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Inland
Vom Landtag in Düsseldorf in den fünf Jahre währenden Adenauer-Knast
Josef „Jupp“ Angenfort
Von Hannes Stütz

Josef "Jupp“ Angenfort
Alle Fotos Arbeiterfotografie
Wann ich Jupp Angenfort zum ersten Mal persönlich begegnet bin, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Seit seiner legendären Flucht aus dem Münchner Gefängnis Stadelheim am 4. April 1962 war er für uns Linke und alte und junge Kommunisten wie mich so etwas wie ein Symbol – vielleicht dafür, daß man es denen zeigen kann, auch wenn sie fast alle Macht der Welt zu haben schienen, auch zum Einsperren und Aussperren. Der Tag war in diesem Jahr mein Geburtstag und wahrscheinlich der vor Freude bei mir und allen Gästen überschäumendste. Trotzdem hörten wir auch danach noch tagelang jede Stunde und bange die Nachrichten am Radio, kuckten dort, wo es Fernsehen gab, auf seine Fahndungsfotos und hörten die Aufrufe zur Mithilfe der Bevölkerung zu seiner Ergreifung. Ich lebte in München, überlegte, wohin ich ihn in absolute Sicherheit bringen könnte, wenn er vor der Tür stände und dachte bei jedem Klingeln, er könnte es sein. Ich war also zur Mithilfe bereit.
Als sie ihn am dritten Tag nach der Flucht noch nicht hatten, machte sich in meinem Umkreis die Gewißheit breit, daß er es zunächst geschafft hatte. Jetzt mußte er nur noch außer Landes kommen. Oder sich irgendwo für eine zeitlang einbunkern.
Der Gedanke, ihn nach seinen Geschichten zu befragen, hat mich sehr früh befallen, nachdem ich ihm in der "Illegalität" begegnet war. Nach politischen Gesprächen im Gruppenkreis war manchmal auch noch Gelegenheit zu dem, was man gemütliches Beisammensein nennt. Da war dann die eine oder andere Geschichte fällig. Was mich daran fasziniert hat, daß er sie auch nicht viel anders erzählte als das, was er zuvor politisch eingeschätzt hatte. Immer genau und eins nach dem andern und mit dem gehörigen Abstand. Es erinnerte mich an die Art von Grimmelshausen, einem großen deutschen Schriftsteller des 17. Jahrhunderts.
Dreißig Jahre später, 1994, habe ich den Anlauf genommen, ihn nach solchen Geschichten zu fragen und er war bereit, zu erzählen.

Rede vor dem Industrieclub in Düsseldorf
Jupp Angenfort spricht druckreif wie kaum ein anderer. Aber hier ging es um einzelne Geschichten, zum Teil sehr persönliche und vor allem weit zurückliegende. Ich habe versucht, aus Tonbändern und Küchengesprächen, auch im Beisein von Mia, seiner Frau, den Originalton Jupp Angenfort ins Schriftliche zu bringen, also auch unverwechselbare Eigenheiten seiner Diktion nicht unbedingt einzuebnen. Dem Leser darf ich deshalb versichern: dies ist trotz allem, was zusammengefügt und von manchen mündlichen Zufälligkeiten befreit wurde, originaler Angenfort. Eine Biographie soll es und will es nicht sein. Das ergibt sich schon daraus, daß die Geschichten 1969 enden. Wenn es Material abgibt für eine zukünftige Biographie, dann ist es gut.
Zu Mia muß ich noch etwas sagen. Sie kommt zu kurz in diesen Aufzeichnungen. Das liegt daran, daß ich insgeheim das Konzept hatte, nach Jupp Angenfort auch Mia nach ihren Geschichten zu befragen, zu fragen nach der Parallelgeschichte "der Frau an seiner Seite". Deshalb habe ich in den Gesprächen mit Jupp jede Frage zu Mia ausgespart. Weder Jupp noch Mia wußten von meinem Wunsch. Ob Mia zugestimmt hätte, ist offen. Der unerwartete und viel zu frühe Tod dieses großen Menschen hat auch das verhindert.
Was der damalige westdeutsche Staat BRD mit ihrem Mann anstellen konnte und mit jedem, der nicht auf der aktuellen politischen Linie lag, ist jenseits jeder zivilgesellschaftlichen Konvention. Fünf Jahre Zuchthaus und ein halbes Jahr von über zwei Jahren Untersuchungshaft nicht angerechnet, also 5 ½ Jahre, für nichts anderes als mit der Politik Adenauers und der CDU nicht einverstanden zu sein. Das wurde zum Hochverrat erklärt. Es war Willkür von Innenministerien, Justiz und Polizei. Die waren bekanntlich durchsetzt von alten Nazis. Aber daß auch der Gesetzgeber, der Bundestag, noch einsprang und Gesetze nachlieferte, um die Willkür formal zu legalisieren, soll nie vergessen werden. Das betraf nicht nur Jupp Angenfort, sondern Abertausende. Er ist einer von ihnen. Wahrscheinlich der, den sie zur Abschreckung am längsten eingesperrt haben.
Er hat’s überstanden, unbeugsam und mit Würde und mit Tatkraft. Wie groß seine Verletzungen trotzdem sind, darüber will ich nicht spekulieren. Ein deutsches Leben.
Manchmal, in der Zeit, als wir miteinander zu tun hatten und wenn er seine Sicht der Dinge dargelegt hatte, war ich immer wieder geplättet, wie die Gegensätze und Widersprüche der Gesellschaft, unserer Welt, unseres Lebens von ihm auf einen verständlichen Punkt gebracht wurden. Siehst Du, dachte ich oft, so klar kann man auch ein Kuddelmuddel beschreiben und so einfach ist das, was jetzt zu tun und möglich ist.
Auf dem Weg nach Hause haben mich dann oft die Zweifel befallen, ob das wirklich so einfach ist, ob er nicht ein genialer Vereinfacher ist. Inzwischen denke ich das nicht mehr. Er hat Recht. Es ist so einfach. Er lebt es. Das Einfache, was so schwer zu machen ist. (PK)
Ein NRhZ-Interview von Wolfgang Bittner mit Jupp Angenfort finden Sie in Nr. 27 vom 17.01.2006 unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=1210
Die Trauerfeier findet statt am Dienstag, dem 30. März 2010, 12.00 Uhr, Kapelle des Stoffeler Friedhofs, Düsseldorf-Oberbilk, Bittweg 60 (Nähe Uni-Kliniken).
Im Sinne des Verstorbenen wird gebeten, auf Blumen- und Kranzspenden zu verzichten und stattdessen Spenden auf das Konto der VVN-BdA-NRW, Stichwort „Jupp“, zu überweisen. Konto Nr. 282 12- 435 bei der Postbank Essen BLZ 360 100 43
Online-Flyer Nr. 242 vom 24.03.2010
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Josef „Jupp“ Angenfort
Von Hannes Stütz

Josef "Jupp“ Angenfort
Alle Fotos Arbeiterfotografie
Als sie ihn am dritten Tag nach der Flucht noch nicht hatten, machte sich in meinem Umkreis die Gewißheit breit, daß er es zunächst geschafft hatte. Jetzt mußte er nur noch außer Landes kommen. Oder sich irgendwo für eine zeitlang einbunkern.
Der Gedanke, ihn nach seinen Geschichten zu befragen, hat mich sehr früh befallen, nachdem ich ihm in der "Illegalität" begegnet war. Nach politischen Gesprächen im Gruppenkreis war manchmal auch noch Gelegenheit zu dem, was man gemütliches Beisammensein nennt. Da war dann die eine oder andere Geschichte fällig. Was mich daran fasziniert hat, daß er sie auch nicht viel anders erzählte als das, was er zuvor politisch eingeschätzt hatte. Immer genau und eins nach dem andern und mit dem gehörigen Abstand. Es erinnerte mich an die Art von Grimmelshausen, einem großen deutschen Schriftsteller des 17. Jahrhunderts.
Dreißig Jahre später, 1994, habe ich den Anlauf genommen, ihn nach solchen Geschichten zu fragen und er war bereit, zu erzählen.

Rede vor dem Industrieclub in Düsseldorf
Zu Mia muß ich noch etwas sagen. Sie kommt zu kurz in diesen Aufzeichnungen. Das liegt daran, daß ich insgeheim das Konzept hatte, nach Jupp Angenfort auch Mia nach ihren Geschichten zu befragen, zu fragen nach der Parallelgeschichte "der Frau an seiner Seite". Deshalb habe ich in den Gesprächen mit Jupp jede Frage zu Mia ausgespart. Weder Jupp noch Mia wußten von meinem Wunsch. Ob Mia zugestimmt hätte, ist offen. Der unerwartete und viel zu frühe Tod dieses großen Menschen hat auch das verhindert.
Was der damalige westdeutsche Staat BRD mit ihrem Mann anstellen konnte und mit jedem, der nicht auf der aktuellen politischen Linie lag, ist jenseits jeder zivilgesellschaftlichen Konvention. Fünf Jahre Zuchthaus und ein halbes Jahr von über zwei Jahren Untersuchungshaft nicht angerechnet, also 5 ½ Jahre, für nichts anderes als mit der Politik Adenauers und der CDU nicht einverstanden zu sein. Das wurde zum Hochverrat erklärt. Es war Willkür von Innenministerien, Justiz und Polizei. Die waren bekanntlich durchsetzt von alten Nazis. Aber daß auch der Gesetzgeber, der Bundestag, noch einsprang und Gesetze nachlieferte, um die Willkür formal zu legalisieren, soll nie vergessen werden. Das betraf nicht nur Jupp Angenfort, sondern Abertausende. Er ist einer von ihnen. Wahrscheinlich der, den sie zur Abschreckung am längsten eingesperrt haben.

Manchmal, in der Zeit, als wir miteinander zu tun hatten und wenn er seine Sicht der Dinge dargelegt hatte, war ich immer wieder geplättet, wie die Gegensätze und Widersprüche der Gesellschaft, unserer Welt, unseres Lebens von ihm auf einen verständlichen Punkt gebracht wurden. Siehst Du, dachte ich oft, so klar kann man auch ein Kuddelmuddel beschreiben und so einfach ist das, was jetzt zu tun und möglich ist.
Auf dem Weg nach Hause haben mich dann oft die Zweifel befallen, ob das wirklich so einfach ist, ob er nicht ein genialer Vereinfacher ist. Inzwischen denke ich das nicht mehr. Er hat Recht. Es ist so einfach. Er lebt es. Das Einfache, was so schwer zu machen ist. (PK)
Ein NRhZ-Interview von Wolfgang Bittner mit Jupp Angenfort finden Sie in Nr. 27 vom 17.01.2006 unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=1210
Die Trauerfeier findet statt am Dienstag, dem 30. März 2010, 12.00 Uhr, Kapelle des Stoffeler Friedhofs, Düsseldorf-Oberbilk, Bittweg 60 (Nähe Uni-Kliniken).
Im Sinne des Verstorbenen wird gebeten, auf Blumen- und Kranzspenden zu verzichten und stattdessen Spenden auf das Konto der VVN-BdA-NRW, Stichwort „Jupp“, zu überweisen. Konto Nr. 282 12- 435 bei der Postbank Essen BLZ 360 100 43
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