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Aktueller Online-Flyer vom 14. Juni 2024  

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Kultur und Wissen
Der Schriftsteller Artur Rümmler ist 80 geworden
Herzlichen Glückwunsch, Artur!
Von Peter Betscher

Artur ist ein Meenzer Bub aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Er studierte Germanistik, Philosophie, Psychologie, Geschichte, Latein an der Johannes-Gutenberg-Universität. Seine Berufslaufbahn begann er in Südschweden als Deutschlehrer und atmete dort bereits etwas freiere Luft als in der noch muffigen Bundesrepublik. Zurück aus Schweden setzte er sein Studium fort und promovierte 1972 über Karl Krolow. Danach begann er als Volontär und Feuilletonredakteur beim Darmstädter Echo und bekam die Zwänge einer Zeitungsredaktion zu spüren. Nichts ahnend platzierte er eine Geschichte des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt über den gelungenen Streik von Werftarbeitern auf einer literarischen Unterhaltungsseite. Er wurde vom Chefredakteur getadelt, und es wurde ihm verboten, Werkkreistexte zu veröffentlichen. Dieser Akt der Repression war der frühe Auftakt zu seiner späteren Entlassung. Danach studierte er Geschichte und Pädagogik an der TH Darmstadt. Den Rest seines Arbeitslebens verbrachte er am Abendgymnasium als Lehrer für Deutsch, Gemeinschaftskunde, Kunstgeschichte und Psychologie.


Artur Rümmler

Als Lehrer wandte er ungewöhnliche Methoden an. Um nur ein Beispiel zu nennen, ließ er seine Schüler Textanalysen der Bild-Zeitung machen und auch selbst entsprechende Texte entwerfen. Ein früher Lehransatz für Medienkompetenz und konträr zu dem, was man heutzutage den Schülern auf diesem Gebiet verabreicht, wo das Wort in aller Munde ist. Ich war nicht dabei, aber ich stelle mir vor, dass auch seine Kunst- und Literaturbetrachtungen außergewöhnlich waren, da von einem umfassenden Wissen gespeist.

Anfang der 90er Jahre engagiert sich Artur bei den Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF) unter dem Motto: „Versöhnung mit den Völkern der Sowjet-Union“. Im November kamen neun Besucher des sowjetischen Friedenskomitees nach Darmstadt und der Gegenbesuch fand zum Jahreswechsel 90/91 in Moskau statt. „Auch auf der pädagogischen Ebene schlugen sich unsere Aktivitäten, je nach Schultyp, nieder. Führten die deutsch-sowjetischen Kontakte etwa zu Schul- und Diskussionsveranstaltungen und dem Austausch von Kinderzeichnungen, so gab es jetzt gemeinsame Demonstrationen von SchülerInnen uns LehrerInnen, und einige von uns, besonders die Kollegen am Abendgymnasium, konnten den Krieg am Golf ausführlich zum Gegenstand des Unterrichts machen.“ (1) Eine Initiative, die man sich heute in Bezug auf Russland wieder dringend wünscht.

Artur war und ist im Werkreis der Literatur der Arbeitswelt aktiv. Der Werkkreis gründete sich nach der Spaltung der Gruppe 61 (eine lose Gruppe von Arbeiterschriftstellern aus Dortmund) im März 1970 unter dem maßgeblichen Einfluss von Erasmus Schöfer und Günther Wallraff. Die Texte des Werkkreises wurden u.a. damals im Fischer Taschenbuch Verlag verlegt und „bis 1987 produzierte man rund sechzig Taschenbuch-Titel mit mehr als einer Million Exemplaren; sie enthalten die ästhetische Widerspiegelung der Arbeitswelt und vieler Lebensbereiche der abhängig Beschäftigten.“ (2) Heutzutage unvorstellbar, zumal der Werkkreis größtenteils aus schreibenden Werktätigen bestand. In Darmstadt entstanden mehrere Darmstadt-Lesebücher des Werkreises unter seiner maßgeblichen Beteiligung und teilweise lieferte die Arbeiterfotografie-Gruppe Darmstadt die Bebilderung.

Er veröffentlichte mehrere Bücher mit eigenen Gedichten und Prosa, darunter einfühlsame erotische Geschichten unter dem Titel „Das Hautwunder“. Über seine Gedichte schreibt er anstatt eines Nachwortes in der Gedichtsammlung „Herzfaust“:

Diese Gedichte
verhüllen nicht, sie enthüllen
sie verdunkeln nicht, sie erhellen,
sie deuten nicht an, sie benennen
sie geben Anstöße
sie sind anstößig

Erst im Ruhestand hatte er die Zeit sich an die große Form, den Roman, heranzuwagen. Er bezeichnet seine Romane als Social Science Fiction. In „2040 - Im Visier der Macht“ lebt und arbeitet John Forster, ein junger Journalist, zunächst angepasst im neoliberalen Unterdrückungsstaat des Großen Konzerns, der seine Herrschaft durch Sex, das Allnet, eine heimliche Droge und extreme Überwachung (u.a. Gedankenkontrolle) absichert. Die Erfahrungen bei seiner Arbeit in Bellytown (früher Darmstadt), die Ermordung seiner Eltern, seine Recherchen zu einer geheimnisvollen Formel führen zu seinem Gesinnungswandel, bis er, als Terrorist verfolgt wird. Im Odenwald leben 500 politische Verfolgte im so genannten Niemandsland hinter Stacheldraht und Totalüberwachung, denen sich John Forster anschließt. Diese Fantasie ist in der Corona-Zeit schon ziemlich nah an die Wirklichkeit gerückt und in der Zeit haben wir uns zwar noch nicht hinter Stacheldraht, aber nur in privaten Räumen getroffen und der öffentliche Raum war „vermint“ wie in 2040.

Im 2. Roman „2084 - Money goodbye“ ist das Privateigentum abgeschafft. Gewirtschaftet wird mit Blick auf die Ressourcen. Alle Entscheidungen erfolgen basisdemokratisch von unten nach oben mithilfe von Supercomputern. Die Gesellschaft ist aber nicht frei von Bedrohungen. Giovanni Forster, der Sohn von John Forster, gerät ins Visier einer Geheimorganisation aus Kapitalisten und Transhumanisten. Mehr soll nicht verraten werden. Seine Lebensgefährtin Edith ist durch Anregungen an beiden Romanen beteiligt und ich vermute, dass auch einige seiner Gedichte und Liedtexte auf den gemeinsamen Wanderungen durch den Odenwald entstanden sind.

Einige neuere Prosa-Texte fanden Eingang in die Neue Rheinische Zeitung und auf einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Mannheim schloss er sich den Arbeiterfotografen an. Arturs Texte zeichnen sich durch Menschenfreundlichkeit aus und geben Anstöße zum Einsatz für Frieden und eine gerechtere Gesellschaftsordnung.


Artur Rümmler in Aktion – mit Tafel zum Massaker in Odessa am 2. Mai 2014


Anmerkungen:

(1) https://www.friedenskooperative.de/friedensforum/artikel/friedensarbeit-vor-ort-zum-beispiel-darmstadt
(2) http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/1305.werkkreis-literatur-der-arbeitswelt-hat-er-noch-eine-zukunft.html


Veröffentlichungen:
  • Die Entwicklung der Metaphorik in der Lyrik Karl Krolows (1942 - 1962). Die Beziehung zu deutschen, französischen und spanischen Lyrikern (Diss. Mainz 1971) Bern, Frankfurt/M 1972
  • Werkstatt Darmstadt im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt (Hrsg.): Adé, Luisenplatz! Ein Darmstadt-Lesebuch. Darmstadt 1979
  • Wegzeichen. Gedichte, Prosa und ein Dialog. 1963 - 1980. Darmstadt 1982 (vergriffen)
  • Das Hautwunder. Liebesgeschichten. Mit Illustrationen von Christa Perschbacher-Tepperis. Darmstadt 1983
  • Auf Eis gelegt. Zwischenmenschliche Beziehungen im Betrieb. Herausgegeben von Ludwig Miehe, Werkstatt Frankfurt/M, und Artur Rümmler, Werkstatt Darmstadt. Frankfurt/M 1987 (= fit 5294, vergriffen)
  • Typen, Täter und Mon€t€n. Lyrische Bisse und Kitzeleien. Münster 2005. ISBN: 978-3-86582-253-3
  • 1991-1994 freier Mitarbeiter bei der "Zeitung für Darmstadt" (Film- und Literaturkritiken)
  • Lyrik und Prosa beim Werkkreis sowie in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften
  • Werkkreis Literatur der Arbeitswelt (Hrsg.): Nur das halbe Leben. Geschichten aus der Arbeitswelt. 40 Jahre Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. München 2010. ISBN 978-3-939004-16-5 (Mitherausgeber, Mitautor)
  • Werkstatt Darmstadt im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt (Hrsg.): Zoff am Langen Lui. Darmstadt-Lesebuch. Münster 2010. ISBN 978-3-86991-241-7 (Mitherausgeber, Mitautor)
  • 2040 - Im Visier der Macht. Roman. Edition Octopus im Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat, Münster 2011, 746 S., 15 EUR. ISBN 978-3-86991-342-1
  • Herzfaust. Gedichte. Edition Octopus im Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat, Münster 2011, 58 S., 6,80 EUR. ISBN 978-3-86991-420-6.
  • 2084 - Money goodbye. Krimi aus einer besseren Zeit. Roman. Verlag tredition, Hamburg. April 2020. 712 Seiten. ISBN: Paperback 978-3-347-01716-0, 19,90 €; Hardcover 978-3-347-01717-7, 29,90 € e-book 978-3-347-01718-4, 7,90 €

Website von Artur Rümmler:
http://www.artur-ruemmler.de/

Online-Flyer Nr. 809  vom 12.04.2023

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