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Aktueller Online-Flyer vom 20. Mai 2024  

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Kommentar
Aus den Gewehren Blumen wachsen lassen!
Die kalte Gewalt, ein Wetterleuchten und der Kindermund
Von Bernhard Nolz

Noch nie vorher habe ich eine Advents- und Weihnachtszeit erlebt, die in einem solch krassen Widerspruch zur „großen Freude“, die sie verkündet, gestanden hat, wie im Jahr 2023. Auch Anfang 2024 kehrt der Friede nicht ein. Im „Heiligen Land“ wütet nach den Hamas-Angriffen der israelische Völkermord an den Palästinensern. Die deutsche Ampel-Regierung huldigt einer Vernichtungsideologie, die sie Israels Selbstverteidigungsrecht nennt und die sie bereits für die Ukraine im Kampf gegen Russland, das ruiniert werden muss, in Anspruch genommen hatte. Hunderttausend Gräber von jungen ukrainischen Wehrpflichtigen sind in den Waffenlieferungen der NATO-Staaten begründet, die auch Gaza verwüsten helfen.

Wenn die Todesorgien in Gaza und in der Ukraine beendet sind, wird eine Aufarbeitung der Kriegsbegeisterung von Regierung und Medien möglich werden. Beide fürchten die Ausbreitung des Pazifismus und scheuen den Frieden mit friedlichen Mitteln (vgl. Galtung). Aber am Horizont leuchten die Zeichen von konstruktiver Konfliktbearbeitung und friedlichem Miteinander.

Wetterleuchten

Über einen Israel-bezogenen Antisemitismus wird von nun an niemand mehr urteilen. Der Antisemitismus-Begriff hat seine Tauglichkeit zur Repression verloren. Die Antisemitismus-Beauftragten werden ihre Ämter schließen und sich auf die Suche machen, wo in der Gesellschaft sie Frieden und Toleranz fördern können. Im Grunde sind sie gut, wenn sie sich auf das Gute richten (vgl. Bregman).

Von den schrecklichen Geschehnissen in Israel-Palästina wurde die deutsche Staatsräson hinweggefegt. Sie war als Herrschaftsmittel dem Feudalismus entlehnt, um in der Bundesrepublik Deutschland Dinge zu tun, die gegen die Gesetze sind (vgl. bpb).

Das staatliche Gewaltmonopol kann durch Abrüstung im Inneren und durch kooperative Verfahren eingehegt werden. Das Gewaltmonopol „hat nicht zuletzt in der deutschen Geschichte schreckliche Verbrechen ermöglicht, welche die mögliche Summe privater Gewalt weit überstiegen hat“ (Hahn). Wenn die Herrschenden von der terroristischen Staatsgewalt lassen, kommt das einer Revolution für das Leben gleich (vgl. von Redecker).

Die ausschließlich der Kriegslogik verpflichtete Sicherheitspolitik hat endgültig ausgedient. Kooperationen für den Frieden sind angesagt, doch kann die NATO z.Z. nur Gewalt. „Die Alternative zur Gewalt ist vielmehr das Streben nach Gerechtigkeit“ (Hahn). Sie wird die internationalen Beziehungen zukünftig bestimmen.

Dass die deutschen Geheimdienste zur politischen Gewalt beitragen, ist bekannt. Seiner Abschaffung versucht das Bundesamt für Verfassungsschutz mit einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in eigener Sache entgegen zu wirken. Das Arbeitsfeld „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“ (BfV) befriedigt ein voyeuristisches Interesse der Verfassungsschützer an den vermeintlichen Delegitimierungshandlungen und an sich selber. Das kann der Staat sich nun nicht mehr leisten.

Kanonenfutter will die deutsche Jugend nicht werden. Den Zwang einer Wehrpflicht (vgl. Popp) wird sie sich nicht auferlegen lassen. Da sind die Toten in der Ukraine und in Gaza davor. Russisches Gas kriegt Deutschland auch ohne Kriegstüchtigkeit und Krieg.

Für die Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden ist klar, dass das Friedensprofil der schulischen Lehrpläne gestärkt werden muss. Willy Brandts Kniefall 1970 in Warschau bleibt in den Geschichtsbüchern ebenso verewigt wie die Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 1971 für die deutsche Entspannungs- und Versöhnungspolitik. Für die Erziehung zum Frieden in den Schulen haben die beiden friedenspolitischen Zielsetzungen Willy Brandts für Deutschland von 1969 nichts an Bedeutung verloren: „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ und „Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein und werden – im Inneren und nach außen“ (Brandt).

„Historisches Bewusstsein, geschärft an Irrtümern und Versagen aber ebenso an mutigem Aufbegehren kann dem Denken und Handeln Orientierung geben: Wachsamkeit … und Streitbarkeit für Abrüstung, Kriegsverhütung, Demokratie und soziale Gerechtigkeit“ (Nolz).

Kindermund

„Wenn ich Präsident wäre, wären die Panzer Spielhäuser für Kinder. Bonbonschachteln würden vom Himmel fallen. Die Granaten würden Luftballons verschießen. Aus den Gewehren würden Blumen wachsen. Alle Kinder der Welt würden in Frieden schlafen, ungestört von Alarmsirenen und Schießereien. Die Flüchtlinge würden in ihre Dörfer zurückkehren. Und wir würden einen neuen Anfang machen“ (Roberto).


Literatur:

Galtung, Johan et al.: Neue Wege zum Frieden, Konflikte aus 45 Jahren: Diagnose, Prognose, Therapie, Minden 2003
Bregmann, Rutger: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, Hamburg 2020
bpb: https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/321175/staatsraeson/
Hahn, Ullrich: Vom Lassen der Gewalt. Thesen, Texte, Theorien zu Gewaltfreiem Handeln heute, Norderstedt 2020
von Redecker, Eva: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen, Frankfurt am Main 2020
BfV: https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/verfassungsschutz
berichte/2023-06-20-verfassungsschutzbericht-2022.pdf?__blob=publicationFile&v=9
Popp, Wolfgang: Germanist – Pazifist – Schwul. Mein Leben, Siegen 2023
Brandt, Willy: https://www.willy-brandt-biografie.de/quellen/bedeutendereden/regierungserklaerung-vor-dem-bundestag-in-bonn-28-oktober-1969/
Nolz, Bernhard, Popp, Wolfgang (Hrsg.): Erinnerungsarbeit. Grundlage einer Kultur des Friedens, Münster 2000
Roberto, 10 Jahre, aus Pula, in: Ich träume vom Frieden. Bilder vom Krieg von Kindern aus dem ehemaligen Jugoslawien, UNICEF 1994


Bernhard Nolz ist Friedenspädagoge, Aachener Friedenspreisträger und Träger eines Preises für Zivilcourage.

Online-Flyer Nr. 825  vom 02.02.2024

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