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Kultur und Wissen
Eine Rezension zu Jan Zimmermanns Alfred Toepfer-Biografie
„Deutscher Patriot und bewußter Europäer“
Von Hans Georg

Europa lag dem Hamburger Ehrenbürger Alfred Toepfer (1894-1993) immer am Herzen. "Wir Deutschen schulden Europa die neuen Ideen der wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit der Völker", notierte der Kaufmann und Stifter am 2. Januar 1933. "Dieses müde, zerrüttete Europa von Versailles ist längst zum Tode verurteilt, genauso zum Tode verurteilt wie manche unserer wirtschaftlichen und politischen Formen." Rettung kommen könne nur vom Deutschen Reich. "Entweder erkennen die Deutschen ihre Aufgabe und lösen sie, oder wir verkommen allesamt in Elend, Haß und Bruderzwist", schrieb der Nazi-Unterstützer, dem wir in der NRhZ 249 den Beitrag „Graugewaschen“ gewidmet haben. Denn: "Die deutsche Not ist eine europäische Frage."
 
Die deutsche Neuordnung Europas versuchte Toepfer mit seiner Stiftung FVS zu begleiten, die mit ihren zahlreichen Preisen eine Art europäischer Kulturpolitik betrieb. Der deutschen Neuordnung Europas diente Toepfer auch mit konspirativen Maßnahmen. Jan Zimmermann beschreibt in seiner Biographie unter anderem, wie der Hamburger Kaufmann den "sudetendeutschen Führer" Konrad Henlein und die deutsche Subversion in der Tschechoslowakei unterstützte. Zimmermann erwähnt auch die "Westschau", eine Schrift, die Toepfer im Frühjahr 1940 verfasste. Darin entwirft er eine völkische Konzeption für eine Neuordnung Westeuropas, wie sie mit dem deutschen Einmarsch in den westlichen Nachbarstaaten im Mai 1940 praktisch in Angriff genommen wurde. Ihr stellte sich Toepfer in der "Abwehr", der Spionageabteilung der Wehrmacht, zur Verfügung.

Jan Zimmermann beschreibt weitere Schritte Alfred Toepfers auf dem Weg nach "Europa". 1942 war Toepfer auf einem Landgut seiner Stiftung bei einem Jugendlager zugegen, dessen Teilnehmer sich "vom Deutschen Reich die Schaffung eines geeinten Europas freier Nationen" erhofften. Seine wichtigsten Gesprächspartner der folgenden beiden Jahre waren NS-Aktivisten, die sich "Europa" verpflichtet fühlten und der Ansicht waren, es könne "nur von seiner (deutschen) Mitte aus gebildet werden". Toepfer war (passives) Mitglied der "Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft" des NS-Ökonomen Werner Daitz, und er gehörte dem Ende 1943 gegründeten "Europakreis" an. Dieser war beim Planungsamt unter Albert Speer angesiedelt und beriet über eine von Deutschland geführte kontinentaleuropäische Wirtschaftsstrategie. Mitglieder im "Europakreis" waren unter anderem Hermann Josef Abs (Deutsche Bank) und Karl Blessing (Kontinentale Öl AG, später Bundesbankpräsident).

"Seit 1941 hat der Krieg sich ausgeweitet zu einem Kampf um die Behauptung europäischer Kultur, Zivilisation und Unabhängigkeit gegen raumfremde Weltmächte", schrieb Toepfer am 10. Juni 1944, vier Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie. "Damit entsteht für die Führungsmacht Deutschland, das die continentalen Abwehrkräfte aufrufen muß, eine vordringliche europäische Verpflichtung und Notwendigkeit auf Gleichberechtigung, Achtung und Förderung jedes bodenbeständigen Volkstums in Europa." Toepfer fuhr fort - weniger als ein Jahr vor dem endgültigen Zusammenbruch des NS-Regimes: "Für jeden Nationalisten - und damit auch Nationalsozialisten - sind das Selbstverständlichkeiten."

Jan Zimmermann liefert vielfältiges Material über Toepfers NS-Aktivitäten inklusive seiner Europa-Pläne. Das Material hätte eine genauere Untersuchung über Kontinuitäten zu Toepfers Europa-Ideen nach 1945 verdient. "Europa" erscheint auch in Zimmermanns Darstellung nach 1945 ganz einfach als "neues Europa", dessen positive Konnotation nicht zur Debatte steht, auch nicht angesichts eventueller Verbindungen zu Europa-Konzeptionen aus den Jahren vor 1945. Daraus ergibt sich ein willkürlicher gedanklicher Bruch, der Toepfers Biographie in zwei scheinbar getrennte Hälften teilt, deren zweite nur noch durch persönliche Beziehungen zu alten NS-Kameraden mit der ersten Hälfte verbunden wirkt. So erklärt sich auch, dass im Geleitwort der einstige Kanzler Helmut Schmidt mit einem exkulpierenden Lob auf Alfred Toepfer zitiert wird: "Toepfer war ein deutscher Patriot - und ein bewußter Europäer." Hätte Zimmermann sich an eine tiefere Analyse der Kontinuitäten in den "Europa"-Konzeptionen von Alfred Toepfer gewagt, dann würde Schmidts Lob wohl nicht mehr so exkulpierend klingen. Nicht grundlos hat Barbara Hacke, die ehemalige Sekretärin des NS-Verbrechers Edmund Veesenmayer, Anfang der 1950er Jahre über ihren früheren Chef geschrieben: "Er sah und sieht die Ereignisse und seine Aufgaben in der damaligen Zeit immer noch unter einem europäischen Blickwinkel. Sie werden zugeben, dass die Idee von einem Vereinigten Europa keine vollkomen neue ist." (PK)
  
Jan Zimmermann: Alfred Toepfer, Hamburger Köpfe. Herausgegeben von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius Hamburg 2008, Ellert & Richter Verlag, 220 Seiten
14,90 Euro, ISBN: 978-3-8319-0295-8


Online-Flyer Nr. 250  vom 19.05.2010

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