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Aktueller Online-Flyer vom 23. Januar 2026  

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Arbeit und Soziales
In einem reichen Land
Erfrierende Obdachlose
Von Christopher Dömges

In einem reichen Land friert niemand – so lautet die beruhigende Erzählung, die sich Deutschland jeden Winter selbst erzählt. Sie passt gut zu vollen Weihnachtsmärkten, zu Debatten über Wärmepumpen und Energieeffizienz, zu einem Staat, der sich gern als sozial und leistungsfähig versteht. Doch während diese Erzählung erzählt wird, liegen Menschen auf Pappkartons in Hauseingängen, ziehen Plastiktüten über ihre Schuhe und hoffen, dass die Nacht nicht die letzte ist.


Foto: Christopher Dömges

Obdachlosigkeit im Winter ist kein Naturereignis, kein unvermeidbares Unglück. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen – und politischer Ausreden. Wenn in einem der reichsten Länder der Welt Menschen an Unterkühlung sterben, dann nicht, weil es an Geld fehlt, sondern an Prioritäten. Milliarden werden mobilisiert, wenn Banken wanken oder Industrien schwächeln. Für Notunterkünfte, Prävention und bezahlbaren Wohnraum hingegen reicht es angeblich nie ganz.

Der Winter wirkt dabei wie ein moralischer Brennglas-Effekt. Plötzlich wird sichtbar, was sonst verdrängt wird: dass Wohnraum zur Ware gemacht wurde, dass soziale Sicherungssysteme Lücken haben und dass Hilfsangebote oft erst greifen, wenn jemand bereits abgestürzt ist. Notunterkünfte, so wichtig sie sind, bleiben Symptom-Bekämpfung.

Besonders bitter ist die Routine des Wegsehens. Die kurze Empörung bei Extremfrost, die Betroffenheitsstatements, die Appelle an die Zivilgesellschaft – und danach das große Schweigen. Obdachlose werden zu einem saisonalen Problem erklärt, das mit dem Frühling verschwindet.

Ein reicher Staat misst sich nicht an seinem Bruttoinlandsprodukt, sondern daran, wie er mit denen umgeht, die nichts haben. Solange Menschen in Deutschland im Winter erfrieren, ist jeder Verweis auf Wohlstand hohl. Die Kälte, die sie tötet, kommt nicht nur von draußen. Sie kommt aus einer Gesellschaft, die sich an Zustände gewöhnt hat, die sie eigentlich nicht hinnehmen dürfte.

Es ist beschämend. Hier bei mir in Dortmund sind in der ersten Kältewelle des neuen Jahres drei Obdachlose erfroren. Einer von ihnen saß im Rollstuhl und hat es nicht mehr in die Notschlafstelle geschafft. Zeit, die Systemfrage zu stellen: Der Kapitalismus kümmert sich nicht um die Ärmsten der Armen. Im Sozialismus hingegen hat jeder seinen Platz; wird gefördert und gefordert. Da gibt es immer was zu tun.

Online-Flyer Nr. 857  vom 23.01.2026



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