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Kultur und Wissen
„Jeden Tag verhungern 50.000 Kinder. Das muss doch das falsche System sein.“
Gespräch mit Konstantin Wecker – Teil 2
Von Bernd Drücke

Der Musiker, Komponist und Autor Konstantin Wecker (* 1. Juni 1947 in München) ist einer der bekanntesten Liedermacher im deutschsprachigen Raum. Weitgehend unbekannt ist, dass er sich als Anarchist versteht. Am 21. Februar 2010 trafen sich Konstantin Wecker und Dr. Bernd Drücke, Koordinationsredakteur der gewaltfrei-anarchistischen Monatszeitung Graswurzelrevolution (GWR), in Kassel zu einem Gespräch. Auszüge aus dem Interview erschienen von April bis Juni in der GWR und stehen hier als zweiter Teil einer dreiteiligen Serie in der NRhZ. – Die Redaktion

Konstantin Wecker (rechts) im Gespräch mit Bernd Drücke
Foto: Michael Schulze von Glaßer
 
Bernd Drücke: Unsere Zeitung gibt es seit 1972. Sie ist basisdemokratisch organisiert, alle Artikel erscheinen im Konsens, werden vorab im HerausgeberInnenkreis auch über E-Mail diskutiert, alle Entscheidungen, die die Zeitung betreffen, werden kollektiv getroffen. Und was schön ist, also, du hast ja gestern nach Deinem Konzert auch Helga Weber und Wolfgang Zucht kennen gelernt, das heißt, es gibt Leute, die 40 Jahre und länger dabeibleiben.

Wolfgang Zucht ist 81. Er hat im April 1965 schon eine Vorläuferzeitung der Graswurzelrevolution in Hannover mitgegründet, die Direkte Aktion – für Anarchismus und Gewaltfreiheit, also zu einer Zeit, als ich noch gar nicht geboren war. Das finde ich toll. Auf der anderen Seite hast du auch viele junge Leute, zum Beispiel die utopia, die gewaltfrei-anarchistische Jugendzeitung im Verlag Graswurzelrevolution. Ich habe den Eindruck, da ist ein großer Bedarf. Die Auflage der utopia liegt mittlerweile bei 25.000, das ist also die auflagenstärkste libertäre Jugendzeitung seit den 20er Jahren, als unter anderem der Anarchopazifist Ernst Friedrich anarchistische Jugendzeitungen wie Freie Jugend, Junge Anarchisten und Schwarze Fahne mit Auflagen bis zu 10.000 produziert hat.Auch im Vergleich dazu; ich denke, da ist heute eine positive Entwicklung festzustellen, in dem Sinne, wie Du das ja eben beschrieben hast.
 
Konstantin Wecker: Das hat alles damit zu tun. Es gibt ein schönes Argument, wenn die Leute immer sagen: „‚herrschaftsfreie Gesellschaft‘, das liegt in der Natur des Menschen, dass das nicht möglich ist“, also, da wird ja dann immer die „Natur des Menschen“ angeführt.
Mit Arno Grün hatten wir einmal eine Pressekonferenz bei einem Pazifismus-Kongress. Meine Frage war, darum war mir das so wichtig, „Gibt es das überhaupt noch – Pazifismus? Wie sieht ein moderner, heutiger Pazifismus aus?“ Das war das, was wir diskutieren wollten, „Ist Pazifismus ein ‚Weicheitum‘?“, was uns immer vorgeworfen wird.
Wir sind zu keinem Schluss gekommen, haben uns aber darauf geeinigt, es wenigstens „radikalen Pazifismus“ zu nennen. Dann hat ein junger Reporter den Arno Grün gefragt: „Herr Professor Grün, seit 6.000 Jahren sind doch die Menschen so.“ Und da sagt er: „Ja, und seit 6.000 Jahren machen sie es falsch.“ Das war für mich so ein klarer und radikaler Satz. So ist es, seit 6.000, 7.000 Jahren ist alles verkehrt, die Erziehung ist verkehrt, das Gesellschaftssystem, die Art und Weise, miteinander umzugehen.
Da könnte man jetzt die Thesen von Claudia von Werlhof einführen [vgl. GWR 335], den radikalen Ökofeminismus, eigentlich ein zu hässliches Wort für ein so schönes Anliegen, also, eine Gesellschaft des Miteinander, anstatt einer des Gegeneinander, der Konkurrenz und des Konkurrenzdenkens.
Je älter ich werde, umso überzeugter bin ich: 6.000 Jahre sind im Vergleich zu 100.000 Jahren Menschheitsgeschichte nicht so wahnsinnig lang. Das war eine Fehlentwicklung. Es muss doch eine sein. Schau Dir doch an, was wir mit der Erde machen, was wir mit den Menschen machen. Ich weiß gar nicht, wie es die Herrschenden immer wieder schaffen, uns einzureden, dass das selbstverständlich sei, was da abläuft. Man versucht uns einzureden, es sei normal - diese Welt voll von Kriegen, voll von Hass und Terror, voll von Zerstörung, bis hin jetzt zur planetarischen Zerstörung, weil wir nämlich das Klima zerstören.
Was immer vergessen wird bei Kriegen, ist, was da auch an Natur zerstört wird, an Tieren, an Pflanzen, was da vernichtet wird mit einer Brutalität, überleg Dir diese schrecklichen Napalm-Geschichten, damals Agent Orange in Vietnam. Man hat immer über Menschen geredet, zu Recht. Aber was ist da auch kaputt gemacht worden an unwiederbringbaren Ressourcen. Schau Dir diese Welt an, diese wenigen Superreichen und die unendlich vielen armen Menschen. Jeden Tag verhungern 50.000 Kinder. Das muss doch das falsche System sein. Sie schaffen es aber, uns zu sagen, das ist ganz natürlich, ganz selbstverständlich. Der Neoliberalismus will uns erklären, dass das so ist, das sei die „Natur des Menschen“.
Das lasse ich mir nicht einreden. Ich habe kleine Kinder und weiß: Der Mensch ist ein empathisches Wesen, fähig zu Liebe und Mitgefühl.
 
Bernd Drücke: Was mich gefreut hat, da haben wir eben schon in unserem Vorgespräch drüber gesprochen, dass am 15. Februar 2010 rund 15.000 Leute in Dresden verhindert haben, dass die Nazis dort ihren europaweit größten Aufmarsch machen können. Du warst schon im Vorfeld an der antifaschistischen Mobilisierung beteiligt. Du hast zum Beispiel auf youtube.com einen viel beachteten Aufruf gemacht. Kannst Du Deine Position dazu erläutern?
 

Demo gegen rechte Rassisten in Köln
NRhZ-Archiv
Konstantin Wecker: Ja, meine Position war, dass ich es geradezu als empörend empfand, dass das einzige Mittel, das uns gewaltfrei Demonstrierenden überhaupt noch bleibt, nämlich die Blockade, dass das auch noch kriminalisiert wird. Ich meine, dann dürften wir uns wirklich nur noch Händchen fassend in irgendwelche Ecken stellen, währenddessen marschieren Nazis hinter uns vorbei, gut getrennt von der Polizei, und wir dürfen dann „we shall overcome“ singen und die anderen singen das Horst-Wessel-Lied. Das kann ja wohl nicht sein.
Also, irgendwo gehört zur Demokratie der Ungehorsam. Ich hätte jetzt natürlich nicht dazu aufgefordert, wenn da Gefängnis von drei Jahren drauf stünde, dann hätte ich mich zurückgehalten, dann muss man für sich selbst entscheiden, wie mutig man ist oder nicht. Aber nachdem es ja nur eine Ordnungswidrigkeit ist, kann man die Leute ja auch auffordern und sagen: „Hey Moment mal, falsch parken tut ihr ja auch öfters, dann könnt ihr auch Nazis blockieren“.
Das habe ich in meiner Verantwortlichkeit noch gesehen, Menschen zu einer Ordnungswidrigkeit aufzurufen, ohne Menschen in große Gewissensprobleme zu stürzen. Man muss schon aufpassen, wenn man eine gewisse Funktion hat, wie bei mir, und Menschen dann auch schon mal hinhören auf das, was ich sage, vielleicht auch ein paar junge Menschen, da muss ich schon aufpassen, zu was ich sie auffordere. Wie gesagt, das konnte ich ethisch mit mir vereinbaren.
Wir müssen immer wieder daran denken, wie wichtig der Ungehorsam ist. Natürlich will jedes Staatssystem seine Bürger zum Gehorsam erziehen. Jeder Staat will sagen, „die anderen Staaten sind die schlechteren, die unmenschlicheren, die grausameren. Wir sind das beste System, das es gibt. Und damit das so bleibt, müssen wir alle gehorsam sein“.
Wenn wir aber alle gehorsam sind, bleibt es nicht so, selbst wenn das System ganz gut ist. Natürlich ist unser System gut im Vergleich mit einem faschistischen System, gar keine Frage. In den 70er Jahren hatten wir einen richtig guten Sozialstaat. Das weiß man erst jetzt richtig zu schätzen. Erst jetzt wissen wir, wie gut der war. Damals wusste ich das nicht, muss ich ehrlich sagen.
 
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Sozialstaat seit 20 Jahren peu á peu abgebaut wird, hängt auch damit zusammen, dass die Systemkonkurrenz nicht mehr da ist. Dadurch, dass es auf der anderen Seite des „Eisernen Vorhangs“ den staatskapitalistischen „Realsozialismus“ gab, war der Kapitalismus im Grunde gezwungen, das eigene System auch für unterprivilegierte Menschen in den Metropolen relativ erträglich zu gestalten. 
 
Konstantin Wecker: Nun müssen wir aber auch schauen, dass die Linke als Korrektur wirklich bleibt, auch wenn man sie im Grunde des Herzens nicht so mag oder wie auch immer. Aber es ist wichtig, es ist eine wichtige Korrektur. Es sei denn, man ist der Meinung, es müsse jetzt alles zusammenbrechen, damit sich überhaupt etwas ändert. Diese Anschauung gibt es ja auch.
 
Bernd Drücke: Wenn du mit „die Linke“ jetzt die Partei meinst, möchte ich widersprechen. Ich denke, die wichtigsten Akteurinnen für positive soziale Veränderungen sind die sozialen Bewegungen von unten. Die Partei „Die Linke“ und die parteinahe Rosa Luxemburg Stiftung sind als Teile in vielen sozialen Bewegungen mittlerweile nicht unwichtig. Aber im Parlament oder in der Regierung ist die Entwicklung der „Linken“ mit großer Skepsis zu betrachten. Wie wir das ja eben auch diskutiert haben, kann die Macht Menschen so korrumpieren, dass sie dann auch - wie 1999 Grüne und SPD - zu Kriegsverbrechern werden können, wenn es der eigenen Machterhaltung dient. Das liegt im Wesen von Parteien.
 

Wahlen keine Altrnative?
NRhZ-Archiv
Konstantin Wecker: Wir müssen aber sehen, dass die Linke bisher die einzige Partei ist, die soziale Bewegungen integriert. Das muss natürlich bleiben. Aber ich gebe dir Recht, das Wichtigste ist, wie wir es jetzt in Dresden gesehen haben, die sozialen Bewegungen mehr noch miteinander zu vernetzen. Und dann auch zu spüren, was wir für Möglichkeiten haben, die vielleicht noch gar nicht ausgeschöpft sind.
Ein bisschen entmutigt wurde ich bei den ganzen Vorkommnissen in Straßburg 2009, weil ich da das Gefühl hatte, da hat der Staat eine so hässliche Fratze gezeigt in einer Art und Weise und im Verbund mit den Medien, wie sie immer wieder dieses angeblich von „Chaoten“ zerstörte Hotel, in dem kein Mensch mehr gewesen ist, das ein Abbruchhaus gewesen ist, gezeigt haben. Ich habe in meinem Leben genug Demonstrationen mitgekriegt, um zu wissen, wie viele Agents provocateur es definitiv gibt, die dann die ersten sind und sagen „Kommt, lasst uns mal ein bisschen Steine schmeißen“, damit dieses Bild dann wieder in der Zeitung ist.
Also, schon in Genua 2001 hast du gesehen, dass da schon faschistoide Kräfte am Werk waren. Wenn man dem Buch von Jutta Ditfurth Glauben schenken kann, und das kann man, glaub ich, dann mussten die in den Gefängnissen Mussolini-Lieder singen und den Hitler-Gruß machen. Allein, dass das kein Thema in den Medien war, das heißt, ab bestimmten Punkten halten sie alle zusammen.

Bernd Drücke: Ich glaube an die Vorzüge alternativer Medien. Du bist gerade auf den G8-Gipfel im Juli 2001 in Genua eingegangen. Am 21. Juli 2001 tötete dort ein Carabinieri den 23jährigen Studenten Carlo Giuliani durch zwei gezielte Schüsse in Kopf und Brust, 600 Menschen wurden damals bei den Protesten gegen den G8-Gipfel zum Teil schwer verletzt, hunderte willkürlich verhaftet. GegnerInnen des globalisierten Kapitalismus wurden von Polizisten und paramilitärischen Carabinieri misshandelt, gefoltert und gedemütigt. Mit bis dahin für viele Menschen in einem demokratischen Land wie Italien unvorstellbarer Brutalität ging die Staatsgewalt gegen die überwiegend gewaltfreien 300.000 DemonstrantInnen vor.
Das war damals ja Thema, aber eben fast nur in kleinen Alternativmedien, zum Beispiel auf indymedia und in der Graswurzelrevolution (Nr. 261 ff.). Ein Freund von mir ist in Genua unglaublich misshandelt worden, auch mit Psychoterror. Die haben die Leute richtig fertig gemacht. Da muss man natürlich Gegendruck herstellen, Gegenöffentlichkeit. Die Alternativmedien erreichen aber leider nicht die große Masse der Bevölkerung. Das ist ein Problem.
 
Konstantin Wecker: Aber es gibt alternative Medien und die setzen sich auch langsam durch. „Medien von unten“ hat das Ignacio Ramonet mal genannt.
Ich betreibe ja das Gleiche auf meiner Website: www.hinter-den-schlagzeilen.de
Da versuche ich seit dem Irakkrieg Meinungen zu verlinken, die nicht dem üblichen mainstream angepasst sind. Mittlerweile schreiben dort auch immer mehr Autorinnen und Autoren selber, die in den üblichen Medien nicht auftauchen. Ein Beispiel: Die Nachdenkseiten haben es geschafft, pro Tag bis zu 50.000 Zugriffe zu haben. Das ist ungeheuer. Aber ich denke, da könnte noch eine größere Vernetzung stattfinden, ein größeres Portal geschaffen werden. 
 
Bernd Drücke: Kennst Du www.linksnet.de, das linke Politik- und Wissenschaftsportal von mehr als 40 Alternativzeitungen? Das ist auch ein interessantes Internetprojekt.
 
Konstantin Wecker: Linksnet? 
 
Bernd Drücke: Ja, da findet sich viel Lesenswertes. Das lohnt sich zu verlinken. Ich habe gesehen, dass Du auch viele Artikel aus der Graswurzelrevolution auf www.hinter-den-schlagzeilen.de verlinkt hast. Das freut mich. Auch dieses Schneeballprinzip, das so zum Ausdruck kommt und dazu beiträgt, dass wichtige Inhalte auch kleinerer Bewegungsmedien eine größere Öffentlichkeit bekommen. 
Ich denke, dass die Auflage einer Zeitung nicht unbedingt etwas über ihre Qualität und Bedeutung aussagt. Das zeigt ja auch die Geschichte der Alternativmedien in der DDR. Ab 1986 waren die Umweltblätter das wichtigste Oppositionsorgan in der DDR. Die sind mit einer kleinen 600er Auflage angefangen. Aber sie sind von Hand zu Hand weitergereicht und diskutiert worden. Sie haben sehr viel zum Umbruch in der DDR beigesteuert [vgl. GWR 340, 343, 344].
1987 gab es in der Ost-Berliner Umweltbibliothek eine Razzia, da wurden die angetroffenen Umweltblätter-Redakteure von der Stasi verhaftet. Die Matrizendruckmaschine, Zeitungen und Materialien sind beschlagnahmt worden.
Vorher war es die einzige Zeitung in der DDR, die z.B. nach Tschernobyl Strahlenwerte dokumentiert hat. Sie hat beispielsweise auch über Faschoangriffe auf Langhaarige, Punks und Vietnamesen berichtet.
Alles wurde unter dem Schutz der Kirche und mit dem Untertitel „Nur zur innerkirchlichen Information“ herausgegeben. Die Umweltblätter waren in gewisser Weise eine Art „DDR-Graswurzelrevolution“, ein basisdemokratisches, anarchistisch verfasstes Sprachrohr der Oppositionsszene.
Nach der Razzia gab es DDR-weit Protestaktionen gegen die Verhaftungen. Im Westen wurde intensiv darüber berichtet. Deshalb stand plötzlich der Milliardenkredit, den Franz Josef Strauß dem Honecker versprochen hatte, zur Disposition. Es wurde diskutiert, ob man diesem Unrechtsstaat überhaupt noch soviel Geld geben könne. Honecker hat dann persönlich die Notbremse gezogen und veranlasst, dass die Umweltblätter-Redakteure freigelassen und alle beschlagnahmten Materialien zurückgegeben werden. Das hat dann wiederum dazu geführt, dass es einen großen Auftrieb für die DDR-Oppositionsbewegung gegeben hat, dass überall vergleichbare Bewegungsblätter und neue Gruppen entstanden sind. Im Grunde war das der Anfang vom Ende der DDR, könnte man sagen. Es hat die Leute mutiger gemacht – „seht her, wir können etwas erreichen in diesem poststalinistischen, militaristischen Staat“.
Die Umweltblätter hatten eine winzige Auflage, aber eine große Wirkung. 1989 wurden sie in telegraph umbenannt. Sie blieben das wichtigste Organ der Oppositionsbewegung in der DDR, bevor der Westen mit seinen Massenmedien und Parteien kam und das im Grunde alles überrollt hat. 
Die Druckqualität der Umweltblätter war unter aller Kanone. Das war unterirdisch zum Teil, also, man konnte die Schrift kaum noch lesen, alles auf Matrize abgezogen. Aber es war eine Zeitung, die Informationen von unten verbreitet hat. 
 
Konstantin Wecker: Man hat das schon gemerkt als Künstler. Es gab von meiner DDR-Platte damals eine Auflage, und die war, glaub ich, 15.000. Und ich bin überzeugt, dass weit über 100.000 meine Platte oder Bandaufnahmen hatten.
Ich habe dann mit denen gesprochen, das war ganz lustig, dann habe ich die gefragt „wieso macht ihr nicht noch eine Auflage?“ 
„Och, wir sind ein sozialistischer Betrieb und uns geht es nicht ums Geld.“ Ich habe es ihnen damals schon nicht geglaubt, dass das der Grund ist.
 
Bernd Drücke: Konntest Du denn alle Stücke spielen, die Du spielen wolltest? Auch „Anna, die Anarchie“?
 
Konstantin Wecker: Ja. Ich habe gesagt: „Sonst mache ich es nicht. Ich verdiene keinen Pfennig Geld, wenn ich jetzt auch noch Einschränkungen habe, warum soll ich dann da rüber gehen, dann macht’s Euern Kram alleine.“
Das gab es bei mir nicht. Ich habe singen und sagen können, was ich wollte. 
Ich war sehr naiv. Am Anfang wusste ich nicht, warum diese zwei schönen, freundlichen jungen Männer immer dabei waren. Ich habe gedacht, na ja, das ist aber nett, das sind Tourneebegleiter. Dass die höchste Stasiaufgaben hatten, das war mir nicht klar.
Als ich in der DDR bei der Plattenfirma Amiga war, da haben wir miteinander geredet. Sie kannten einiges. Meinen „Willi“ haben sie toll gefunden. Dann habe ich gesagt, „das, was wir am Ende wollen, das ist doch sowieso die Anarchie. Na, das ist jetzt ein Übergangsstadium, aber dann, wenn wir im Sozialismus sind, dann wollen wir ein herrschaftsfreies System“. Das habe ich wörtlich zu denen gesagt. Die haben mich angeschaut, als wenn ich vom Mars käme. Da wusste ich schon direkt, also meine Freunde sind das jetzt nicht.
Aber ich konnte tun, was ich wollte.
Ich wollte auch Kontakt mit den Menschen in der DDR haben. Und diese zwei Mitarbeiter, die Stasi-Leute, die waren ganz reizend, waren sehr höflich, die waren aber immer dabei.
Ich glaube, am liebsten hätten sie noch bei mir im Doppelbett in der Ritze geschlafen.
Dann habe ich gesagt, wenn ich nicht einmal mehr ohne euch Kontakt zu den Leuten aufnehmen kann, dann geben wir das Ganze auf. Dann waren sie weg. Ich nehme an, sie waren trotzdem da, irgendwo waren sie sicher. Das habe ich deutlich gespürt. Bei meiner ersten Tournee, da war ein Publikum, da habe ich gedacht, die haben alle Paranoia. Jetzt weiß ich natürlich, dass sie Recht hatten, wenn sie mir immer wieder bei bestimmten Themen sagten: „Wir müssen leise reden.“
Und dann, ein Jahr vor der Wende, war ich dann noch einmal drüben auf Tour. Da waren die Menschen meines Publikums schon viel mutiger und haben laut und deutlich geschimpft und diskutiert. Da war zu merken, dass der Umbruch eigentlich schon da war. Obwohl man es natürlich noch nicht wissen konnte.
Der nächste, für mich sehr traurige Umbruch war dann, wie diese wunderbaren Menschen, die das alles eingeleitet haben, von denen überrollt wurden, die dann „Helmut, Helmut!“ gebrüllt haben.
 
Bernd Drücke: Das war die nationalistische Konterrevolution, die dann eingesetzt hat, als anstelle von „Wir sind das Volk!“ plötzlich „Wir sind ein Volk!“ gerufen wurde.
 
Konstantin Wecker: Die Konterrevolution. - Ich frage mich ja, ob da nicht ganz bewusst schon vieles eingeleitet wurde, von Agent provocateurs. Wer weiß, wer den ersten „Helmut!“ wirklich gerufen hat, ob das wirklich DDR-Bürger waren? (PK)
 
Schauen Sie zu diesen letzten Sätzen in den Filmclip aus „Karin Wieckhorst – Fotografin in Leipzig“ aus dem Jahr 1989/90 in dieser Ausgabe. 
 
Mehr über die Graswurzelrevolution und den dritten Teil des Gesprächs in der nächsten NRhZ-Ausgabe.   
 
Kontakt zur Redaktion Graswurzelrevolution: redaktion@graswurzel.net, www.graswurzel.net


Online-Flyer Nr. 254  vom 16.06.2010

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