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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 25
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
4. Teil
Der Weg nach Corbera
1.
Gut angekommen war Felix. Matthias, der Sohn vom Lehrer Auge stoppte erleichtert aufatmend in der Nähe des Leipziger Hauptbahnhofs. Er stellte den
Motor ab, schaltete das Licht aus und reichte Felix freundschaftlich die Hand.
»Das war's! Adios. Vergiss nicht, mir deinen Spanischen Bürgerkrieg zu mailen.
War echt interessant, was du erzählt hast.«
»Danke fürs Mitnehmen.« Ein paar Minuten später stand Felix vor der Anzeigetafel in der Bahnhofsvorhalle.
Frau Grabner, zwei Stunden später, unschlüssig neben ihrem Sohn in dessen
Zimmer.
Felix unterbrach ärgerlich das Auspacken seines Reisegepäcks. »Mach bitte
keinen Stress, Mama!«
»Ich rede doch seit Minuten kein Wort mehr, mein Junge!«
»Aber du guckst so, …so …!«
»Wie denn?« Frau Grabner ließ sich auf Felix Bett fallen und hielt ihre Hände
krampfhaft auf dem Schoss gefaltet. »Ich muss doch irgendwie gucken«, seufzte sie und fuhr weinerlich fort, »hab mir große Sorgen um dich gemacht. Nun erzähl doch erstmal, wie war's denn in Spanien und Wien?«
»Cool.«
»Hast du erreicht, was du wolltest?«
»Ja, klar!«
»Gab es Probleme?«
»Nein.«
Felix griff fahrig nach der Post auf seinem Schreibtisch. Plötzlich drehte er
sich um und sagte versöhnlich: »Ich werde dir ausführlich berichten, Mama.
Versprochen. Die lange Autofahrt von Wien nach Leipzig, verstehst du, bin einfach ein bisschen abgeschlafft.« Er versuchte zu lächeln.
Seine Mutter nicht. »Ich mach mir immer noch große Sorgen um dich!«
»Wieso das denn? Morgen ist wieder normal angesagt! Wirst dich freuen.
Totales Chaos in meinem Zimmer … Nun heul doch nicht.«
Frau Grabner wischte sich verschämt die Tränen aus dem Gesicht. »Es ist
während deiner Abwesenheit hier einiges passiert! Die Nazis haben den Silbermann…«
»Überfallen?«
»Noch nicht.« Frau Grabner stand auf, holte eine Zeitung aus der Küche, schob sie auf den Schreibtisch und tippte vielsagend mit dem Zeigefinger auf einen Artikel.
Felix las mit zunehmender Erregung.
»Antifaschist setzt sich zur Wehr. Georg Silbermann stellt Strafanzeige gegen rechte Randalierer.
Nach dem Aufmarsch von etwa 200 jungen Neonazis …
Parolen wie: Linkes Gezeter, neun Millimeter …
Auch antisemitische Ausfälle … hat sich der 92 jährige Georg Silbermann
entschlossen …«
Felix unterbrach die Lektüre. »Ist doch super, wenn der die miesen Typen vor
Gericht bringt!«
»Lies erst mal weiter!«
»Als Ermutigung für seine Strafanzeige nannte der ehemalige Interbrigadist
unter anderem die Tatsache, dass sich junge Gymnasiasten in einer Arbeit mit dem Spanischen Bürgerkrieg beschäftigen und einer von ihnen zur Zeit in Spanien…«
Felix ließ die Zeitung sinken. »Oh, Mann!«
Seine Mutter riss ihm erregt das Blatt aus der Hand und las: »Hier, damit
haben die Rechten auch gedroht: Bald gibt es kein Links und kein Rechts mehr, dann gibt es nur noch das System und seine Feinde!«
»Welches System denn?«
»Die Regierung und so. Und du, mein Sohn, stehst wahrscheinlich auch schon auf ihrer Abschussliste!«
Felix lachte. »Vergiss es Mama! Doch nicht wegen einer Geschichtsarbeit!«
»Aber Sophie und Alexander beteiligen sich? Ich habe nämlich Alexander in
der Kaufhalle getroffen. Er reagierte auf meine Frage so … so komisch.«
»Komisch?« Felix lachte erneut.
»Er scheint ja fest mit Sophie ….«
»Was du alles weißt!«
»Ich habe die beiden Hand in Hand ….«
»Hast deine Augen wohl überall!« Felix begann planlos in seinem Rucksack
zu wühlen.
»Ich lasse dich sofort in Ruhe, mein Sohn. Nur eins noch. Ich glaube Vesters
müssen umziehen, weil sie die Miete für das Fischerhaus nicht mehr bezahlen können.«
»Warum das denn?«
»Sophies Mutter will keiner mehr …?«
»Was … will keiner mehr?«
»Sie kriegt keine Aufträge mit ihren komischen Puppen! Ach ja, und ein Herr
Dr. Gärtner wollte dich sprechen. Er wird wahrscheinlich noch einmal anrufen.«
Felix blätterte lustlos in seinem Reisenotizbuch. Sein Kopf beschäftigte sich
lieber mit Erlebnissen, die dort nicht beschrieben waren. Die handelnden Personen trugen T-Shirts und kurze Röcke. Keine Gewehre. Felix schloss die Augen.
Isabella und Dolores verloren wunschgemäß ihre Hüllen. Sophie war auch noch da. Zuerst Hand in Hand mit ihm auf dem Flugplatz. Dann nackt im Strandbad neben Alexander. Felix schob das Notizbuch zur Seite und griff zum Telefon.
Alexander schien sich auf dieses Gespräch vorbereitet zu haben. »Ich habe vor niemanden Angst, Felix! Die Rechten, die Rechten …, das Gezeter nervt mich langsam, echt. Unsere Arbeit? Ja klar, bin ich dabei. Nur, wir müssen noch drüber reden. Nicht am Telefon. Ich hab mir Infos von Dr. Gärtner reingezogen.
Den musst du unbedingt kennen lernen! Ja, er wird dich anrufen. Also meiner
Meinung nach wollten in Spanien die Kommunisten wirklich so was wie in
Russland. Franco hat auch nicht alles richtig gemacht. Logo. Vergleich die Situation damals in Spanien bitte mal mit der in Deutschland heute. Nein, das ist tierisch interessant. Die Linkspartei …«
Felix gab es auf, Alexander zu widersprechen. Mehrmals war er nahe daran,
das Gespräch zu beenden. Als der Freund endlich eine Pause einlegte, erkundigte er sich gespielt gleichgültig nach Sophie. Auch auf diese Frage hatte der Freund gewartet. Seine Antwort fiel kurz und bündig aus.
»Sie ist auf mich abgefahren. Tut mir leid. Bleib locker!«
2.
Als sich die Wohnungstür am nächsten Morgen hinter der Mutter geschlossen
hatte, räumte Felix den Tisch ab, ging in sein Zimmer, schlug das Notizbuch auf und stellte das Diktiergerät griffbereit daneben.
Auf ein leeres Blatt malte er groß und deutlich: 1.
Dann rief er Sophie an. »Wie weit bist du mit unserer Arbeit? Wir müssen uns
schließlich abstimmen!«
Das Mädchen reagierte ausweichend. »Rede doch erst mal mit Dr. Gärtner.«
»Mit welchen Gartenfreund denn?«, brauste Felix, ohne es zu wollen auf.
»Ich kenne den Typen überhaupt nicht. Okay, okay! Er wird mich anrufen. Also gut.«
Sekundenlang sprachen beide kein Wort. Felix hielt schon den Daumen über
der Ausschalttaste des Telefons, besann sich aber und fragte vertraulicher:
»Und du?«
»Was ich?«
»Na ja, wie es dir so geht?«
Sophie antwortete schneller als vorher. »Gut!«
Dann schwiegen beide. Felix hörte ihren Atem.
»Also dann.«
»Also dann, Felix.«
Beide Telefone blieben noch eine Weile, ohne Nachrichten zu befördern, auf
Empfang.
Die Lindenstraße folgt einem schmalen Tal zwischen zwei Hügeln. Die Häuser rechts und links stehen meist auf halber Höhe, weshalb steile Treppen durch die großen Vorgärten notwendig sind.
Dr. Georg Gärtner, ein breitschultriger Mann schwer bestimmbaren Alters,
führte Felix in ein geräumiges und auffällig geschmackvoll eingerichtetes Zimmer und ließ ihn Platz nehmen. Sein rundes, gutmütig aussehendes Gesicht und seine ruhige Art zu sprechen, flößten unbewusst Vertrauen ein.
Er begann das Gespräch mit der Vorstellung seiner Person.
»Ich war lange Zeit an der Ernst-Thälmann-Schule Geschichtslehrer. Kein
leichter Job, junger Freund. Ich musste den Schülern oft erzählen, was ich selbst nicht glaubte, und als ich das nicht mehr wollte, hat man mich, nein, nicht auf die Straße gesetzt, sondern in die Produktion abgeschoben. Nach der Wende wurde ich Schulleiter … Man suchte damals unbelastete Kader wie mich.«
»Schulleiter ist auch keine leichte Arbeit.«
»Genau. Schüler und Lehrer wissen heutzutage alles besser. Wer Recht und
Ordnung durchsetzen will, so wie ich, steht auf verlorenem Posten. Nein, seit
zwei Jahren versuche ich das nicht mehr.«
»Und wovon«, Felix blickte sich um, »leben Sie jetzt?«
Dr. Gärtner beantwortete die Frage nicht. »Wissen Sie, den jungen Menschen
in unserem Land fehlt eine Orientierung, etwas, woran sie sich festhalten können.
Gesetze, die sie verinnerlichen, statt zu übertreten, ganz einfach Regeln
des Zusammenlebens, Vorbilder, Ideale, Bücher.«
»Bücher auch?«
»In den Buchläden liegen mehr als genug, ich weiß. Die wirklich wichtigen,
suchst du vergeblich. Aber bevor wir weiter reden … Haben Sie Appetit auf
Kaffee und Kuchen, oder wollen Sie lieber eine Cola?«
Der Gastgeber verschwand in der Küche, stellte zuerst Tassen und Teller auf
den Tisch, korrigierte dabei mehrmals ihren Abstand. Kauend nannte er später endlich den Grund seines Anrufes. »Ich bin ein Geschäftsfreund von Herrn Gebauer.
Genau, Alexanders Vater und ich weiß daher, was Sie vorhaben. Ich meine
diese Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg. Ich schreibe übrigens auch.«
»Gedichte?« Felix verzog keine Miene.
»Historische Abhandlungen für Zeitschriften. Ich halte auch Vorträge. Der
Spanische Bürgerkrieg interessiert mich. Ich möchte Ihnen, natürlich nur falls
Sie einverstanden sind, gern helfen.«
Felix zog kritisch die Stirn kraus. »Moment mal! Sie wollen uns helfen, einfach so …?«
»Ich werde es Ihnen erklären. Ich möchte, dass Lügen, über die Geschichte
unseres Vaterlandes, endlich korrigiert werden. Wir Deutschen waren nämlich
nicht immer allein an allem schuld! Verleumdungen werden immer noch auch
über den Spanischen Bürgerkrieg verbreitet. Deutschland hätte völkerrechtsverbindliche Beschlüsse missachtet und so weiter. So einfach war's aber nicht.
Deshalb«, Dr. Gärtner fuhr mit der Zunge über die Lippen, »deshalb könnte
Ihre Arbeit wie eine Bombe einschlagen.«
Felix riss die Augen auf. »Bitte, wo soll die Bombe einschlagen? Vielleicht in
Guernica?«
Doktor Gärtner nickte. »Ja, auch über Guernica müssen Sie natürlich schreiben.
Aber!«, er hob gleichzeitig beide Zeigefinger, »die Wahrheit! Ich kann
mir vorstellen, was Ihnen dieser Silbermann und seine Genossen eingeflüstert
haben. Ich kenne die Typen! Die loben die sogenannten Interbrigadisten
als lupenreine Helden und die Kameraden der Legion Condor verunglimpfen
sie als blutrünstige Mörder. Das waren sie aber nicht. In Guernica
bombardierten sie eine kriegswichtige Brücke. Die Roten setzten die Stadt in
Brand.«
Felix glaubte, nicht richtig verstanden zu haben. »Das ist doch Schwachsinn!
Die Brücke blieb heil, und die Bomben verwandelten die Stadt in einen Trümmerhaufen.«
Er stand auf und ging zur Tür.
Doktor Gärtner schien nichts anderes erwartet zu haben.
»Ja, gehen Sie nur«, sagte er ruhig und machte dazu passende Handbewegungen.
»Gehen Sie! Und schreiben Sie, was schon Dutzende vor Ihnen gelogen
haben!«
Felix drehte sich um. »Nur Sie allein sind wohl im Besitz der unerschütterlichen Wahrheit?«, fauchte er. »Nur Sie wissen genau … und lassen Judensau auf die Straße sprühen.«
Doktor Gärtner lächelte nachsichtig, spreizte beide Arme und hob die Handflächen.
»Sehe ich wirklich so aus, junger Freund? Aber … Ja, schon wieder ein
Aber! Ich bin im Besitz von Materialien, die Ihnen ihre roten Freunde wahrscheinlich niemals zeigen werden. Bitte, Sie finden wohl alleine hinaus.«
Felix zögerte. »Was für Materialien denn …?«
»Berichte ehemaliger Kämpfer, zum Beispiel! Belege, dass die spanische Kommune damals mit Hilfe der Russen eine Diktatur errichten wollte. Und Beweise für unsaubere Machenschaften der Interbrigadisten.« Doktor Gärtner lächelte immer noch. »Ich nehme Ihnen ihre Erregung nicht übel! Geschenkt! Nun kommen Sie schon, das Zeug liegt in meinem Arbeitszimmer.«
Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro
Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn,
Tel. 0228 63 23 06, Fax 0228 63 49 68,
Email: prv@che-chandler.com
www.pahl-rugenstein.de
Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Zum Thema gibt’s inzwischen auch einen Dokumentarfilm:
"Brigadistas" begleitet einige der letzten noch lebenden Kämpferinnen und Kämpfer der Internationalen Brigaden bei ihrer Rückkehr nach Spanien, 70 Jahre nach Beginn des Spanischen Kriegs. In den Begegnungen mit den Brigadistas wird deutlich, was zehntausende von Menschen dazu bewegt hat, aus der ganzen Welt nach Spanien zu kommen und dort im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Der Film zeigt, dass die Ideale, die damals Gültigkeit hatten, auch in der Auseinandersetzung mit der heutigen Welt von großer Bedeutung sind.
D 2007 * Doku * 45 Min. * OmU * R.: Daniel Burkholz – Mehr dazu unter Info@roadside-dokumentarfilm.de oder bei prv@che-chandler.com.
Online-Flyer Nr. 100 vom 20.06.2007
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Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 25
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
4. Teil
Der Weg nach Corbera
1.
Gut angekommen war Felix. Matthias, der Sohn vom Lehrer Auge stoppte erleichtert aufatmend in der Nähe des Leipziger Hauptbahnhofs. Er stellte den
Motor ab, schaltete das Licht aus und reichte Felix freundschaftlich die Hand.
»Das war's! Adios. Vergiss nicht, mir deinen Spanischen Bürgerkrieg zu mailen.
War echt interessant, was du erzählt hast.«
»Danke fürs Mitnehmen.« Ein paar Minuten später stand Felix vor der Anzeigetafel in der Bahnhofsvorhalle.
Frau Grabner, zwei Stunden später, unschlüssig neben ihrem Sohn in dessen
Zimmer.
Felix unterbrach ärgerlich das Auspacken seines Reisegepäcks. »Mach bitte
keinen Stress, Mama!«
»Ich rede doch seit Minuten kein Wort mehr, mein Junge!«
»Aber du guckst so, …so …!«
»Wie denn?« Frau Grabner ließ sich auf Felix Bett fallen und hielt ihre Hände
krampfhaft auf dem Schoss gefaltet. »Ich muss doch irgendwie gucken«, seufzte sie und fuhr weinerlich fort, »hab mir große Sorgen um dich gemacht. Nun erzähl doch erstmal, wie war's denn in Spanien und Wien?«
»Cool.«
»Hast du erreicht, was du wolltest?«
»Ja, klar!«
»Gab es Probleme?«
»Nein.«
Felix griff fahrig nach der Post auf seinem Schreibtisch. Plötzlich drehte er
sich um und sagte versöhnlich: »Ich werde dir ausführlich berichten, Mama.
Versprochen. Die lange Autofahrt von Wien nach Leipzig, verstehst du, bin einfach ein bisschen abgeschlafft.« Er versuchte zu lächeln.
Seine Mutter nicht. »Ich mach mir immer noch große Sorgen um dich!«
»Wieso das denn? Morgen ist wieder normal angesagt! Wirst dich freuen.
Totales Chaos in meinem Zimmer … Nun heul doch nicht.«
Frau Grabner wischte sich verschämt die Tränen aus dem Gesicht. »Es ist
während deiner Abwesenheit hier einiges passiert! Die Nazis haben den Silbermann…«
»Überfallen?«
»Noch nicht.« Frau Grabner stand auf, holte eine Zeitung aus der Küche, schob sie auf den Schreibtisch und tippte vielsagend mit dem Zeigefinger auf einen Artikel.
Felix las mit zunehmender Erregung.
»Antifaschist setzt sich zur Wehr. Georg Silbermann stellt Strafanzeige gegen rechte Randalierer.
Nach dem Aufmarsch von etwa 200 jungen Neonazis …
Parolen wie: Linkes Gezeter, neun Millimeter …
Auch antisemitische Ausfälle … hat sich der 92 jährige Georg Silbermann
entschlossen …«
Felix unterbrach die Lektüre. »Ist doch super, wenn der die miesen Typen vor
Gericht bringt!«
»Lies erst mal weiter!«
»Als Ermutigung für seine Strafanzeige nannte der ehemalige Interbrigadist
unter anderem die Tatsache, dass sich junge Gymnasiasten in einer Arbeit mit dem Spanischen Bürgerkrieg beschäftigen und einer von ihnen zur Zeit in Spanien…«
Felix ließ die Zeitung sinken. »Oh, Mann!«
Seine Mutter riss ihm erregt das Blatt aus der Hand und las: »Hier, damit
haben die Rechten auch gedroht: Bald gibt es kein Links und kein Rechts mehr, dann gibt es nur noch das System und seine Feinde!«
»Welches System denn?«
»Die Regierung und so. Und du, mein Sohn, stehst wahrscheinlich auch schon auf ihrer Abschussliste!«
Felix lachte. »Vergiss es Mama! Doch nicht wegen einer Geschichtsarbeit!«
»Aber Sophie und Alexander beteiligen sich? Ich habe nämlich Alexander in
der Kaufhalle getroffen. Er reagierte auf meine Frage so … so komisch.«
»Komisch?« Felix lachte erneut.
»Er scheint ja fest mit Sophie ….«
»Was du alles weißt!«
»Ich habe die beiden Hand in Hand ….«
»Hast deine Augen wohl überall!« Felix begann planlos in seinem Rucksack
zu wühlen.
»Ich lasse dich sofort in Ruhe, mein Sohn. Nur eins noch. Ich glaube Vesters
müssen umziehen, weil sie die Miete für das Fischerhaus nicht mehr bezahlen können.«
»Warum das denn?«
»Sophies Mutter will keiner mehr …?«
»Was … will keiner mehr?«
»Sie kriegt keine Aufträge mit ihren komischen Puppen! Ach ja, und ein Herr
Dr. Gärtner wollte dich sprechen. Er wird wahrscheinlich noch einmal anrufen.«
Felix blätterte lustlos in seinem Reisenotizbuch. Sein Kopf beschäftigte sich
lieber mit Erlebnissen, die dort nicht beschrieben waren. Die handelnden Personen trugen T-Shirts und kurze Röcke. Keine Gewehre. Felix schloss die Augen.
Isabella und Dolores verloren wunschgemäß ihre Hüllen. Sophie war auch noch da. Zuerst Hand in Hand mit ihm auf dem Flugplatz. Dann nackt im Strandbad neben Alexander. Felix schob das Notizbuch zur Seite und griff zum Telefon.
Alexander schien sich auf dieses Gespräch vorbereitet zu haben. »Ich habe vor niemanden Angst, Felix! Die Rechten, die Rechten …, das Gezeter nervt mich langsam, echt. Unsere Arbeit? Ja klar, bin ich dabei. Nur, wir müssen noch drüber reden. Nicht am Telefon. Ich hab mir Infos von Dr. Gärtner reingezogen.
Den musst du unbedingt kennen lernen! Ja, er wird dich anrufen. Also meiner
Meinung nach wollten in Spanien die Kommunisten wirklich so was wie in
Russland. Franco hat auch nicht alles richtig gemacht. Logo. Vergleich die Situation damals in Spanien bitte mal mit der in Deutschland heute. Nein, das ist tierisch interessant. Die Linkspartei …«
Felix gab es auf, Alexander zu widersprechen. Mehrmals war er nahe daran,
das Gespräch zu beenden. Als der Freund endlich eine Pause einlegte, erkundigte er sich gespielt gleichgültig nach Sophie. Auch auf diese Frage hatte der Freund gewartet. Seine Antwort fiel kurz und bündig aus.
»Sie ist auf mich abgefahren. Tut mir leid. Bleib locker!«
2.
Als sich die Wohnungstür am nächsten Morgen hinter der Mutter geschlossen
hatte, räumte Felix den Tisch ab, ging in sein Zimmer, schlug das Notizbuch auf und stellte das Diktiergerät griffbereit daneben.
Auf ein leeres Blatt malte er groß und deutlich: 1.
Dann rief er Sophie an. »Wie weit bist du mit unserer Arbeit? Wir müssen uns
schließlich abstimmen!«
Das Mädchen reagierte ausweichend. »Rede doch erst mal mit Dr. Gärtner.«
»Mit welchen Gartenfreund denn?«, brauste Felix, ohne es zu wollen auf.
»Ich kenne den Typen überhaupt nicht. Okay, okay! Er wird mich anrufen. Also gut.«
Sekundenlang sprachen beide kein Wort. Felix hielt schon den Daumen über
der Ausschalttaste des Telefons, besann sich aber und fragte vertraulicher:
»Und du?«
»Was ich?«
»Na ja, wie es dir so geht?«
Sophie antwortete schneller als vorher. »Gut!«
Dann schwiegen beide. Felix hörte ihren Atem.
»Also dann.«
»Also dann, Felix.«
Beide Telefone blieben noch eine Weile, ohne Nachrichten zu befördern, auf
Empfang.
Die Lindenstraße folgt einem schmalen Tal zwischen zwei Hügeln. Die Häuser rechts und links stehen meist auf halber Höhe, weshalb steile Treppen durch die großen Vorgärten notwendig sind.
Dr. Georg Gärtner, ein breitschultriger Mann schwer bestimmbaren Alters,
führte Felix in ein geräumiges und auffällig geschmackvoll eingerichtetes Zimmer und ließ ihn Platz nehmen. Sein rundes, gutmütig aussehendes Gesicht und seine ruhige Art zu sprechen, flößten unbewusst Vertrauen ein.
Er begann das Gespräch mit der Vorstellung seiner Person.
»Ich war lange Zeit an der Ernst-Thälmann-Schule Geschichtslehrer. Kein
leichter Job, junger Freund. Ich musste den Schülern oft erzählen, was ich selbst nicht glaubte, und als ich das nicht mehr wollte, hat man mich, nein, nicht auf die Straße gesetzt, sondern in die Produktion abgeschoben. Nach der Wende wurde ich Schulleiter … Man suchte damals unbelastete Kader wie mich.«
»Schulleiter ist auch keine leichte Arbeit.«
»Genau. Schüler und Lehrer wissen heutzutage alles besser. Wer Recht und
Ordnung durchsetzen will, so wie ich, steht auf verlorenem Posten. Nein, seit
zwei Jahren versuche ich das nicht mehr.«
»Und wovon«, Felix blickte sich um, »leben Sie jetzt?«
Dr. Gärtner beantwortete die Frage nicht. »Wissen Sie, den jungen Menschen
in unserem Land fehlt eine Orientierung, etwas, woran sie sich festhalten können.
Gesetze, die sie verinnerlichen, statt zu übertreten, ganz einfach Regeln
des Zusammenlebens, Vorbilder, Ideale, Bücher.«
»Bücher auch?«
»In den Buchläden liegen mehr als genug, ich weiß. Die wirklich wichtigen,
suchst du vergeblich. Aber bevor wir weiter reden … Haben Sie Appetit auf
Kaffee und Kuchen, oder wollen Sie lieber eine Cola?«
Der Gastgeber verschwand in der Küche, stellte zuerst Tassen und Teller auf
den Tisch, korrigierte dabei mehrmals ihren Abstand. Kauend nannte er später endlich den Grund seines Anrufes. »Ich bin ein Geschäftsfreund von Herrn Gebauer.
Genau, Alexanders Vater und ich weiß daher, was Sie vorhaben. Ich meine
diese Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg. Ich schreibe übrigens auch.«
»Gedichte?« Felix verzog keine Miene.
»Historische Abhandlungen für Zeitschriften. Ich halte auch Vorträge. Der
Spanische Bürgerkrieg interessiert mich. Ich möchte Ihnen, natürlich nur falls
Sie einverstanden sind, gern helfen.«
Felix zog kritisch die Stirn kraus. »Moment mal! Sie wollen uns helfen, einfach so …?«
»Ich werde es Ihnen erklären. Ich möchte, dass Lügen, über die Geschichte
unseres Vaterlandes, endlich korrigiert werden. Wir Deutschen waren nämlich
nicht immer allein an allem schuld! Verleumdungen werden immer noch auch
über den Spanischen Bürgerkrieg verbreitet. Deutschland hätte völkerrechtsverbindliche Beschlüsse missachtet und so weiter. So einfach war's aber nicht.
Deshalb«, Dr. Gärtner fuhr mit der Zunge über die Lippen, »deshalb könnte
Ihre Arbeit wie eine Bombe einschlagen.«
Felix riss die Augen auf. »Bitte, wo soll die Bombe einschlagen? Vielleicht in
Guernica?«
Doktor Gärtner nickte. »Ja, auch über Guernica müssen Sie natürlich schreiben.
Aber!«, er hob gleichzeitig beide Zeigefinger, »die Wahrheit! Ich kann
mir vorstellen, was Ihnen dieser Silbermann und seine Genossen eingeflüstert
haben. Ich kenne die Typen! Die loben die sogenannten Interbrigadisten
als lupenreine Helden und die Kameraden der Legion Condor verunglimpfen
sie als blutrünstige Mörder. Das waren sie aber nicht. In Guernica
bombardierten sie eine kriegswichtige Brücke. Die Roten setzten die Stadt in
Brand.«
Felix glaubte, nicht richtig verstanden zu haben. »Das ist doch Schwachsinn!
Die Brücke blieb heil, und die Bomben verwandelten die Stadt in einen Trümmerhaufen.«
Er stand auf und ging zur Tür.
Doktor Gärtner schien nichts anderes erwartet zu haben.
»Ja, gehen Sie nur«, sagte er ruhig und machte dazu passende Handbewegungen.
»Gehen Sie! Und schreiben Sie, was schon Dutzende vor Ihnen gelogen
haben!«
Felix drehte sich um. »Nur Sie allein sind wohl im Besitz der unerschütterlichen Wahrheit?«, fauchte er. »Nur Sie wissen genau … und lassen Judensau auf die Straße sprühen.«
Doktor Gärtner lächelte nachsichtig, spreizte beide Arme und hob die Handflächen.
»Sehe ich wirklich so aus, junger Freund? Aber … Ja, schon wieder ein
Aber! Ich bin im Besitz von Materialien, die Ihnen ihre roten Freunde wahrscheinlich niemals zeigen werden. Bitte, Sie finden wohl alleine hinaus.«
Felix zögerte. »Was für Materialien denn …?«
»Berichte ehemaliger Kämpfer, zum Beispiel! Belege, dass die spanische Kommune damals mit Hilfe der Russen eine Diktatur errichten wollte. Und Beweise für unsaubere Machenschaften der Interbrigadisten.« Doktor Gärtner lächelte immer noch. »Ich nehme Ihnen ihre Erregung nicht übel! Geschenkt! Nun kommen Sie schon, das Zeug liegt in meinem Arbeitszimmer.«
Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro
Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, Breite Str. 47, 53111 Bonn,
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Copyright © 2006 Pahl-Rugenstein Verlag - Alle Rechte vorbehalten, ISBN 3-89144-373-0, Umschlagillustration und Zeichnungen: Hans Fritsch, Satz: Arnold Bruns, Druck: Interpress, Budapest
Zum Thema gibt’s inzwischen auch einen Dokumentarfilm:
"Brigadistas" begleitet einige der letzten noch lebenden Kämpferinnen und Kämpfer der Internationalen Brigaden bei ihrer Rückkehr nach Spanien, 70 Jahre nach Beginn des Spanischen Kriegs. In den Begegnungen mit den Brigadistas wird deutlich, was zehntausende von Menschen dazu bewegt hat, aus der ganzen Welt nach Spanien zu kommen und dort im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Der Film zeigt, dass die Ideale, die damals Gültigkeit hatten, auch in der Auseinandersetzung mit der heutigen Welt von großer Bedeutung sind.
D 2007 * Doku * 45 Min. * OmU * R.: Daniel Burkholz – Mehr dazu unter Info@roadside-dokumentarfilm.de oder bei prv@che-chandler.com.
Online-Flyer Nr. 100 vom 20.06.2007
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