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Kultur und Wissen
Wir selbst sorgen für die Vertreibung von Schönheit und Liebe aus der Sprache
Die Sprache der Liebe
Von Roland Rottenfußer
Wir erleben derzeit die Vertreibung von Sinn, Duft, Bild und Ahnung, letztlich die Vertreibung von Liebe aus der Sprache. Sprache bildet Bewusstseinszustände ab, und sie evoziert Bewusstseinszustände. Daran gemessen leben wir alle die meiste Zeit unseres Lebens in einem grauen, erleuchtungsfernen, von jeglichem Glanz, jeglicher Ekstase abgeschnittenen Zustand. Computer-, Wirtschafts- und Politiksprache beeinflussen den Alltag von Millionen Menschen, deren ganzheitliche Weltwahrnehmung zerhackt und zergliedert wird. Schon George Orwell wusste um die Bewusstsein verdunkelnde Wirkung von Abkürzungen und anderen Formen der Sprachverstümmelung.

Giorgone: Ländliches Konzert
Nun mögen Leser, die mich zufällig kennen, finden, dass mein Misserfolg gar kein so großes Rätsel ist. Aber am Aussehen schien es nicht in erster Linie gelegen zu haben. Conny hatte schon vorher Fotos von mir gesehen und hätte insofern gewarnt sein müssen. Irgendetwas mussten wir bei unserer Rechnung übersehen haben: etwas Unaussprechliches, etwas, was Worte nicht ersetzen und nicht vorwegnehmen können. Ausstrahlung, “Chemie” oder sexuelle Energie, was auch immer dieses geheimnisvolle Etwas sein mag. Das Wort als Liebes-Vehikel hat eben doch seine Grenzen.

Konstantin Wecker
Es gibt auch das andere Extrem: Das “Zu viel” an Worten, wo es besser wäre, zu spüren, zu genießen vom Kopf in den Körper zu gehen. Konstantin Wecker persiflierte seine Erlebnisse mit der modernen Frau in dem Vers “Dürfte ich nun endlich in Sie dringen/Ach, erst eine Diskussion!?” Auch hinter diesem “Macho-Spruch” steckt – viele Leser werden es bestätigen können – ein Körnchen Wahrheit. Man kann die Lust auch tot diskutieren. Worte sollten zum “Eigentlichen” überleiten, es aber nicht ersetzen. Der Körper-therapeut Frank Moosmüller drückt wunderbar aus: “Jedes Wort ist eine Bitte um Schweigen”. Sicher ist beides richtig: Wir reden, wir brabbeln und plappern zu viel, wir reden in den falschen Momenten, um unsere Unsicherheit oder unsere Furcht vor echter Erlebnistiefe zu überspielen. – Und wir reden zu wenig. Die wenigsten unserer alltäglichen Absonderungen verdienen eigentlich die Bezeichnung “Sprache”.
Online-Flyer Nr. 263 vom 18.08.2010
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Kultur und Wissen
Wir selbst sorgen für die Vertreibung von Schönheit und Liebe aus der Sprache
Die Sprache der Liebe
Von Roland Rottenfußer
Wir erleben derzeit die Vertreibung von Sinn, Duft, Bild und Ahnung, letztlich die Vertreibung von Liebe aus der Sprache. Sprache bildet Bewusstseinszustände ab, und sie evoziert Bewusstseinszustände. Daran gemessen leben wir alle die meiste Zeit unseres Lebens in einem grauen, erleuchtungsfernen, von jeglichem Glanz, jeglicher Ekstase abgeschnittenen Zustand. Computer-, Wirtschafts- und Politiksprache beeinflussen den Alltag von Millionen Menschen, deren ganzheitliche Weltwahrnehmung zerhackt und zergliedert wird. Schon George Orwell wusste um die Bewusstsein verdunkelnde Wirkung von Abkürzungen und anderen Formen der Sprachverstümmelung.

Giorgone: Ländliches Konzert
Worte können tückisch sein. Sie neigen dazu, eine eigene Welt erschaffen und dabei manchmal den Kontakt zur Realität “draußen” zu verlieren. Ich war mir bei Conny so sicher gewesen. Drei Monate lang hatten wir eine fruchtbare Brieffreundschaft unterhalten, die zunehmend den Charakter erotischer Liebeswerbung annahm. Immer länger die Briefe, immer intimer die Details, die wir uns anvertrauten. Aus irgendeinem Grund griffen wir über Monate weder zum Telefon, noch gelang es, ein Treffen herbeizuführen. Unser einziger Kommunikationskanal war das geschriebene Wort. Der Wortliebhaber traf mit Wortpfeilen in das Herz der Wortgeliebten. Dem Wortblick, dem Wortflirt folgten Wortgeständnis und Wortkuss. Nicht viel hätte gefehlt zum Wortsex. Nach einer Weile glaubten wir im Ernst, ineinander verliebt, ja füreinander bestimmt zu sein. Das fiebrig herbeigesehnte erste Treffen sollte zu einer Art Verlobungsfeierlichkeit werden, die spätere Vereinigung nur noch reine Formsache.
Dann trafen wir uns endlich persönlich. Von diesem Abend an bekam ich von der Dame nie mehr nur eine einzige Zeile, keinen Anruf. Der ganz reale Korb war für den Wortliebenden ein harter Schlag. Ich hatte eine Zeit lang an dieser Geschichte zu knabbern.
Cyrano von Bergerac, der langnasige Dramenheld Edmond de Rostands, hatte einst geschafft, was mir verwehrt geblieben ist: er hatte das Herz seiner schönen Roxane mit Worten erobert. Dabei stach der grotesk hässliche Mann am Ende seines Lebens sogar seinen Rivalen, den hübschen aber sprachlich ungelenken Christian aus. Nur die Seele war es, die Roxane geliebt hatte – und ihren Ausdruck durch das poetische Wort. Triumph des Geistes über den Körper!
So edel geht es im wirklichen Leben meistens nicht ab. Die meisten von uns sind mehr oder minder gelungene Mischungen aus Cyrano und Christian. Mit Cyrano verbindet uns das verbesserungsfähige Aussehen, mit Christian das Stammeln, die Sprachlosigkeit im Angesicht des geliebten Menschen. Und überhaupt: poetische Sprache! Würde eine moderne Großstadtfrau heute noch in Ohnmacht fallen wegen Worten wie diesem: “Lass mich vom Kelchrand deiner Lippen deine Seele trinken!”? Vermutlich würde Cyrano eine Antwort im rüden Hip-Hop-Jargon erhalten: “Verpiss dich!”
Wie sprechen die Cyranos und Roxanes von heute über die Liebe? Paare reden heute nach statistischen Untersuchungen nur etwa drei Minuten täglich miteinander – Abstimmung über alltägliche Belange wie “hast du daran gedacht, die Leberwurst einzukaufen” nicht mitgerechnet. Diese erschütternde Statistik stammt vom Guru des gepflegten Paargesprächs, Peter Lukas Moeller. Sein Allheilmittel: systematisch geplante, allwöchentliche Paargespräche (“Zwiegespräche”). Das “einzig wahre Aphrodisiakum”, meint Moeller. Wirklich? In die gleiche Kerbe schlägt das ausgerechnet von der katholischen Kirche in Auftrag gegebene so genannte EPL-Training (Ehevorbereitung – ein Partnerschaftliches Lernprogramm). Das Gesprächstraining empfiehlt die Anwendung bestimmter Kommunikationsregeln: Emotionale Selbstoffenbarung, Wiederholung dessen, was der Partner gesagt hat, Feedback … Das klingt dann etwa so: “Du meinst also, dass ich ein Arschloch bin!? Das macht mich jetzt sehr wütend, dass du das gesagt hast. War aber schön, dass wir drüber reden konnten.”
In der Sexualtherapie nach Masters und Johnson lassen sich Partner in steigender Intensität Berührungen angedeihen, ohne jedoch den Geschlechtsverkehr zu vollziehen. Wichtig dabei ist vor allem das “Drüber-Reden”, Feedback nach jeder Runde. “Als du sanft mit dem Mittelfinger über meinen Schaft geglitten bist, fand ich das unheimlich erregend, aber dann hast du meine Eichel mit etwas zu festem Druck umklammert. Da war bei mir der Ofen aus.” Ist das die Lösung? Nun, für Paare, die in Routine und Sprachlosigkeit versumpft sind, möglicherweise ein Anfang. Aber regt sich bei einem solchen, allzu “technischen” Kommunikationsstil nicht die Sehnsucht nach einer ganz anderen Art von Sprache?

Konstantin Wecker
NRhZ-Archiv
Dabei könnte Sprache so viel mehr sein. Zwar ist mein peinliches Erlebnis mit der Brieffreundin eine Geschichte des Scheiterns, der Unzulänglichkeit von Sprache; dem stehen aber andere Geschichten gegenüber, die von der Macht und Magie der Worte zeugen. Ich habe erlebt, wie das Vorlesen einer Sammlung von Liebesgedichten in einer Nacht, in dem meine Beziehung zu einer Angebeteten kurz vor dem “Durchbruch” stand, eine einzigartige erotische Atmosphäre zauberte, die den Raum zum Flirren brachte. So als hätte ich eine Duftmischung aus Jasmin, Ylang-Ylang und Mandarine auf meiner Duftlampe verdampfen lassen. Dichtung als Vorspiel, das dezent und doch zielgerichtet zur körperlichen Liebe überleitet.
Worte können aber auch Ersatz für nicht gelebte Sexualität sein. Wer glücklich liebt, schreibt nicht, könnte man mit Blick auf zahlreiche Dichterbiografien überspitzt formulieren. Sigmund Freud interpretiert Triebunterdrückung als den Ursprung aller Kultur. Wäre es den Menschen zu allen Zeiten möglich gewesen, Sexualität auszuleben – die Welt bestünde wohl aus Höhlen und Wiesen voller rammelnder Paare. Die zehrend-depressiven Sehnsuchtsklänge Tschaikowskys, Nietzsches aggressiv-frauenfeindliche Wortgewalt, Van Goghs explodierende Sonnenwirbel und Farborgasmen – kaum denkbar, dass all dies von sexuell Befriedigten erschaffen worden wäre. “Sublimation”, Umlenkung sexueller Energie in feinere, “sublimere” Lebensbereiche, heißt das Kultur schaffende Zauberwort. In einer schlaflosen Nacht, in der ich zum Bersten angefüllt von erotischer Spannung, jedoch nicht ans Ziel meiner Wünsche gekommen war, habe auch ich einmal “sublimiert”. D.h., es ergoss sich aus meinem Kugelschreiber ein lyrisches Werk, das in folgendem verräterischen Satz gipfelte: “Bin doch zum Dichter nur geworden, weil ich nicht Liebender sein sollte” – gewiss kein Höhepunkt der Weltliteratur, wohl aber ein kleiner Ersatz-Höhepunkt, Trost und Krücke zugleich und der etwas unbeholfene Versuch, diesen kurzen Moment des Strömens und Vibrierens für die Ewigkeit einzufrieren.
“Für die Liebe Worte zu finden, ist immer Ersatz”, sagt der Dichter Winfried Paarmann. Aber ist Sprache deshalb völlig machtlos, ja sogar überflüssig? Natürlich nicht! So sehr Sprache auch oft versagt, wenn es darum geht, die äußere Welt abzubilden, so genial, so einzigartig ist sie darin, die innere Welt jedes einzelnen Menschen zu berühren und zu erwecken. Die Sprache ist eine schlechte Kopistin, aber eine unvergleichliche Schöpfergöttin, die aus ihrem Buchstabenschoß beständig neue Welten gebiert. Sprache drängt dem Menschen – im Gegensatz etwa zum Film – nicht die Bilderwelt ihres Urhebers auf, sie dient aber als Schlüssel, um ihm Zugang zu seiner eigenen inneren Bilderwelt zu verschaffen.
Man kann dies nachvollziehen, wenn man auf Seminaren schon einmal Phantasiereisen mitgemacht hat. Obwohl der Seminarleiter für alle Teilnehmer denselben Text gesprochen hatte, zeigt ein Vergleich bei der anschließenden Feedback-Runde: jeder hat etwas völlig anderes erlebt, etwas völlig anderes “gesehen”. Wenn jemand “Rose” sagt, sieht jeder Hörer eine ganz andere Rose, nämlich “seine” Rose. Diese Kraft, zu evozieren, wach zu rufen (schön ausgedrückt in Eichendorffs Gedicht “Schläft ein Lied in allen Dingen”), können wir uns zunutze machen, wenn wir über Liebe sprechen oder gar die Liebe eines anderen Menschen wecken wollen. Freilich, wir können nichts erzwingen, die Liebe nicht in den anderen “hineinreden”. Aber wir können aufwecken, zur Blüte bringen, was als Keim vorhanden ist. Wie jene Pflanzen, die im Rahmen gut dokumentierter wissenschaftlicher Untersuchungen zu besserem Wachstum veranlasst wurden, weil man sie wochenlang mit liebevollen Worten “behandelt” hatte. Ein Wasserkristall, der über einen längeren Zeitraum den Gedanken- und Gefühlsschwingungen der Liebe ausgesetzt wurde, nimmt unter dem Mikroskop eine wunderschöne Struktur an – ähnlich einer kristallenen Schneeflocke aus purem, glänzendem Blattgold. So können wir uns die Seele vorstellen, wenn sie das Glück hatte, über einen längeren Zeitraum mit liebevollen Worten “besprochen” zu werden.
Esoteriker reden von einer “Schwingungsanhebung”, die der menschliche Energiekörper erfährt, wenn er mit einem “höher schwingenden” Energiefeld in Berührung kommt. Bachblüten und Aromatherapie funktionieren nach diesem Prinzip. Hier sind es die “Seelen der Pflanzen”, die durch “Schwingungsangleichung” bewirken sollen, dass sich unsere Energien feiner, liebevoller, quasi “unverschlackter” anfühlen als gewöhnlich. Warum soll dies nicht auch mit einer “hoch schwingenden” Sprache funktionieren?
Esoterik ist nicht jedermanns Sache, aber jeder kann selbst Versuche mit der Wirkung von Sprache anstellen. Z.B. mit diesem Gedicht: “Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht/Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen./Ich habe immer, immer dein gedacht;/Ich möchte schlafen, aber du musst tanzen” (Theodor Storm). Solche Verse haben einen “Körper” (Laute, Klänge und Rhythmen), eine “Seele” (Gefühle, Bilder und Assoziationen, die im Leser wach gerufen werden) und einen geistigen Gehalt (was “geschieht” im Gedicht?). Darüber hinaus gibt es noch so etwas wie das “Höhere Selbst” eines Gedichts, eine mitschwingende Nebenbedeutung, die auf Transzendentes verweist. (Ist in dem Vers “ich möchte schlafen” eine Todessehnsucht ausgedrückt?)
Man kann als Übung einmal versuchen, die Texte laut auszusprechen, die Stellung des Mundes beim Formen der Laute wahrzunehmen, die “Sprachmusik”, die inneren Bilder und die ausgelösten Gefühle zu genießen wie beim Verkosten eines herbsüßen, schweren und reifen Weines. Du kannst diese Übung ruhig mehrmals machen: Versuch es auch mit anderen Gedichten – und dann “verkoste” einmal das folgende Zitat: “45 ISDN-Tools für DOS, Windows 3.x, W95 und OS/2”. Was empfindest du, welche Gefühle, Assoziationen kommen dir, wenn du diesen Worten nachspürst, was siehst du, was riechst du?
Vermutlich nichts! Bestimmte Ebenen moderner Kommunikation haben der Sprache ihren Körper, ihr Herz und ihr Höheres Selbst systematisch entzogen. Übrig bleibt ein graues Gespenst reinen Geistes, ein kastriertes, anämisches Gebilde trockener Informationswiedergabe. Ich nenne es hier zur Unterscheidung von der Sprache der Liebe die “Sach-Sprache”. Die Wirkung von derlei Sprachgebilden gleicht dem Verdampfen einer Duftmischung aus Plastik, Terpentin und Kaffeesatz.
Wir erleben derzeit die Vertreibung von Sinn, Duft, Atem, Bild und Ahnung, letztlich die Vertreibung von Liebe aus der Sprache. Sprache bildet Bewusstseinszustände ab, und sie evoziert Bewusstseinszustände. Daran gemessen leben wir alle die meiste Zeit unseres Lebens in einem grauen, erleuchtungsfernen, von jeglichem Glanz, jeglicher Ekstase abgeschnittenen Zustand.
Computer-, Wirtschafts- und Politiksprache beeinflussen den Alltag von Millionen Büroangestellten, deren ganzheitliche Weltwahrnehmung zerhackt und zergliedert, deren Seele gleichsam gefriergetrocknet wird. Sprache ist heute überwiegend anti-mystisch: Wenn Mystik vereinigt, das Eine, die Ganzheit spürbar macht, dann betont Sach-Sprache das Trennende: die Trennung von Subjekt und Objekt, von Handlung und Handelndem. Sach-Sprache zieht gleich einer stupiden Comic-Zeichnung dicke schwarze Linien um Dinge und Lebewesen und schult das wahrnehmende Bewusstsein darin, diese in ihrer scheinbaren Getrenntheit wahrzunehmen. Das atmosphärisch Flirren, das Ineinanderfließen der Farbschattierungen, die mannigfachen Entsprechungen von Vorder- und Hintergrund (wie etwa auf einem impressionistischen Gemälde) gehören nicht gerade zu den Stärken der Sach-Sprache, erst recht nicht im Computer-Zeitalter.
Wenn es wahr wäre, dass uns – wie in manchen Science-fiction-Filmen – bösartige Aliens unterwandern und in seelenlose, manipulierbare Zombies verwandeln wollen, so könnten wir deren destruktive Macht nirgendwo besser dokumentieren als in der Sprache. Schon George Orwells Terrorregime in “1984” wusste um die bewusstseinsverdunkelnde Macht der Abkürzungen, der funktionellen Knappheit von Sprache sowie der Vereinfachung und Verarmung sprachlicher Vielfalt. In bestimmten New-Technology-Firmen, in denen sich niemand mehr daran stört, wenn “der AM am PC das Update downloadet”, sind wir Orwell nicht in seiner politischen, wohl aber in seiner sprachlichen Vision bedrohlich nahe gekommen. Zugleich grassiert in den Großstädten und Hightech-Wüsten “Low Sexual Desire”, das massenhaft auftretende Phänomen mangelnden sexuellen Verlangens. Effektivsprech schlechttut Sexfühl. “In 50 Jahren haben wir euch so weit, dass ihr so etwas wie Liebe oder Ekstase nicht mehr denken, geschweige denn fühlen könnt”, so könnten die Neusprech-Strategen der Gegenwart untereinander beraten.
Die Wahrheit ist aber wahrscheinlich viel einfacher und zugleich frustrierender als jede Verschwörungstheorie: Wir selbst sind es, unser “inneres Regime” sorgt gründlicher als jeder Diktator für die Vertreibung von Schönheit und Liebe aus der Sprache. Schönheit macht Angst, denn sie kann ein offenes Herz in einer Weise ergreifen, die wehtut und gefährdet. ”Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen” (Rilke). Angst vor der Liebe spiegelt sich in Angst vor der Sprache der Liebe. Berührtsein, Erschütterung, Außer-Sich-Sein, Träne, Schrei, Explosion von Kraft und Lüsternheit – die Sach-Sprache ist der Türwächter, den wir bestellt haben, um all das von uns fern halten. Wenn wir “menschliche Wärme”, wie von Gerhard Polt satirisch vorgeführt, mit “M.W.” abkürzen, müssen wir nicht mehr spüren, was dieses Wort wirklich bedeutet. Weil wir vielleicht bei früheren Versuchen, unser Herz aufzutauen, verletzt worden sind, entwickelten wir eine Art “Erlebnisscheu” oder “Gefühlsmüdigkeit”. Gefangen im gläsernen Sarg des emotionalen Mittelmaßes harren wir heimlich des erweckenden Prinzenkusses. Aber erwecken können wir uns nur selbst. Zum Beispiel, indem wir uns wieder öffnen für die Sprache der Liebe. (PK)
Konstantin Wecker ist Herausgeber und Autor Roland Rottenfußer ist gleichzeitig Chefredakteur der Webseite "Hinter den Schlagzeilen", von der wir diesen Text übrnommen haben.
Weitere Texte von Roland Rottenfußer finden Sie in jeder Ausgabe des Zeitpunkt http://www.zeitpunkt.ch und in den NRhZ-Ausgaben
Online-Flyer Nr. 263 vom 18.08.2010
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