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Globales
Impressionen einer Reise
Algerien: von den militärischen Ambitionen der Imperialisten bedroht
Von Markus Heizmann (Bündnis gegen Krieg, Basel)

Historisch kommt die Gefahr für Algerien schon seit jeher aus Europa. So umfasste das Staatsgebiet des heutigen Algerien das Gebiet des antiken Karthago. Karthago war zu jener Zeit die bedeutendste See- und Handelsmacht im westlichen Mittelmeerraum. 146 v. Chr. wurde Karthago im Verlauf der punischen Kriege von den Römern erobert und zerstört. Die Küstenregionen Algeriens wurden unter den Namen «Numidien» und «Mauretanien» dem Römischen Reich als Provinzen einverleibt. (1) Im Verlauf des 5. Jahrhunderts n. Chr. fiel die Region für den Zeitraum eines Jahrhunderts unter die Herrschaft der Vandalen. Die Vandalen waren ein germanisches Volk, welches sich von Germanien aus im Kontext der Völkerwanderung weiter nach Süden bis nach Nordafrika ausbreitete. Byzantinische Truppen zerstörten schliesslich das Vandalenreich. Byzanz herrschte denn auch über Nordafrika, bis die arabisch-berberischen (2) Truppen unter dem Kalifat auch diese Herrschaft beendeten. 1519 schliesslich wurde das heutige Algerien Teil des Osmanischen Reiches. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann Frankreich damit, machtpolitischen Einfluss auf die Region auszuüben. 1830 wurde Algier von französischen Truppen besetzt. Gegen den andauernden und erbitterten Widerstand aller Teile des algerischen Volkes wurde in den folgenden 40 Jahren das Land der militärischen Kontrolle von Paris unterstellt. Algerien wurde zu einer offiziellen Kolonie Frankreichs.


1. Nein, keine Galerie, eine ganz normale U-Bahn-Station in Algier


2. Beispiel aus den Bildern in der U-Bahn


3. Milk-Bar. Hier explodierte am 30. September 1956 die Bombe, welche die Schlacht von Algier auslöste.


4. Im Hafen von Algier. Die Karte zeigt die Orte (französische Kolonien) überall auf der Welt, in welche der algerischen Männer und Frauen des Widerstandes verschleppt wurden.


5. Typische Gasse in der Kasbah


6. Blick auf die Bucht von Algier von der Kasbah aus


7. Hasiba ben Bouali, ihr Bild hängt überall (hier in der Kasbah). Sie platzierte die Bombe in der von Franzosen frequentieren Milk-Bar und löste damit die Schlacht um Algier aus.


8. Eines der zahlreichen Wandbilder in der Kasbah


9. Gemüsehändler in einem Aussenquartier von Algier


10. Ausblick von der Basilika Notre Dame d`Afrique: In der Mitte ein christlicher, rechts ein jüdischer Friedhof, im Hintergrund die Bucht von Algier


11. Basilika Notre Dame d`Afrique


12. Eingang zur Römersiedlung von Tipasa


13. Jugendliche in der Römersiedlung von Tipasa auf einem Ausflug. Als sie unsere Palästina Tücher bemerken, fangen sie an «Free free Palestine!» zu skandieren.


14. Strassenschild – diesmal zu Ehren des Che


15. Das «Königliche Mausoleum von Mauretanien» wurde im 3. Jahrhundert v. Chr. von König Juba II und seiner Frau Kleopatra Selene ll errichtet.


16. Das Nationalmuseum


17. Ein weiteres, recht typisches Graffito


18. Graffito in der Kasbah


19. Im Inneren der grossen Moschee von Algier


20. Constantine: Die Stadt in an die Felsen gebaut. Über 7, zum Teil historische Brücken verbinden die Felsensiedlung.


21. Gespräch mit Einheimischen in der Römersiedlung von Djémila


22. Wahrzeichen im Herzen von Algier: Die gesprengten Ketten der Kolonialisierung


Die französische Besatzung

Am 23. Dezember 1847 erklärt Frankreich Algerien offiziell zu seiner Kolonie. Von ersten Moment an war Frankreich mit dem heftigsten Widerstand des algerischen Volkes konfrontiert. Angeführt wurde dieser Widerstand von Emir  Abd el-Kader. Abd el Kadr stammte aus dem Westen Algeriens. Es gelang ihm, sowohl die Stämme als auch die religiösen Gruppen gegen Frankreich zu vereinen. Er, als Muslim, wurde von der islamischen, der jüdischen und der christlichen Bevölkerung gleichermassen unterstützt. Gleichwohl hatte die Befreiungsbewegung gegen die geballte französische Militärmacht (noch) keine Chance. Emir Abd el-Kader wurde gefangen genommen, erst sass er in Frankreich ein, danach zwangen in die Franzosen nach Damaskus ins Exil, wo er am 26. Mai 1883 starb. Syrien war damals Teil des Osmanischen Reiches. Abd el-Kader hatte einen Guerilla Krieg gegen die französischen Kolonialisten ausgelöst, der weder durch seine Gefangennahme, sein Exil, noch durch seinen Tod beendet wurde. Dieser Widerstand war berechtigt. Die masslose Überheblichkeit Frankreichs und deren Brutalität liessen dem algerischen Volk keine andere Wahl als den bewaffneten Kampf mit allen Mitteln fort zu führen.

Marschall Bugeaud, (3) der 1841 zum Generalgouverneur von Algerien ernannt wurde, erliess am ersten Tag seines Kommandos einen Tagesbefehl an alle Franzosen in Algerien, in dem es hiess: (Zitat) «[…] Ich übernehme diese grosse und Schöne Aufgabe. (der Kolonialisierung, mh) Ich widme ihr von Stund an alle meine Kräfte. Die Araber müssen unterworfen werden. Die französische Flagge soll allein über dieser afrikanischen Erde wehen. […] Ich werde also ein glühender Kolonisator sein, denn ich sehe weniger Ruhm in Schlachten als darin hier etwas dauerhaft nützliches für Frankreich zu schaffen.» (Zitat Ende)

Dieses koloniale Dünkel («Die Araber müssen unterworfen werden...») beschränkt sich einerseits nicht auf Frankreich und Algerien, andererseits ist diese rassistische Ideologie keineswegs Geschichte, wir begegnen ihr heute auf Schritt und Tritt. Die Penetration Frankreichs in Algerien begann um das Jahr 1830. Die offizielle Besatzung des Landes als Kolonie erklärte Frankreich im Jahr 1847. Die Befreiung Algeriens und die Vertreibung der Kolonialmacht erfolgte im Jahr 1962. Vielfach lesen wir, dass «Frankreich Algerien die Unabhängigkeit gewährt habe». Das ist eine Lüge ohnegleichen. Algerien, das algerische Volk, Frauen, Männer und Kinder haben für diese Unabhängigkeit unglaubliche Qualen, Folterungen, Ermordungen und Zerstörungen auf sich genommen. Nichts, gar nichts, wurde ihnen von Frankreich gewährt oder gar geschenkt!

Verbrechen der Besatzungsmacht

Besatzung, koloniale Besatzung, wird im allgemeinen entweder schön geredet oder dann gar nicht erst thematisiert. Dies beschränkt sich keineswegs auf Frankreich als Kolonialmacht, dies ist die gängige Methode jeder Besatzungsmacht von den europäischen Kolonialreichen bis hin zum heutigen Siedlerkolonialismus im illegal besetzten Palästina.

Nicht anders in Algerien: Die Gräueltaten mit welchen jede Familie Algeriens konfrontiert war, lassen sich kaum in Worte fassen. Keine Familie in Algerien, welche keine Opfer beklagt, seien es Märtyrer oder Gefolterte. Dementsprechend auch die Erzählungen, welche in Algerien bis zum heutigen Tag präsent sind. Vergessen wir nicht: Von den KämpferInnen jener Tage ist kaum jemand noch am Leben, sie können nicht mehr berichten. Die Stimmern ihrer Kinder und Grosskinder jedoch werden – wenn auch nicht im sogenannt freien Westen – gehört und verstanden. Kaum ein Platz, kaum eine Strasse in Algerien, die nicht nach einer Kämpferin oder nach einem Märtyrer benannt ist. Jeder Kellner, jeder Taxifahrer, alle Menschen, die wir in Algerien treffen, reden bereitwillig und offen über die Zeit der Besatzung, sobald sie darauf angesprochen werden. Die Geschichten, welche wir zu hören bekommen, finden wir in keinem europäischen Geschichtsbuch und kein Islamwissenschaftler beschäftigt sich damit. Einzelschicksale verbinden sich zu einer Geschichte des kollektiven Leidens unter der französischen Kolonialmacht:
  • Eine Freundin erzählt, dass sie mit ihrer Mutter und mit ihren Geschwistern am Zaun eines französischen Konzentrationslagers entlang gingen – auf der Suche nach dem dort festgehaltenen Ehemann und Vater. Schliesslich fanden sie ihn, er kam an den Zaun und sie konnten miteinander sprechen. Er bat seine Frau, beim nächsten Besuch Zündhölzer oder ähnliche Hölzchen mitzubringen. Die wolle er sich zwischen die Zähne stecken, damit er sich die Zähne unter der Folter nicht zerbeisse.
  • Es sind mehrere Fälle dokumentiert, in denen Zivilisten in Höhlen zusammengetrieben und durch Rauch / Erstickung, sogenannte «enfumades», getötet wurden. Bekannt ist auch, dass Mitglieder der französischen «besseren» Gesellschaft, dieses Morden welches zum Teil in Höhlen an der Küste stattfand, auf eigens dazu ausgelaufenen Schiffen zu ihrem «Vergnügen» beobachteten. (4)
  • Es gibt umfangreiche belegte Fälle von Folter, aussergerichtlichen Ermordungen, Massakern und systematischer Repression gegen das algerische Volk durch die französischen Kräfte.
    * Frankreich als «force de frappe», als Atommacht, hat in Algerien zahlreiche Atomtests durchgeführt. (Offizielle Zahl: 17 Tests). Es gibt dazu dokumentierte Kontaminationen anhaltender Strahlenbelastung und auch Berichte der betroffenen Menschen. Frankreich hat ausserdem über lange Zeit hinweg seinen radioaktiven Müll in der algerischen Sahara «entsorgt». Allerdings gibt es dazu keine belastbare Dokumentation. Es wurden jedoch kontaminierte Bereiche gefunden – Frankreich weigert sich bis zum heutigen Tag, dem algerischen Staat exakte Auskünfte, sowohl über die Testgelände, als auch über die «Entsorgungsplätze» zu geben.
Dies sind nur einige der Fälle, von denen individuell und kollektiv immer wieder zu hören ist. Allerdings scheint sowohl jede französische Regierung als auch der Rest der westlichen «Wertegemeinschaft» auf diesem Ohr unter akuter Taubheit zu leiden. Es ist absolut offenkundig, dass (nicht nur hier) mit ungleichen Ellen gemessen wird. Würde auf Algerien und auf andere ehemalige Kolonien derselbe Standard angewendet wie zum Beispiel auf «Israel», die ehemaligen Kolonialländer würden verarmen, nicht nur weil sie in ihren ehemaligen Kolonien Wiedergutmachung und Reparationszahlungen leisten müssten, sondern auch, weil sie meinen, sich nach wie vor an den Rohstoffen der einstmaligen Kolonien bedienen zu können, auch dass kommt je länger je mehr zu einem Ende. Aber auch hier gebärden sich vor allem Frankreich und Grossbritannien so, als seien sie noch immer die Kolonialherren.

Linke Grabenkämpfe

Wie bereits erwähnt war Frankreich mit dem algerischen Widerstand von dem Moment an konfrontiert, als der erste französische Soldat einen Fuss auf algerischen Boden setzte. Dieser Dauerkrieg, dem das algerische Volk ausgesetzt war, wurde am 18. März 1962 durch die Évian-Abkommen (5) beendet. Am 1. Juli 1962 stimmte das algerische Volk per Referendum für seine Unabhängigkeit. Frankreich war schliesslich gezwungen, die Unabhängigkeit Algeriens offiziell zu anerkennen. Der Weg zu dieser Unabhängigkeit war lang und blutig.

Der algerische Kampf für die Unabhängigkeit stand während Jahrzehnten als leuchtendes Beispiel für alle anderen kolonialisierten und unterdrückten Völker weltweit. Dieser Widerstand inspirierte die arabische Welt, die Völker Afrikas und Asiens, eine Welle des antikolonialen Kampfes und der revolutionären Rhetorik war die Folge.

Andererseits konnte dieser Widerstand kaum auf Sympathie oder gar Solidarität innerhalb des westlichen Lagers zählen. Ja schlimmer noch: Sogar die fortschrittlichen Kräfte Frankreichs stellten sich auf die Seite der Unterdrücker. Bereits sehr früh, nämlich im Jahr 1920, wurde in Algerien die kommunistische Partei PCA (Parti Communiste Algérien) gegründet, man höre und staune: Als Sektion der PCF! (Parti Communiste Français) . Selbstverständlich schlossen sich die Mitglieder der algerischen kommunistischen Partei dem Widerstand an. Konsequenterweise wollten sie sich denn auch von der PCF loslösen. 1935 wurde die PCA von der Kommunistischen Internationale als eigenständige Partei anerkannt. Die französischen «Mutterpartei» wehrte sich vehement dagegen und beharrte darauf, dass die PCA ein Teil der französischen kommunistischen Mutterpartei bleiben müsse, schliesslich sei Algerien ja ein französisches Departement! Dass die PCF gleichwohl einige wenige kommunistische algerische Freiheitskämpfer publizistisch unterstützte, mildert diesen Skandal kaum.

Die «Heimatfront»

Wenn schon innerhalb der linken und fortschrittlichen Kräfte Frankreichs die Solidarität mit dem algerischen Befreiungskampf kaum oder gar nicht vorhanden war, wie muss es dann erst in der bürgerlichen Öffentlichkeit Frankreichs ausgesehen haben? Eine – wenigstens teilweise – Antwort liefern uns die Ereignisse vom 17. Oktober 1961 in Paris. 6 Unter dem Pariser Präfekten Maurice Papon wurden an diesem Tag über 300 algerische Menschen, Frauen, Männer, Kinder, welche für die Unabhängigkeit ihres Landes demonstriert hatten, von den Sicherheitskräften ermordet. Viele der Leichen wurden in die Seine geworfen, noch Wochen nach dem Massaker wurden Leichen gefunden. Wie aber reagierte die französische Öffentlichkeit auf diesen staatlich verordneten Massenmord?

Die Reaktion der französischen Presse kann kurz zusammengefasst werden: Stille und Zensur.

Viele Medien berichteten, wenn überhaupt, stark verharmlosend. Die meisten Zeitungen übernahmen die Erzählungen, der Regierung, die Demonstrationen seien gewalttätig gewesen und die Sicherheitskräfte hätten sich lediglich zur Wehr gesetzt. (Was nachweislich nicht stimmt.) Untersuchungen wurden behindert, Dokumente verschwanden aus den Archiven. Einzig die linke L'Humanité stellte die offizielle Berichterstattung – wenn auch sehr zaghaft – in Frage.

Dies passt ins Bild der heutigen Berichterstattung über aktuelle imperialistische Angriffskriege. Sei es Iran, Palästina, oder Venezuela: Die Wahrheit verschwindet hinter einem Lügengewebe, welches den Zweck hat, die Öffentlichkeit über die Absichten der Kriegstreiber zu täuschen – und leider lässt sich die öffentliche Meinung nur all zu oft und nur all zu bereitwillig täuschen.

Dieses Phänomen beschränkt sich keineswegs auf die erwähnten Ereignisse vom 17. Oktober 1961 in Paris. Nein, diese Täuschung der Öffentlichkeit ist systemimmanent, sie hat Methode. Ein anderes Beispiel von vielen sind die Massaker, welche die französische Luftwaffe nach dem 8. Mai 1945 in Algerien zu verantworten hat. Frankreich rekrutierte in all seinen Kolonien, also auch in Algerien, Soldaten, welche meist als Kanonenfutter gegen die deutschen Faschisten eingesetzt wurden. Ihnen allen wurde die Unabhängigkeit für ihre Länder nach dem Sieg über Nazi Deutschland versprochen. Nachdem Nazi Deutschland am 8. Mai kapituliert hatte und somit der Krieg offiziell beendet war, strömten die Menschen in ganz Algerien zu Hunderttausenden auf die Strassen um ihre vermeintliche Unabhängigkeit zu feiern. Die französischen Kolonialherren sahen dies als einen «Aufstand» an und sie reagierten der perversen Logik des kolonialen Denkens entsprechend. In Algier, in Constantine, Sétif in Oran, überall in Algerien attakierte die französische Luftwaffe die Demonstrationen. 45`000 Menschen wurden insgesamt ermordet. Auch dieses Verbrechen wird kaum berichtet, auch dazu bekennt sich keine einzige der französischen Regierungen.
 
Die Jahre der FIS und danach

Die Unterwanderung von mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern mit radikalen Islamisten, sogenannten Muslimbrüdern hat eine lange Geschichte. Egal unter welchem Namen oder in welchem Land die Muslimbrüder agierten, ihre Methoden, ihre Ideologie und ihre Rhetorik blieben sich gleich.

Ein säkularer Staat wird von religiösen Gruppen unterwandert, welche sich auf die religiösen Traditionen berufen. Oft arbeiten diese Gruppierungen auch getarnt als soziale Hilfswerke. Ihre Namen wechseln. In Syrien nannten sie sich u.a. al-Nusra Front (aktuell HTS, (Hai?at Tahrir asch-Scham) , in Ägypten traten sie unter ihrem wahren Namen als Muslimbrüder auf, in Algerien schliesslich nannten sie sich FIS (Front Islamique du Salut, also Islanmische Heilsfront). Während der antikoloniale Krieg bestrebt ist, die Einheit des Volkes zu festigen und zu bewahren, treten die radikal islamischen Kämpfer als Element der Spaltung auf. Die Trennungslinie, welche sie ziehen, verläuft zwischen «Gläubigen» und «Ungläubigen», nicht zwischen Kolonialisten und Kolonialisierten. Frankreich, obwohl offiziell nicht mehr Besatzungsmacht, stand hinter der FIS. «La Grande Nation» hat die Niederlage, welche ihr der algerische Volkswiderstand beibrachte, niemals verwunden.

Im Fall der radikalen Islamisten reicht es nicht aus, sich zum Islam zu bekennen, es muss die exakte islamische Lehre sein, welche die Bewaffneten vertreten. Selbstverständlich hat dies rein gar nichts mit dem Islam als Religion zu tun. Es handelt sich vielmehr um die altbekannte imperialistische Taktik des «teile und herrsche». Die radikalen Gruppierungen werden instrumentalisiert. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht. Allein die Tatsache, dass sie im bewaffneten Kampf gegen Kolonialismus, Imperialismus und Zionismus als Element der Spaltung agieren, spricht für sich.

Offiziell trat die FIS in Algerien 1989 in Erscheinung. 1991 erhielt die «Heilsfront» in Algerien fast die Hälfte der abgegebenen Stimmen. Für die säkulare Regierung, damals unter Chadli Bendjedid war dies ein Schock. Ein überwältigender Sieg der FIS in einem zweiten Wahlgang sollte auf jeden Fall verhindert werden. In der Folge putschte das Militär gegen die Regierung und übernahm die Macht. 1992 wurde die «Islamische Heilsfront offiziell verboten. Die radikalen Gruppen innerhalb der FIS versuchten daraufhin mit Anschlägen das Land zu destabilisieren. Das Ziel, auf welches sie nach eigenen Angaben hinarbeiteten, war ein islamischer Staat, in dem die Scharia über allen anderen Gesetzen stehen würde. Es ist klar, dass das algerische Volk das koloniale Joch nicht abgeschüttelt hatte, nur um sich unter ein neues, diesmal religiöses Joch zu beugen.

Bis ins Jahr 1999 dauerte der Bürgerkrieg, welcher durch die Spaltung der Islamisten von der säkularen Regierung Algiers ausgelöst wurde. Unter Präsident Abdelaziz Bouteflika wurde die FIS und ihre militärischen Ableger schliesslich besiegt. Der Preis dafür war hoch: Bis zu 200`000 Tote hatte der fast zehn Jahre dauernde Bürgerkrieg gefordert. Der militante Arm der FIS legte schliesslich die Waffen nieder. Präsident Bouteflika leitete eine nationale Versöhnung ein, die bis zum heutigen Tag andauert. Vertreter eines gemässigten Islam sitzen heute in Algerien im Parlament und sie bestimmen die Geschicke des Landes mit. Abdelmadjid Tebboune ist der aktuelle Präsident Algeriens, der 2019 gleich im ersten Wahlgang mit über 58% der Stimmen gewählt und seither immer wieder bestätigt wurde. Unter seiner Präsidentschaft kam es zu zahlreichen Reformen. Unter anderem wurde die Zahl der bislang über 30 zugelassenen Parteien auf deren (5) beschränkt. Dies soll verhindern, dass die Islamisten untereinander Listenverbindungen eingehen und so die Wahlresultate zu ihren Gunsten verfälschen können.

Diese Beschränkung ist Teil einer Verfassungsreform, über die im Jahr 2020 abgestimmt wurde. Zahlreich andere politische und ökonomische Reformen fallen ebenfalls in die Amtszeit von Tebboune, so u.a. auch Institutionelle und wirtschaftliche Anpassungen. Der Präsident schuf ein Ministerium für Start-ups, er schaffte Steuern für Gehälter unter 30`000 Dinar ab, er erhöhte den Mindestlohn und bekämpfte aktiv Korruption. Zudem unterstellte er die Geheimdienste der Regierungskontrolle, um die Macht des Militärs zu beschränken.

Andere Spaltungsversuche

Wenn von anderen, nicht religiösen Spaltungsversuchen die Rede ist, muss intern bestimmt die Kabylei erwähnt werden. Die Problematik der Kabylen kann durchaus mit der Problematik der Kurden in Syrien, in Irak oder in Iran verglichen werden. All diese sogenannten «Ethnien» haben mit den jeweiligen Staaten in denen sie leben, keine nennenswerten Probleme. Allein durch die Tatsache jedoch, dass sie in Ländern leben, die vom Imperialismus angegriffen werden, laufen diese Bevölkerungsgruppen Gefahr, von den Imperialisten als Spaltpilze instrumentalisiert zu werden. Es ist die Sache, einer Zentralregierung, auf politischem Weg legitime Rechte, die allem Menschen innerhalb des Staates zustehen zu fordern und auch durchzusetzen. Eine ganz andere Sache ist es jedoch, diese Rechte bewaffnet einzufordern, sich auf eine Kumpanei mit dem Imperialismus oder dem Zionismus einzulassen und schlussendlich auf eine Abspaltung hin zu arbeiten. Was nun die Kabylei angeht, macht es zur Zeit den Anschein, als würde es der Regierung in Algier gelingen, diese Spaltungsversuche abzuwehren. Dies indem mit den Anführern der Bevölkerungsgruppe der Kabylen auf Augenhöhe verhandelt wird und indem machbare Zugeständnisse gesucht werden.

Aussenpolitisch droht Algerien im Moment vor allem seitens Marokko Gefahr. Marokko ist, informell, in zionistischer Hand. Auch hier erkennen wir einmal mehr die Handschrift Frankreichs, Was hier hinter verschlossenen Türen verhandelt wurde, werden wir wohl kaum je erfahren. Dies weil das marokkanische Königshaus unter Hassan II nicht davor zurückscheut, Zugeständnisse an «Israel» zu machen, die weit über übliche gute diplomatische Beziehungen hinaus gehen. So unterhalten «Israel» und Marokko seit Dezember 2020 vollständige diplomatische Beziehungen. Unter Anleitung der USA ratifizierte Marokko das Abraham-Abkommen und anerkannte «Israel» als Staat.

Zur Erinnerung: Die Abraham Abkommen beinhalten die gegenseitige Anerkennung zwischen arabischen Staaten und Israel, sowie den Aufbau voller diplomatischer Beziehungen. Dies bedeutend einen Paradigmenwechsel in der Politik gegenüber «Israel», und einem Mitglied der Arabischen Liga, da keine vorherige Lösung der Palästina Frage verlangt wird. Die Abraham-Abkommen sind eine Totgeburt: Unterzeichnet wurde das Abkommen, nebst «Israel» von Bahrain, Marokko, Sudan und den VAE. Die USA übten auf jedes einzelne dieser Länder zum Teil massiven Druck, damit das Abkommen unterzeichnet wurde. Im Fall Marokkos anerkannten «Israel» und die USA die Souveränität Marokkos über umstrittenen Gebiete der Westsahara. (7) - eine weitere Massnahme, welche nichts und niemandem dient ausser der Spaltung: Was haben die USA und «Israel» mit der marokkanischen Politik zu schaffen?

Gelinde gesagt sind unfreundliche Beziehungen Marokkos gegenüber Algeriens das Resultat dieser Politik. Algerien bemüht sich um gutnachbarliche Beziehungen zu all seinen Nachbarn.

Algerien heute

Wir konstatieren: Im März 1954 gründete Ahmed Ben Bella in Kairo, gemeinsam mit andern (8) die FLN, die Nationale Befreiungsfront. (Front Liberation National) Im November 1954 begann die FLN offiziell den bewaffneten Kampf gegen französische Besatzungsmacht. Der Widerstand in Algerien intensivierte sich, die Welt begann von einem «Algerienkrieg» zu sprechen. So ist denn auch die offizielle Erzählung: Der «Algerienkrieg» begann im November 1954 und er endete mit der Unabhängigkeit Algeriens im Juli 1962. Das ist Geschichtsklitterung.

Der Algerienkrieg begann am 14. Juni 1830, als die ersten französischen Truppen bei Sidi Ferruch, einem Hafen westlich von Algier anlegten. (Dies weil die Bucht von Algier befestigt war, ein direkter Angriff auf Algier erschien den Franzosen zu gefährlich.) Der «Algerienkrieg» endete keineswegs mit dem Sieg über Frankreich und der Unabhängigkeit des Landes. Algerien ist zwar nicht unmittelbar militärisch angegriffen. Die Feindseligkeiten des NATO Lagers, einiger Öloligarchien und der Zionisten gegen Algerien sind indes offenkundig. Ebenso offenkundig ist die mediale Hetze. Dass der Papst im Frühjahr 2026 im Auftakt seiner Afrika Tour Algerien besucht ist dazu kein Widerspruch. Die allseits bekannte Manipulation der Medien kommt damit bestens zurecht.

Jede algerische Regierung, seit 1962 steht offen und offensiv zu den Werten der Entkolonialisierung, sie vertritt die internationale Solidarität ebenso wie die Solidarität mit Palästina und einen dezidierten anti Zionismus. Damit macht sich Algerien einerseits zur Zielscheibe der NATO und der Zionisten, andererseits aber auch einmal mehr zu einem leuchtenden Vorbild für den Befreiungskampf weltweit.

Heute zählt Algerien ohne jeden Zweifel (neben Ländern wie Kuba, Iran oder Jemen) zu den Ländern, welche am heftigsten von den militärischen Ambitionen der Imperialisten bedroht sind. Algerien versucht sich dieser Bedrohung entgegen zu stellen, indem es die Errungenschaften der Unabhängigkeit von 1962 nicht einschlafen lässt, sondern sie weiter vorantreibt. Beispiele dafür sind: Die ökonomische Diversifizierung. Der einseitigen internen Abhängigkeit von den algerischen Gasreserven soll entgegengewirkt werden. So wird die algerische Agrarproduktion massiv gefördert. Ebenso werden algerische Minen und Industriebetriebe gezielt gefördert. Am Ende dieser Entwicklung soll ein Algerien stehen, in dem sämtliche in Algerien konsumierte Produkte in Algerien produziert werden. Noch ist der Weg dahin weit, aber wer das Land besucht, stellt fest, dass enorme Fortschritte gemacht werden.

Zum Schluss: Die Rolle Algeriens innerhalb der internationalen Politik

Algerien ist ein Land mit unendlich vielen Rohstoffen. Als sozialistisches arabisches Land, welches gegenüber Palästina stets solidarisch war, (9) als ein Land, welches es nach wie vor ablehnt «Israel» zu anerkennen, solange es keinen funktionierenden palästinensischen Staat gibt, ist selbstverständlich gefährdet.

Sowohl innerhalb der Arabischen Liga, als auch innerhalb der Afrikanischen Union spielt Algerien eine bedeutende Rolle. Dies vor allem, weil klar ist, dass die Integrität des algerischen Politik über jeden Zweifel erhaben ist. Innerhalb der UNO positioniert sich Algerien kontinuierlich auf der Seite der Länder des globalen Südens. Das Abstimmungsverhalten Algeriens in der UNO ist aktiv und reformorientiert.

Nicht vergessen sollten wir Algerien als Kulturnation. Diese algerische Kultur reicht weit in die Antike zurück, und sie findet ihre Fortsetzung im heutigen kulturellen Schaffen der algerischen Künstlerinnen und Künstler. Es erstaunt wenig, dass die Heroisierung des Befreiungskampfes ein zentrales Thema des kulturellen Schaffens algerischer Kunstschaffender in allen Bereichen geblieben ist.


Fußnoten:

1 Erinnert sei an das Wort: «Ceterum censeo Carthaginem esse delendam» (Im Übrigen bin ich der Meinung Karthago muss zerstört werden), welches Cato dem Älteren zugeschrieben wird.  
2 Die Herkunft des Wortes «Berber» ist umstritten. Jedenfalls ist eine Rückführung auf das Wort «Barbar» sehr wahrscheinlich. Viele «Berber» bezeichnen sich den auch als imazighen, als «Freie» und lehnen die Fremdbezeichnung «Berber» ab.
3 Dass selbst die notorisch transatlantische Wikipedia Bugeaud kritisiert, sagt einiges über den Charakter dieses Massenmörders aus. https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Robert_Bugeaud_de_la_Piconnerie (Letzter Zugriff Mai 2026)
4 https://www.sciencespo.fr/artsetsocietes/en/archives/1376 (letzter Zugriff Mai 2026)
5 Siehe dazu auch: https://www.dodis.ch/de/abkommen-von-evian-und-kriegsende-algerien (Letzter Zugriff Mai 2026)
6 Siehe dazu auch; http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27427 (Letzter Zugriff Mai 2026)
7 Die Vereinten Nationen verlangten die Durchführung eines Referendums über den endgültigen völkerrechtlichen Status des Gebietes Westsahara . Über die Modalitäten der Durchführung eines solchen Referendums konnte aber keine Einigkeit zwischen Marokko und den Vertretern des saharauischen Volkes erzielt werden.
8 Die neun historischen Führer, die 1954 das FLN gründeten waren namentlich: Ahmed Ben Bella, Hocine Aït Ahmed, Mohamed Boudiaf, Belkacem Krim, Rabah Bitat, Larbi Ben M'Hidi, Mourad Didouche, Moustafa Ben Boulaïd und Mohamed Khider.
9 Algerien erkennt den Staat Palästina an (es war das erste Land, das dies 1988 tat), betrachtet die Normalisierung der Beziehungen zu «Israel» jedoch als an die Gründung eines palästinensischen Staates geknüpft. Präsident Abdelmadjid Tebboune bekräftigte im Februar 2025 erneut, dass Algerien keine Beziehungen zu Israel aufnehmen wird, solange kein palästinensischer Staat existiert.

Online-Flyer Nr. 863  vom 29.05.2026

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