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Der Zug davor: Subversive Karnevalisten bringen die Verhältnisse zum Tanzen
Pappnasen voran!
Von Christian Heinrici und Arbeiterfotografie
„Lieber Herr Staatsanwalt, wir sind nur ein Karnevalsverein“
So stand es auf einem Schild der „G8-Pappnasen“, das sie 2008 in ihrem Zug vor dem offiziellen Rosenmontagszug trugen – nicht umsonst, denn die Kölner Staatsanwaltschaft hatte in den vergangenen beiden Jahren wegen „Verstoßes gegen das Versammlungsrecht“ ermittelt. Zu einem Prozess war es trotz 18-seitiger Ermittlungsakte nicht gekommen. Ob es sich wohl um einen rätselhaften Anfall von Humor gehandelt habe, die inkriminierende Anzeige wieder zurückzuziehen, fragten sich auch die jecken Globalisierungskritiker. Sogar Zugleiter Christoph Kuckelkorn hatte vorher sein Einverständnis mit dem Zug vor dem Zug bekundet.
Vor dem Zug vor dem Zug – mit Blick auf die Severinstorburg
Foto: Arbeiterfotografie
Das diesjährige Motto lag in der Luft: Bedrohlich wie ein Schwarm Heuschrecken hatten Banken, Broker und bestechliche Politiker den Planeten leergefressen und sich am Allgemeinwohl gütlich getan. Doch jetzt, wo der Kapitalismus am Boden läge, erklärten die Organisatoren von attac, sei es an der Zeit nachzutreten. Und das offizielle Motto der Session habe ja auch nur geringfügig korrigiert werden müssen: Anstatt „Unser Fastelovend – himmlisch jeck“ hieß es auf den Transparenten der Pappnasen „Euer Kapitalismus – höllisch bekloppt“.
Wie immer müssen die „Verdammten dieser Erde“ den Karren aus dem Dreck ziehen | Foto: Christian Heinrici
Eine riesige Heuschrecke aus Pappmaschee fuhr dem Zug voran – natürlich nicht aus eigener Kraft, sondern in zugleich fantasievoller wie realistischer Symbolik gezogen von den Ausgebeuteten dieser Erde. Mit einer gefräßigen Profitrat(t)e, räuberischen Banken und anderen Akteuren des Finanzzirkus’ folgten weitere sicher nicht liebenswürdige aber liebevoll gearbeitete Großpuppen.
„Mach dich vom Acker, Mann!“
Noch bei der Aufstellung: Die Profitrat(t)e
und ein Hinweisschild für „Siegertypen“
Foto: Christian Heinrici
„Wir sind die Heuschrecken!“ war auf überdimensionierten Geldscheinen (natürlich eine Fälschung...) zu lesen, die von schmarotzenden Kapitalisten unter das karnevalistische Volk gebracht wurden: „Unser Name ist Neoliberalismus, Deregulierung, Privatisierung, Hedge Fonds, Shareholder Value, Leergeldverkauf – und die Merkels, Müntes und Westerwelles dieser Welt sind die Hampelmänner, an denen wir ziehen.“ hieß es auf dem sehr realsatirischen Flugblatt.
„Un wenn de Krise kütt,
Dann stonn se all parat,
Wulle Steuerjelder hann,
Un jeder hätt jesaat:
Weetschaff am Arsch, am Arsch – Weetschaff am Arsch!“
So klang es aus den Lautsprechern des Heuschrecken-Wagens – eingespielt mit Hilfe von Klaus dem Geiger und Sascha Loss, in einer gekonnten Persiflage auf „dat Trömmelsche“. Und das war offensichtlich ebenso einleuchtend wie eingängig, dass auch vormals unbeteiligte Passanten den Refrain schon bald mitsingen konnten. Auch wenn die Pappnasen nicht immer auf das Wohlwollen der karnevalistischen Einheizer auf einigen „offiziellen Tribünen“ in Domnähe zählen konnten, hatten sie doch die Sympathie der meisten Zugbesucher – was spätestens klar wurde, als kurz nach der Hälfte des Weges die üppigen Flugblattbestände geschröpft waren.
„Seit 25 Jahren fressen wir die Erde leer – ohne Rücksicht auf euch, eure Pänz und deren Pänz.“ konnte man lesen. Sie nehmen es, aber mit Humor!
Foto: Arbeiterfotografie
Dreimal Marx: ne kölsche Jung
Foto: Arbeiterfotografie
Glücklicherweise hatte man aber auch Beistand von ganz oben. Denn nicht nur das Wetter hielt, auch Karl Marx war „janz himmlisch jeck“ hinabgestiegen – zwecks Orientierungshilfe. Als umgehendes Gespenst war „der echt kölsche Jung“ und Gründer der historischen NRhZ ebenfalls mit im Zug vertreten: „Der Kommunismus/ der hätt ene Rhythmus/ einer fängt zu schunkele an/ bis jeder mit muss...“ stimmte – mit Unterstützung von Biggi Wanninger aus den Lautsprechern – eine „marx-kierte“ Gruppe inspiriert an. Wenn das die roten Funken gehört hätten...
Doch der Zug vor dem Zug war mindestens so bunt wie der alternative Karneval in Köln. Unter dem Motto „Rettet das Auenland“ machte die „Aktionsgemeinschaft Contra Erweiterung Godorfer Hafen“ auf das geplante zusätzliche Hafenbecken im Kölner Süden aufmerksam. „Niemand will es, und niemand braucht es“ so die „Auenkrieger“, aber die Stadt koste es, neben dem Ruf wegen der nicht zum Bürgerbegehren anerkannten 38.000 Unterschriften, eben auch vorerst 60 Millionen Euro und ein wertvolles Naturschutzgebiet. Eine weitere Gruppe setzte szenisch die Irrsinnigkeit von Tierversuchen um – und unter dem Motto „bützen statt bomben“ machte „Welt ohne Kriege“ auf den Weltmarsch für Frieden und Gewaltfreiheit aufmerksam, der mit diesem kleinen karnevalistischen Umweg durch die Kölner Innenstadt über Neuseeland nach Chile ziehen wird, um in mehr als 90 Ländern auf zunehmende Gewalt und wachsenden Militarismus aufmerksam zu machen.
Abgesang auf den Kapitalismus | Foto: Christian Heinrici
Nach glücklich überstandenem Zugweg durchs jecke Köln stimmte Mitinitiator Tilman Lenssen-Erz noch einmal rhythmisch „den Kommunismus“ an, denn hatte „der Prophet“ nicht gesagt: „Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“ [1] (CH)
Weitere Bilder vom Zug der G8-Pappnasen:
Endlich... ist besser als unendlich! | Foto: Arbeiterfotografie
Eine Billion... oder wie ist der wahre Wert des Warenwerts?!
Foto: Christian Heinrici
„Legal-illegal-neoliberal: Wir verzocken euer Oma ihr klein Häuschen und auch alles andere, was ihr euch so zusammengespart habt.“
Foto: Arbeiterfotografie
Banker verfolgt vom Chinesischen „Kommutalismus“ | Foto: Christian Heinrici
Und wir müssen sie tragen: „die Profitrat(t)e“ | Foto: Arbeiterfotografie
Der Klüngel um den Godorfer Hafen wartet noch darauf, aufgedeckt zu werden
Foto: Christian Heinrici
Auf der Webseite der Arbeiterfotografie finden Sie noch weitere Fotos des Zuges.
Online-Flyer Nr. 186 vom 25.02.2009
Der Zug davor: Subversive Karnevalisten bringen die Verhältnisse zum Tanzen
Pappnasen voran!
Von Christian Heinrici und Arbeiterfotografie
„Lieber Herr Staatsanwalt, wir sind nur ein Karnevalsverein“
So stand es auf einem Schild der „G8-Pappnasen“, das sie 2008 in ihrem Zug vor dem offiziellen Rosenmontagszug trugen – nicht umsonst, denn die Kölner Staatsanwaltschaft hatte in den vergangenen beiden Jahren wegen „Verstoßes gegen das Versammlungsrecht“ ermittelt. Zu einem Prozess war es trotz 18-seitiger Ermittlungsakte nicht gekommen. Ob es sich wohl um einen rätselhaften Anfall von Humor gehandelt habe, die inkriminierende Anzeige wieder zurückzuziehen, fragten sich auch die jecken Globalisierungskritiker. Sogar Zugleiter Christoph Kuckelkorn hatte vorher sein Einverständnis mit dem Zug vor dem Zug bekundet.
Vor dem Zug vor dem Zug – mit Blick auf die Severinstorburg
Foto: Arbeiterfotografie
Das diesjährige Motto lag in der Luft: Bedrohlich wie ein Schwarm Heuschrecken hatten Banken, Broker und bestechliche Politiker den Planeten leergefressen und sich am Allgemeinwohl gütlich getan. Doch jetzt, wo der Kapitalismus am Boden läge, erklärten die Organisatoren von attac, sei es an der Zeit nachzutreten. Und das offizielle Motto der Session habe ja auch nur geringfügig korrigiert werden müssen: Anstatt „Unser Fastelovend – himmlisch jeck“ hieß es auf den Transparenten der Pappnasen „Euer Kapitalismus – höllisch bekloppt“.
Wie immer müssen die „Verdammten dieser Erde“ den Karren aus dem Dreck ziehen | Foto: Christian Heinrici
Eine riesige Heuschrecke aus Pappmaschee fuhr dem Zug voran – natürlich nicht aus eigener Kraft, sondern in zugleich fantasievoller wie realistischer Symbolik gezogen von den Ausgebeuteten dieser Erde. Mit einer gefräßigen Profitrat(t)e, räuberischen Banken und anderen Akteuren des Finanzzirkus’ folgten weitere sicher nicht liebenswürdige aber liebevoll gearbeitete Großpuppen.
„Mach dich vom Acker, Mann!“
Noch bei der Aufstellung: Die Profitrat(t)e
und ein Hinweisschild für „Siegertypen“
Foto: Christian Heinrici
„Un wenn de Krise kütt,
Dann stonn se all parat,
Wulle Steuerjelder hann,
Un jeder hätt jesaat:
Weetschaff am Arsch, am Arsch – Weetschaff am Arsch!“
So klang es aus den Lautsprechern des Heuschrecken-Wagens – eingespielt mit Hilfe von Klaus dem Geiger und Sascha Loss, in einer gekonnten Persiflage auf „dat Trömmelsche“. Und das war offensichtlich ebenso einleuchtend wie eingängig, dass auch vormals unbeteiligte Passanten den Refrain schon bald mitsingen konnten. Auch wenn die Pappnasen nicht immer auf das Wohlwollen der karnevalistischen Einheizer auf einigen „offiziellen Tribünen“ in Domnähe zählen konnten, hatten sie doch die Sympathie der meisten Zugbesucher – was spätestens klar wurde, als kurz nach der Hälfte des Weges die üppigen Flugblattbestände geschröpft waren.
„Seit 25 Jahren fressen wir die Erde leer – ohne Rücksicht auf euch, eure Pänz und deren Pänz.“ konnte man lesen. Sie nehmen es, aber mit Humor!
Foto: Arbeiterfotografie
Dreimal Marx: ne kölsche Jung
Foto: Arbeiterfotografie
Doch der Zug vor dem Zug war mindestens so bunt wie der alternative Karneval in Köln. Unter dem Motto „Rettet das Auenland“ machte die „Aktionsgemeinschaft Contra Erweiterung Godorfer Hafen“ auf das geplante zusätzliche Hafenbecken im Kölner Süden aufmerksam. „Niemand will es, und niemand braucht es“ so die „Auenkrieger“, aber die Stadt koste es, neben dem Ruf wegen der nicht zum Bürgerbegehren anerkannten 38.000 Unterschriften, eben auch vorerst 60 Millionen Euro und ein wertvolles Naturschutzgebiet. Eine weitere Gruppe setzte szenisch die Irrsinnigkeit von Tierversuchen um – und unter dem Motto „bützen statt bomben“ machte „Welt ohne Kriege“ auf den Weltmarsch für Frieden und Gewaltfreiheit aufmerksam, der mit diesem kleinen karnevalistischen Umweg durch die Kölner Innenstadt über Neuseeland nach Chile ziehen wird, um in mehr als 90 Ländern auf zunehmende Gewalt und wachsenden Militarismus aufmerksam zu machen.
Abgesang auf den Kapitalismus | Foto: Christian Heinrici
Nach glücklich überstandenem Zugweg durchs jecke Köln stimmte Mitinitiator Tilman Lenssen-Erz noch einmal rhythmisch „den Kommunismus“ an, denn hatte „der Prophet“ nicht gesagt: „Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“ [1] (CH)
Weitere Bilder vom Zug der G8-Pappnasen:
Endlich... ist besser als unendlich! | Foto: Arbeiterfotografie
Eine Billion... oder wie ist der wahre Wert des Warenwerts?!
Foto: Christian Heinrici
„Legal-illegal-neoliberal: Wir verzocken euer Oma ihr klein Häuschen und auch alles andere, was ihr euch so zusammengespart habt.“
Foto: Arbeiterfotografie
Banker verfolgt vom Chinesischen „Kommutalismus“ | Foto: Christian Heinrici
Und wir müssen sie tragen: „die Profitrat(t)e“ | Foto: Arbeiterfotografie
Der Klüngel um den Godorfer Hafen wartet noch darauf, aufgedeckt zu werden
Foto: Christian Heinrici
Auf der Webseite der Arbeiterfotografie finden Sie noch weitere Fotos des Zuges.
Online-Flyer Nr. 186 vom 25.02.2009