte Persönlichkeiten siehe das Buch des Autors „Marsch auf Rom - Faschismus und Antifaschismus in Italien“,
Papyrossa, Köln, 2002

Online-Flyer Nr. 242  vom 24.03.2010

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