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Kultur und Wissen
Sandra Kouba brilliert im Theater Tiefrot
„Little Big Voice“
Von Gerrit Wustmann
Vi hat alles hinter sich gelassen. Nun ja, eigentlich hat sie nur Karl-Heinz hinter sich gelassen, der vermutlich ohnehin schlecht im Bett und gut bei Volksmusik in der Dorfkneipe war: Ein Kuhkaff in der deutschen Provinz, Familie, Freunde, alles egal, die große weite Welt ruft. Jeder kann ein Star werden, jeder kann seine fünf Ruhmesminuten erleben, Dieter macht’s möglich. Dieter, ja, diesen Kalauer erlaubt sich das Stück tatsächlich, und das ganz ohne albern oder platt zu wirken. Dieter ist in diesem Fall Christian Hecker am Piano, Vi, das ist Sandra Kouba, beide unter der Regie von Wolfram Zimmermann, der erst kürzlich mit Nicky Silvers „The Altruists“ aka „Gutmenschen“ im Kölner Theater Tiefrot sein Gespür für gutes Theater und für punktgenaue Inszenierung bewies.

Mehr als nur eine Persiflage: Szenenfoto aus „Little Big Voice“
Sandra Kouba kann nicht nur spielen, sie kann auch singen. Es war einer dieser magischen Momente, als sie im Herbst 2007 unter Leitung von Volker Lippmann Goethes Ottilie spielte und ganz unerwartet mit einer märchenhaft sanften Stimme „Über allen Gipfeln ist ruh…“ intonierte.
„Little Big Voice“ ist mehr als eine bloße Persiflage auf den Castingshow-Wahn und den Ausverkauf von Jugendkultur und naiven Träumen. Neben seinem beeindruckenden Tastenzauber gibt Christian Hecker am Piano einen verschroben-sprachlosen Dieter, der die Superstaranwärterin Vi durch Stummheit zermürbt, während er auch dem Publikum stets nur den Rücken zuwendet, bis Vi verzweifelt: Sie war darauf vorbereitet, niedergemacht und verspottet zu werden, ihre Talentlosigkeit vorgehalten zu bekommen. Stattdessen erntet sie das, was für die Mediengesellschaft der Tod ist – gnadenlose Kommentarlosigkeit, wortloses Desinteresse. Dieter wird zum herzlosen Spielautomaten, der ohne Gebäckfütterung den Dienst verweigert. Die bitterböse Satire auf das prekäre Fernsehdeutschland bleibt aber glücklicherweise nicht in der intellektuellen Schmunzel-Gehässigkeit stehen, wie es so viele Kabarettisten tun.
Karl-Heinz ruft an, und auch die beste Freundin, Verbindungen zur Außenwelt, Störenfriede, die Vi abgelegt zu haben glaubt, zumal sie ihre Karrierebestrebungen ohnehin nie ernst genommen hatten... diese ländlichen Kleingeister, die sie „Im Wartesaal zum großen Glück“ allein lassen. Zumindest bis erste Zweifel sie befallen, ob die große weite Welt denn wirklich so groß und weit ist, oder ob sie nicht lediglich Chimären aufgesessen ist, die sich kurzweilig an ihr erfreuen und sie dann wieder ausspeien wollen.

Erotisch-gewagte Reminiszenz an
Marlene Dietrich | Foto: © Ide Loedige
Puck-Preisträgerin Sandra Kouba lässt dabei ihrer schauspielerischen und stimmlichen Bandbreite ihren Lauf. Sie gibt das naive Mädchen, das sich im nächsten Moment zum Vamp wandelt, da ist optisch und musikalisch alles drin, selbst vor einer erotisch-gewagten Reminiszenz an die Dietrich schreckt sie nicht zurück – zu Recht. Die bedacht ausgewählten Songs von Madonnas „Like A Virgin“ über das poppig-süße „Lovefool“ der Cardigans, vermengen sich mit klassisch-melancholischen Chansons und bittersüßen Pop-Ausflügen („Big Big World“). Während bei „Ich bin verrückt nach jedem Pianisten“ ein mutiges Spiel mit dem Publikum auf der Metaebene der Inszenierung einstreut wird, überrascht „Tsubasa Chronicle“ zwischen Deutsch, Englisch und Französisch gänzlich unerwartet aber keineswegs weniger überzeugend mit japanischen Vocals und Klängen. Das dabei von Regie-Assistent Lars Zastrow dirigierte Lichtarrangement bleibt durchgehend innovativ und immer wieder angenehm überraschend.

Rauch- und hauchfeine Nuancen, fast
beiläufig transportiert | Foto: © Ide Loedige
Sandra Kouba gelingt es, zu jedem Song in eine neue Rolle zu schlüpfen, und dabei trotzdem die Rolle der Vi durchweg glaubhaft lebendig zu machen, mit all deren Stärken, Schwächen, Ängsten und – vor allem – Unsicherheiten, die fast beiläufig in hauchfeinen Nuancen ihres Spiels transportiert werden. In rund siebzig Minuten entsteht eine eindringliche und wirkungsmächtige Symbiose aus inhaltlich schlüssiger Theaterinszenierung und Konzert. Zu voller Höhe gelangt Sandra Kouba, wenn sie sich gegen
Ende mit „Fever“ (das Anfang der 60er Jahre durch Elvis Presley populär wurde) in Blues-Gefilde wagt und mit rauchig-ausgereifter Stimme eine Pianobar-Atmosphäre aufkommen lässt, die jedem „Film Noir“ zur Güte reichen könnte. (CH)
Online-Flyer Nr. 162 vom 03.09.2008
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Kultur und Wissen
Sandra Kouba brilliert im Theater Tiefrot
„Little Big Voice“
Von Gerrit Wustmann
Vi hat alles hinter sich gelassen. Nun ja, eigentlich hat sie nur Karl-Heinz hinter sich gelassen, der vermutlich ohnehin schlecht im Bett und gut bei Volksmusik in der Dorfkneipe war: Ein Kuhkaff in der deutschen Provinz, Familie, Freunde, alles egal, die große weite Welt ruft. Jeder kann ein Star werden, jeder kann seine fünf Ruhmesminuten erleben, Dieter macht’s möglich. Dieter, ja, diesen Kalauer erlaubt sich das Stück tatsächlich, und das ganz ohne albern oder platt zu wirken. Dieter ist in diesem Fall Christian Hecker am Piano, Vi, das ist Sandra Kouba, beide unter der Regie von Wolfram Zimmermann, der erst kürzlich mit Nicky Silvers „The Altruists“ aka „Gutmenschen“ im Kölner Theater Tiefrot sein Gespür für gutes Theater und für punktgenaue Inszenierung bewies.

Mehr als nur eine Persiflage: Szenenfoto aus „Little Big Voice“
Sandra Kouba kann nicht nur spielen, sie kann auch singen. Es war einer dieser magischen Momente, als sie im Herbst 2007 unter Leitung von Volker Lippmann Goethes Ottilie spielte und ganz unerwartet mit einer märchenhaft sanften Stimme „Über allen Gipfeln ist ruh…“ intonierte.
„Little Big Voice“ ist mehr als eine bloße Persiflage auf den Castingshow-Wahn und den Ausverkauf von Jugendkultur und naiven Träumen. Neben seinem beeindruckenden Tastenzauber gibt Christian Hecker am Piano einen verschroben-sprachlosen Dieter, der die Superstaranwärterin Vi durch Stummheit zermürbt, während er auch dem Publikum stets nur den Rücken zuwendet, bis Vi verzweifelt: Sie war darauf vorbereitet, niedergemacht und verspottet zu werden, ihre Talentlosigkeit vorgehalten zu bekommen. Stattdessen erntet sie das, was für die Mediengesellschaft der Tod ist – gnadenlose Kommentarlosigkeit, wortloses Desinteresse. Dieter wird zum herzlosen Spielautomaten, der ohne Gebäckfütterung den Dienst verweigert. Die bitterböse Satire auf das prekäre Fernsehdeutschland bleibt aber glücklicherweise nicht in der intellektuellen Schmunzel-Gehässigkeit stehen, wie es so viele Kabarettisten tun.
Karl-Heinz ruft an, und auch die beste Freundin, Verbindungen zur Außenwelt, Störenfriede, die Vi abgelegt zu haben glaubt, zumal sie ihre Karrierebestrebungen ohnehin nie ernst genommen hatten... diese ländlichen Kleingeister, die sie „Im Wartesaal zum großen Glück“ allein lassen. Zumindest bis erste Zweifel sie befallen, ob die große weite Welt denn wirklich so groß und weit ist, oder ob sie nicht lediglich Chimären aufgesessen ist, die sich kurzweilig an ihr erfreuen und sie dann wieder ausspeien wollen.

Erotisch-gewagte Reminiszenz an
Marlene Dietrich | Foto: © Ide Loedige

Rauch- und hauchfeine Nuancen, fast
beiläufig transportiert | Foto: © Ide Loedige
Ende mit „Fever“ (das Anfang der 60er Jahre durch Elvis Presley populär wurde) in Blues-Gefilde wagt und mit rauchig-ausgereifter Stimme eine Pianobar-Atmosphäre aufkommen lässt, die jedem „Film Noir“ zur Güte reichen könnte. (CH)
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