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Interview mit Gangolf Stocker aus dem Widerstand gegen "Stuttgart 21“
Ein Kartell wie in Köln
Von Peter Kleinert
Vertreter von Umweltverbänden haben der Behauptung von Bahn, verantwortlichen Politikern und Baukonzernen widersprochen, das umstrittene Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ sei unumkehrbar. Planungsrechtlich sei „das Gesamtprojekt längst nicht in trockenen Tüchern“ erklärten sie laut Stuttgarter Zeitung vom 12. September unter dem Titel "Die Bahn hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt". Zwei der sieben Abschnitte sind danach „noch nicht planfestgestellt“. BUND und Landesnaturschutzverband sehen eine Chance, das Projekt zu kippen, weil „mit falschen Daten und Zahlen operiert worden" sei, betonten die Gegner im Anhörungsverfahren zur Planfeststellung. Gangolf Stocker ist einer der Initiatoren des wachsenden Widerstands in der Stuttgarter Bevölkerung. – Die Redaktion

Foto: Peter Gierhardt

Online-Flyer Nr. 267 vom 15.09.2010
Interview mit Gangolf Stocker aus dem Widerstand gegen "Stuttgart 21“
Ein Kartell wie in Köln
Von Peter Kleinert
Vertreter von Umweltverbänden haben der Behauptung von Bahn, verantwortlichen Politikern und Baukonzernen widersprochen, das umstrittene Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ sei unumkehrbar. Planungsrechtlich sei „das Gesamtprojekt längst nicht in trockenen Tüchern“ erklärten sie laut Stuttgarter Zeitung vom 12. September unter dem Titel "Die Bahn hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt". Zwei der sieben Abschnitte sind danach „noch nicht planfestgestellt“. BUND und Landesnaturschutzverband sehen eine Chance, das Projekt zu kippen, weil „mit falschen Daten und Zahlen operiert worden" sei, betonten die Gegner im Anhörungsverfahren zur Planfeststellung. Gangolf Stocker ist einer der Initiatoren des wachsenden Widerstands in der Stuttgarter Bevölkerung. – Die Redaktion

Foto: Peter Gierhardt
Peter Kleinert: Ich habe den Stuttgarter Kopfbahnhof als Mitglied des Vorstands der Deutschen Journalisten-Union in der IG Druck und Papier in den 70er Jahren kennen gelernt und fand ihn damals sehr eindrucksvoll. 1994 erfuhr die Öffentlichkeit von Plänen, diesen oberirdischen Bahnhof unter die Erde zu verlegen und dafür kilometerlange Tunnel durch Stuttgart zu bauen. Welche Gründe wurden dafür genannt und warum haben Sie seitdem bis heute gegen diese Pläne mobilisiert?
Gangolf Stocker: Als Gründe wurden genannt, der Kopfbahnhof sei nicht mehr leistungsgerecht, veraltet, es gäbe Fahrwegausschlüsse, schon jetzt überlastet etc. Davon stimmte zwar nichts, es wird aber bis heute behauptet. Der Widerstand dagegen hat erst einmal alle diese Lügen in Flugblättern, die stadtweit verteilt wurden, entlarvt. Vor allem aber die hohen Kosten (damals 2,5 Mrd. Euro) haben viele Menschen fassungslos gemacht. Heute gehen wir von Kosten in Höhe von 8 bis 9 Milliarden aus.

Schon am Freitag, 29.1.2010 trafen sich mehr als 8.000 BürgerInnen, um vor dem Nordausgang des Stuttgarter Hauptbahnhof gegen dessen Teilabriss zu protestieren.
Quelle: www.kopfbahnhof-21.deInzwischen läuft dieser Widerstand – außerhalb Stuttgarts lange weitgehend unbemerkt – seit fast 15 Jahren und erregt seit ein paar Wochen immer mehr öffentliches Interesse, sogar bis in die Tagesschau und bis nach Köln, wo das Stadtarchivgebäude und drei Menschen einem ähnlichen - angeblich korruptiv zustande gekommenen - Tunnelbau zum Opfer fielen. Wie hat sich ihre Rolle in diesem Widerstand auf Ihr Leben ausgewirkt? Was haben Sie und die Stuttgarter BürgerInnen in diesen Jahren vor Ort erreicht? Und: Warum sind Sie nicht gerichtlich gegen die Planung vorgegangen?
Wir haben mit unserem Protest die Stadt und die Menschen verändert. Mindestens die Hälfte der Protestierenden sind zum ersten Mal in ihrem Leben auf einer Demo. Es ist ein bürgerlicher Potest.
Natürlich haben wir alle juristischen Mittel versucht. Die Verhandlung vor dem Verwaltungsgerichtshof war dann allerdings eine Farce. Da traten Leute als Gutachter auf, die ihre eigene Planung begutachteten oder im Beirat der Bahn saßen oder gemeinsame Geschäfte mit der Bahn machten.
Angeblich soll auch die Landesregierung - nicht nur die Bahn AG - an diesem milliardenschweren und immer teurer gewordenen Großauftrag für die Bauindustrie (welcher Konzern hat den Auftrag eigentlich wie bekommen?) Interesse haben. Es gibt da auch Gerüchte von Preissteigerungen und Korruption im Hintergrund des Projektes wie in Köln. Ist da was dran?
In der Tat. Wir reden hier von einem Kartell, einem Kartell aus Eisenbahnwissenschaft, Baukonzernen, Politik, Banken, Tunnelbohrmaschinenherstellern etc. Der geologische Gutachter bei Stuttgart 21 ist übrigens der gleiche, der in Köln so segensreich wirkte.
Dieser Sackbahnhof, der nach einem Entwurf des Architekten Paul Bonatz 1928 fertig gestellt wurde und längst ein Wahrzeichen der Stadt ist, soll ja sogar unter Mitwirkung des Stararchitekten Frei Otto nun ein „U-Bahnhof“ werden. Sogar der hat sich aber inzwischen angeblich gegen den Bau ausgesprochen. Warum?
Frei Otto war beratend beim Ingenhoven-Entwurf tätig und hat sich mittlerweile distanziert. Er befürchtet, dass der Bahnhof vom aufsteigenden Mineralwasser nach oben gedrückt werden könnte.
Wird der Widerstand am Ende Ihrer Meinung nach erfolgreich sein? Was ist dazu Ihrer Meinung nach noch notwendig?
Wir hoffen es. Wir haben bislang soviel Druck entfaltet, dass die Befürworter in der Politik langsam in die Knie gehen. Es gibt Gesprächsangebote von Mappus, und die SPD will jetzt plötzlich einen Volksentscheid. So lange aber der Nordflügel abgerissen wird, wird es auch keine Gespräche geben.
Mit Widerstand kennt sich Gangolf Stocker aus. Als junger Mann verweigerte er den Kriegsdienst, zu einer Zeit, als das noch nicht salonfähig war. Politisch startete er bei der SPD, dann folgten DKP und PDS. Lange hielt er es nirgendwo aus. Heute ist er parteiloser Stadtrat. Seine Berufslaufbahn als Künstler unterbrach er, als er heiratete und Kinder bekam. Um die Familie besser abzusichern, suchte er sich einen Angestelltenjob. Im Stuttgarter Thieme-Verlag wurde er auch Betriebsrat. Einer von der unbequemen Sorte. „Von den 23 Jahren, die ich dort war, wollten sie mich 22 Jahre lang loswerden", erzählt er. Irgendwann ging er tatsächlich - mit einer hohen Abfindung. „Da habe ich wieder angefangen zu malen." Realismus mag er, sagt Stocker. Avantgarde sei nicht sein Ding. (PK)
Lesen Sie hierzu "BUND fordert Volksabstimmung" in dieser NRhZ-Ausgabe
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Online-Flyer Nr. 267 vom 15.09.2010














