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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Globales
Deutsch-Polnische Kontakte 65 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs
Wir sind auf einem guten Weg
Von Wolfgang Bittner

Das Wiedersehen mit Schlesien ist für den, der dort geboren ist und dessen Heimat es einmal war, immer auch eine Reise in die Vergangenheit. Die Gegenwart wird unabweisbar geprägt und durchdrungen von den Erinnerungen wie es einmal war und was sich dort ereignet hat. Die Frage ist nach wie vor: Wie können wir damit umgehen, wenn wir zwar der Überzeugung sind, dass der Verlust der Heimat ein Unrecht für Millionen Menschen war, dass die Ursachen aber in der mörderischen Politik des NS-Staates lagen und dass die Abtretung der deutschen Ostgebiete, die etwa 700 Jahre zum deutschen Reich gehörten, der zu erbringende Tribut Deutschlands für die Verbrechen während des Nationalsozialismus war – so schmerzlich diese Erkenntnis auch für viele Heimatvertriebene und Flüchtlinge sein mag.


Blick in die Aula der Leopoldina-Universität in Wroclaw/Breslau
Quelle: gesus-info.de

Meine wiederholten Lese- und Vortragsreisen nach Polen, insbesondere in die ehemals deutschen Gebiete, haben mir gezeigt, wie wichtig eine Verständigung mit diesem nicht einfachen Nachbarn ist, der Deutschland zugleich fürchtet und verehrt, hasst und liebt. Nicht zu vergessen ist dabei, dass man Deutschland in Polen – soweit es politisch gemäßigt zugeht – ebenfalls für einen schwierigen Nachbarn hält. Aber wir müssen zu einer Aussöhnung kommen, daran besteht kein Zweifel. Und wie es scheint, sind wir auf dem Wege dahin, jedoch noch lange nicht am Ziel. Denn die zu überwindenden Widerstände sind groß, die emotionalen Belastungen noch 65 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs auf beiden Seiten deutlich spürbar.

Kürzlich war ich wieder einmal in Breslau/Wroclaw, ich war in Gleiwitz/Gliwice und in Waldenburg/Walbrzych. Die Anlässe waren erfreulich. In Breslau wurde gerade eine Doktorarbeit über mein bisheriges literarisches Werk abgeschlossen, und ich war zur öffentlichen Verteidigung der Dissertation eingeladen worden, die an der Germanistischen Fakultät der Breslauer Universität stattfand. Beteiligt waren neben der Doktorandin, Frau Jasita, die Professoren Honsza (als Doktorvater), Bialek (als Vorsitzender der Prüfungskommission) sowie als Beisitzer die Professorin Swiatlowska-Predota und Professor Kolago aus Warschau.

Meine literarische und publizistische Arbeit hat in den vergangenen Jahren selten eine so positive und freundliche Beachtung gefunden wie an der Breslauer Universität, wo ständig auch Diplom- und Magisterarbeiten über mein Werk oder Teile meines Werks geschrieben werden, ebenso wie in Kattowitz, Oppeln, Tschenstochau und an weiteren Hochschulen Polens. Das freut mich natürlich und ich fühle mich dadurch geehrt.


Totale Aula der Leopoldina - benannt nach ihrem Gründer Kaiser Leopold I.
Quelle: http://de.wikipedia.org

In derselben Woche war eine Lesung aus meinen Büchern mit anschließender Diskussion in meiner Geburtsstadt Gleiwitz angesagt. Die Veranstaltung war in der ganzen Stadt plakatiert, so dass im Saal der Stadtbibliothek etwa hundert Zuhörer zusammenkamen, erstaunlich viele ältere Menschen deutscher Herkunft sowie zahlreiche Schüler, die Deutsch lernen. Die Organisation hatte das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit übernommen, eine seit zwölf Jahren bestehende Einrichtung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die deutsche Minderheit in Schlesien sowie ihren Dialog mit der polnischen Mehrheit zu fördern, „ein Ort des Dialogs und der aktiven Verständigung“, wie es im Programm heißt. Die Diskussion entzündete sich unter anderem an der Frage nach der Bedeutung von Heimat.

Hochinteressant war am folgenden Tag die Begegnung mit Studenten der germanistischen Fakultät der Staatlichen Fachhochschule in Waldenburg/Walbrzych. Die auf anderthalb Stunden angesetzte Veranstaltung dauerte aufgrund vieler Fragen fast drei Stunden. In der Diskussion spielten sowohl die Literatur wie auch die Politik eine wesentliche Rolle. Viele Studenten klagten über die unhaltbaren wirtschaftlichen Umstände, unter denen sie und ihre Eltern zu leben gezwungen sind.

Der anschließende Besuch im Museum in Walbrzych verdeutlichte, wie positiv sich die Einbeziehung der deutschen Vergangenheit in die polnische Geschichtsschreibung in den letzten Jahren entwickelt hat. In der außerordentlich umfangreichen Porzellan-Sammlung befinden sich zahlreiche Ausstellungstücke aus der Produktion der Krister-Porzellan-Manufaktur (1831 gegründet, 1921 von Rosenthal gekauft) und der Porzellanmanufaktur von Carl Tielsch (1845 in Altwasser bei Waldenburg gegründet), die zeitweise einer der größten deutschen Porzellanhersteller war und wozu seit 1932 auch die Firma Hutschenreuther gehörte.

In einem Saal des Museums befinden sich zudem Vorkriegsansichten von markanten Gebäuden, Industrieanlagen, Straßen und Plätzen der Stadt, denen aktuelle Ansichten gegenübergestellt sind. Auf den alten Fotos ist deutlich die deutsche Vergangenheit der Stadt erkennbar. Auch werden Persönlichkeiten aus dieser Zeit gewürdigt, was vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre.

Die Stadt, die mit abnehmender Tendenz noch etwa 125.000 Einwohner zählt, liegt 65 Kilometer südwestlich von Breslau zwischen Riesengebirge und Eulengebirge. Nachdem hier vor einigen Jahren der Kohlebergbau eingestellt wurde, gehört Waldenburg heute zu den ärmsten Gebieten Polens mit einer außerordentlich hohen Arbeitslosenrate; nach der Statistik lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung an oder unterhalb der Armutsgrenze. Man bemüht sich, doch die Stadt wirkt heruntergekommen. Alkoholismus und Kriminalität haben seit der Zechenstilllegung stark zugenommen, der illegale Kohleabbau in den lebensgefährlichen Schächten fordert ständig neue Opfer.

Wieder in Breslau, war der große Hörsaal überfüllt, die Studenten saßen zum Teil noch auf der Erde und den Fensterbänken. Ich las aus den Büchern „Gleiwitz heißt heute Gliwice“, „Überschreiten die Grenze“ und „Niemandsland“; auch hier gab es Fragen über Fragen und eine rege Diskussion. Und wie überall in den vielen Gesprächen während dieser Reise, zeigte sich das überaus große Interesse an Kontakten und einem intensiveren Austausch mit Deutschland. Wir sind auf einem guten Weg, das bestätigten auch die polnischen Gastgeber, wir müssen vorangehen. (PK)

Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als freier Schriftsteller in Göttingen und Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder, ist Mitglied im PEN und erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen. 2004 und 2006 führten ihn Gastprofessuren nach Polen. Er veröffentlichte mehr als 60 Bücher, darunter die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada“, der Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.
Von Wolfgang Bittner finden Sie zurzeit in der NRhZ eine Gedichtserie aus seinem in Polen erschienenen Gedichtband „Po przebudzeniu“ (Nach dem Erwachen) - Weitere Informationen: www.wolfgangbittner.de


Online-Flyer Nr. 245  vom 14.04.2010

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