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Literatur
Wolfgang Bittner: Der Dompfaff verschwand pfeifend im Hibiskus
Politische Lyrik mit Herz und Seele
Buchtipp von Harry Popow

Als Rezensent vieler seiner politischen Streitschriften hat mich Wolfgang Bittners neues Gedichtbuch sehr überrascht. Es findet sich kein Aufruf „Zum Kampf bist Du geboren...“ (obwohl auch dies in der heutigen Zeit nicht verkehrt wäre). Vielmehr haben wir es mit einer selbst in den starken politischen Aussagen empfindsamen, feinziselierten Lyrik zu tun. Es sind gefühlvolle Texte mit originellen Wendungen, eindrucksvollen Naturbeschreibungen, aber auch punktgenauen Eindrücken des beunruhigenden Geschehens in Politik und Gesellschaft.

Passend zum Buchinhalt zeigt das Titelbild eine in Stein gehauene Frau im Soldatenmantel. "Die Frierende" heißt die Plastik, die Rudolf Leptien, ein Schüler Ernst Barlachs, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg schuf. Sie steht auf dem Golm, der höchsten Erhebung der Ostsee-Insel Usedom, wo sich die größte Kriegsgräberstätte Mecklenburg-Vorpommerns befindet, eine „Mahnstätte für den Frieden und Lernort der Geschichte“, wie es heißt.

Während im ersten Kapitel noch „die Kraniche den Frühling einläuten“ und „am hellen Strand und auf der Heide blau der Enzian blüht“ („sing, sing, was geschah“), warnt der Dichter schon kurz darauf: „Pass auf, was Du sagst…/ eine lange Liste wird abgearbeitet / hinter vorgehaltener Hand. / Weißt Du nicht, was verboten ist, / glaubst Du etwa, davonzukommen?“ Er denkt „an Anna und Egon, die es schafften“ (vor dem Nazi-Terror nach Mexiko zu entkommen), auch an „Kurt und Bertolt und sogar Thomas“, und realisiert zugleich: „Keine Chance mehr…/ alle Grenzen geschlossen, / es nennt sich ‚konzertiert‘“.

Ein Beispiel für die überraschenden Wendungen ist das Gedicht „Nach dem Gewitter“:
Schmetterling über den Rosen,
der Salbei duftet,
so grün das Laub.
Und wolkenlos der Himmel
nach dem Gewitter.
Noch vor dem verschuldeten Krieg.

In der Bläue die Kondensstreifen der fliegenden Särge.

Mehrmals fragt der Dichter: „Ist schon Krieg? / Sag mir: Ist Krieg? / Schon wieder oder immer noch?“ Die grassierende Kriegsgefahr treibt ihn um, aber er schreibt auch von dem beglückenden Sonnentag, dem Meer voller Fische und dem Garten oder dem Park, in dem man einen Moment seine Sorgen vergessen und Ruhe finden kann. Wie in seinen Romanen und Sachbüchern wirbt er auch in seiner Lyrik um ein friedliches, humanes Miteinander in einer zerfallenden Gesellschaft.

Wolfgang Bittner, der nach dem Krieg in einem Barackenlager aufwuchs (dazu sein Roman „Die Heimat der Krieg und der Goldene Westen“), lebt als Schriftsteller und Publizist in Göttingen. Der promovierte Jurist erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen, ist Mitglied im PEN und hat mehr als 80 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder veröffentlicht. Er war freier Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, im Hörfunk und beim Fernsehen, unternahm längere Reisen nach Vorderasien, Mexiko, Kanada und Neuseeland und war 2004 und 2006 Gastprofessor in Polen.

Seine Gedichte regen an, die Welt, wie sie ist, zu begreifen, zu hinterfragen und bei allem Entsetzlichen nicht zu resignieren. „Die Heimsuchung steht bevor“, lässt uns der Dichter wissen, „Amtsträger geben sich leutselig, / die Experten wissend“. Aber das Ende der Geschichte ist noch nicht angebrochen. „Du darfst protestieren und verurteilen“, erinnert er den Bürger und fährt fort: „Du darfst lamentieren und kritisieren, / hin und wieder demonstrieren. / Du darfst sogar wählen. / Das ist dein gutes Recht, dein Bürgerrecht, / das nennt sich zivilisiert.“ Doch sogleich kommt die ironisch-sarkastische Wende: „Auch wenn du keine Ahnung hast.“

In einem anderen Gedicht heißt es: „Krämer und Spießer… / schleppen Granaten, / Raketen und Panzerfäuste / an die Front…/ für ihr Märchen / von Frieden und Freiheit. / Alle haben einen Feind.“ Und die anderen, nicht wenige, müssen aufpassen, dass sie nicht verbotene Medien zur Information nutzen oder ein falsches Wort sagen, weil sonst „in diesem seltsam realen Albtraum“ die Folgen existenzvernichtend sein können.

Der Dichter spricht in einigen seiner Texte aus, was in den sogenannten Leitmedien verschwiegen, verschleiert oder worüber gelogen wird. Aber immer findet die inhaltliche Aussage eine passende, mehr oder weniger lyrische Form. Sehr berührend fand ich die Gedichte „Schiras‘ Rosen“, wo es um den Krieg der USA und Israels gegen den Iran geht, und „Seelisch“ über eine geschenkte Rose mit „spitzen Stacheln und einer ganz hellen Seele“.

Ein besonders gelungenes Beispiel für politische Lyrik ist für mich das folgende Gedicht:

Kurzer Rückblick

Minutenschlaf führte mich heim:
Grüne Auen, sanfte Hügel
und ein stattliches Anwesen zuvor.
Der Großvater brachte einen Karpfen,
er schenkte mir eine Schuppe
fürs immerwährende Glück.
Große Freude trotz der Artillerie.
Die Großmutter stand am Herd
und schälte die letzten Kartoffeln.
„Sie werden kommen und sich rächen“,
sagte sie und weinte ein bisschen.
„Contenance!“, erbat sich der Alte,
„uns geht’s doch noch gold“,
ein Veteran von 14/18.
„Wann kommt Papa?“, fragte das Kind.
„Er ist an der Front“, erwiderte die Mutter,
und wusste sich zu beherrschen.
„Ich habe Hunger“, sagte das Kind,
bevor ich erwachte.

Wolfgang Bittner hat mit seinem neuen Gedichtband in einer schwierigen Zeit, in der Kultur kaum noch eine Rolle spielt, ein Stück welthaltiger Literatur geschaffen, die am Ende Hoffnung aufkommen lässt. Ich wünsche seinem Buch viele Leserinnen und Leser, darunter auch Menschen, die vielleicht bisher noch nicht den Zugang zur Gegenwartslyrik gefunden haben.


PS: Wolfgang Bittner: „Harrys Frau Cleo hatte bei unserem Telefonat über den 'Dompfaff...' einige bemerkenswerte Sätze gesagt, u.a.: 'Es sind knallharte, aber auch gefühlvolle Gedichte mit originellen Wendungen... starke politische Aussagen... sehr gelungene Naturbeschreibungen ... empfindsame Lyrik...'"


Wolfgang Bittner: Der Dompfaff verschwand pfeifend im Hibiskus




Verlag am Park (in der Eulenspiegel-Verlagsgruppe), Berlin 2026, Broschur, 126 Seiten, 13 Euro

Online-Flyer Nr. 867  vom 12.08.2026



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