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Aktueller Online-Flyer vom 24. September 2020  

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Literatur
Erklärung zur Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke
Beendet die Kampagne gegen Peter Handke!
Von serbischen Universitätsprofessoren, Wissenschaftlern und Schriftstellern

"Handke hat noch nie über Völkermord gesprochen oder geschrieben. Er wird in die Erzählung des Völkermords hineingezogen, um die Serben zu verteufeln, entgegen jeder wahren Darstellung der außergewöhnlich komplexen Konflikte, die mit dem Zerfall Jugoslawiens einhergingen. Wir erheben unsere Stimme zur Verteidigung der Gedankenfreiheit und gegen die gegen Handke gerichtete Moralpredigt in manch westlichen Medien. Gleichzeitig sind wir gegen die Wiederbelebung totalitärer Methoden, die darauf abzielen, den Menschen das Recht zu verweigern, zu sagen, was sie denken, ohne dafür gekreuzigt zu werden, und ohne dass ihre Auszeichnungen aus Gründen, die nichts mit den literarischen Verdiensten ihres künstlerischen Schaffens zu tun haben, herabgewürdigt werden." Mit diesen Sätzen endet eine Erklärung von serbischen Universitätsprofessoren, Wissenschaftlern und Schriftstellern, die sie mit Datum vom 30. November 2019 an die Schwedische Königliche Akademie gerichtet haben. Die NRhZ dokumentiert die Erklärung.


Peter Handke am 23. März 2019 in Belgrad (Foto: arbeiterfotografie.com)


An die Schwedische Königliche Akademie, ausländische und inländische Öffentlichkeit

Sehr geehrter Dan Larhammar, Präsident der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften, wir bitten Sie, diesen Brief der serbischen Intellektuellen nicht nur als Unterstützung für den Schriftsteller, Literatur-Nobelpreisträger Peter Handke, sondern auch als Verteidigung der Freiheit des politischen Denkens des Künstlers zu verwenden.

Seitdem das Nobelkomitee für Literatur seine Entscheidung bekannt gab, den diesjährigen Preis an Peter Handke zu vergeben, wurde in einem Segment der Medien in den ehemaligen jugoslawischen Republiken, in vielen westlichen Ländern und sogar in Serbien selbst eine politische Kampagne gegen diese Entscheidung gestartet. Diese Kampagne richtete sich gegen eine Entscheidung über die Literatur, aber ihre Stoßrichtung wandte sich gegen die nicht-literarischen, öffentlich bekannten Positionen des österreichischen Schriftstellers. Solche vulgären Versuche, die Ansichten des prominenten Autors zu sozialen und politischen Themen zu verteufeln, stellen eine Bedrohung für die Gedankenfreiheit dar, die alle zugelassenen Einschätzungen und vorgefertigten Schlussfolgerungen über die Zeiten, Menschen und Ereignisse ablehnt. Der Fall Handke ist ein Beispiel für den Versuch, das Recht auf freies und kritisches Denken abzuschaffen.

Zwei weitreichende Elemente der Kampagne zur Verteufelung des Nobelpreisträgers verdienen Aufmerksamkeit. Die meisten Kritiker im Westen und in der Region Ex-Jugoslawien beziehen sich nicht auf seine Schriften, sondern auf seine offen präsentierten politischen Aussagen über die Rolle der Serben beim Zerfall des jugoslawischen Staates und über den verstorbenen Präsidenten Slobodan Miloševic. Es ist besonders bemerkenswert, dass selbsternannte Liberale und Demokraten bei ihren Angriffen auf den Schriftsteller Handke eifrig totalitäre Methoden anwenden. Viele Schriftsteller, die den Mut hatten, frei zu schreiben, wurden routinemäßig von verschiedenen totalitären Regimen verfolgt und haben dafür manchmal mit dem Leben bezahlt. Die heutigen Kritiker von Handke's Ansichten über die Serben im letzten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts erneuern nur die Werkzeuge und Methoden, die in totalitären Zeiten gegen Schriftsteller verwendet werden: sie versuchen, den Schriftsteller wegen seiner Ansichten zu disqualifizieren, nicht wegen seiner Werke.

Eine weitere Folge solcher Angriffe ist die schlimmstmögliche Anschuldigung gegen die Schwedische Akademie und Handke selbst. Einige Kritiker behaupten, dass Handke den Völkermord gerechtfertigt habe und die Schwedische Akademie sich dementsprechend diskreditiert habe, indem sie ihm den Preis verlieh. Diese Anschuldigung erfordert zwei Antworten. Jedes Streben nach der Wahrheit muss auf wissenschaftlichen Methoden beruhen und nicht auf dem politischen, medialen oder gerichtlichen Urteil, das von der Mehrheit der Richter gefällt wird. Der Begriff "Völkermord" bezeichnet die Vernichtung ganzer nationaler Gemeinschaften. Im zwanzigsten Jahrhundert waren die Opfer Armenier, Juden und Serben. Zweitens kam es während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien in den Jahren 1991-95 und 1999 zu keinem Völkermord. Jede politisch motivierte Manipulation des Begriffs "Völkermord" im Fall Handke ist eine Beleidigung für die Millionen von Opfern in diesem Teil der Welt, die im Laufe des vorigen Jahrhunderts umgekommen sind.

Handke hat noch nie über Völkermord gesprochen oder geschrieben. Er wird in die Erzählung des Völkermords hineingezogen, um die Serben zu verteufeln, entgegen jeder wahren Darstellung der außergewöhnlich komplexen Konflikte, die mit dem Zerfall Jugoslawiens einhergingen.

Wir erheben unsere Stimme zur Verteidigung der Gedankenfreiheit und gegen die gegen Handke gerichtete Moralpredigt in manch westlichen Medien. Gleichzeitig sind wir gegen die Wiederbelebung totalitärer Methoden, die darauf abzielen, den Menschen das Recht zu verweigern, zu sagen, was sie denken, ohne dafür gekreuzigt zu werden, und ohne dass ihre Auszeichnungen aus Gründen, die nichts mit den literarischen Verdiensten ihres künstlerischen Schaffens zu tun haben, herabgewürdigt werden.

Serbische Universitätsprofessoren, Wissenschaftler und Schriftsteller
Serbia, Belgrade, November 30, 2019

1. Prof. Dr. Avramovic Zoran, scientific researcher
2. Prof. Dr. Antonic Slobodan, University of Belgrade
3. Anicic Mikan, art artist
4. Arbutina Petar, writer
5. Dr. Antic Deajan, University of Niš
6. Prof. Dr. Aleckovic Mila, University of Kosovska Mitrovica
7. Prof. Yves Bataille (Iv Bataj) Paris-Belgrade
8. Prof. Dr. Bazic Jovan, University of Kosovska Mitrovica
9. Beckovic Matija, Academician
10. Bakovic Blagoje, writer
11. Bikovic Miloš, film actor
12. Beckovic Danilo, film director
13. Prof. Dr. Brdar Milan, scientific researcher
14. Prof. Bratina Boris, PhD, University of Kosovska Mitrovica
15. Barna Laura, Penwoman
16. Prof. Dr. Bojovic Dragiša, University of Niš
17. Prof. Dr. Božovic Zoran, University of Belgrade and writer
18. Prof. Dr. Vladušic Slobodan, University of Novi Sad and writer
19. Vitezovic Milovan, writer
20. Prof. Dr. Vratusa Vera – Zunjic, University of Belgrade
21. Vojnov Dimitrije, film script
22. Prof. Dr. Grubor Nebojsa, University of Belgrade
23. Dimic LJubodrag, Academician
24. Dugic Bora, music artist
25. Prof. Dr. Danilovic Nejo, president of the International Association of Methodologists of Social sciences
26. Prof. Dr. Despotovic LJubiša, scientific researcher
27. Prof. Dr. Govedarica Milanko, University of Belgrade
28. Prof. Dr. Dušanic Jovan, University of Belgrade
29. Prof. Dr. Davidovic Lazar, Faculty of Medicine, Belgrade
30. Dr. Damnjanovic Jelena, professor
31. Ðogo Gojko, writer
32. Ðidic Ljubisa, writer
33. Prof. Dr. Ðukanovic Borislav, University Donja Gorica, Podgorica
34. Prof. Dr. Ðurkovic Miša, scientific researcher
35. Djordjevic Mladen, film director
36. Prof. Dr. Zivanovic Nenad, University of Niš
37. Zlatic Bogdan, publicist
38. Ignjatovic Srba, writer
39. Dr. Jovanovic Bojan, scientific researcher
40. Dr. Jankovic Slobodan, research fellow
41. Jovanovic Zivadin, diplomat
42. Prof. Dr. Jokic Aleksandar, University of Portland
43. Prof. Dr. Jevtic Miroljub, , University of Belgrade
44. Prof. Dr. Jevtovic Zoran, University of Niš
44. Prof. Dr. Jovanovic Aleksandar, University of Belgrade
45. Jovovic Dušan, visual artist
46. Kanjuh Vladimir, Academician
47. Dr. Kanjuh Snežana
48. Kusturica Emir, film director and writer
49. Dr. Kanjevac Slobodan, president of the Serbian Philosophical Society
50. Kecmanovic Vladimir, writer
51. Prof. Dr. Kostic Aleksandar, University of Kosovska Mitrovica
52.´Prof. Dr. Kovic Miloš, University of Belgrade
53. Prof. Dr. Kovacevic Miloš, University of Kragujevac
54. Prof. Dr. Kovacevic Voja, University of East Sarajevo
55. Kojcic Dragoljub, philosophy professor
56. Knezevic Milos, political scientist
57. Prof. Dr. Kocovic Dragoljub, University of Belgrade
58. Mr Kovac Andjelka, piano professor, East Sarajevo
59. Prof. Dr. Kostic Tmusic Aleksandra, University of Kosovska Mitrovica
60. Dr. Koljevic Bogdana Griffith, research Fellow
61. Lapcevic Nebojša, writer
62. Lilic Milica, Penwoman
63. Prof. Dr. Lompar Milo, University of Belgrade
64. Prof. Dr. Markovic Miodrag, Academician
65. Prof. Dr. Miloševic, Bozo, University of Novi Sad
66. Prof. Dr. Miljkovic Ema, University of Belgrade
67. Prof. Dr. Milosavljevic LJubinko, University of Niš
68. Maksimovic Miodrag, writer
69. Dr. Miloradovic Nenad
70. Prof. Dr. Miladovic Sofija, University of Kosovska Mitrovica
71. Prof. Dr. Milašinovic Srdan, University of Belgrade
72. Prof. Dr. Mitrovic LJubiša, University of Niš
73. Novovic Dragan, lawyer, Novi Pazar
74. Nikcevic Želidarg, writer
75. Dr. Novakovic Nada, research fellow
76. Prof. Dr. Piper Predrag, Academician
77. Prof. Dr. Petrovic Aleksandar, University of Belgrade
78. Prof. Dr. Prelevic Duško, University of Belgrade
79. Petrovic Miloš, writer
80. Petkovic Bratislav, playwright
81. Prof. Dr. Pavlovic Biljana, University of Kosovska Mitrovica
82. Prof. Dr. Petrovic M. Aleksandar, University of Kosovska Mitrovica
83. Prof. Dr. V. Popovic V. Radomir, Faculty of Seminary
84. Prof. Dr. Pitulic Valentina, University of Kosovska Mitrovica
85. Prof. Dr. Pijanovic Petar, University of Belgrade
85. Dr. Rakovic Aleksandar, scientific researcher
86. Padonjic Miodrag, film actor
87. Prof. Dr. Radosavljevic Ivan, University of Belgrade
88. Prof. Dr. Rastovic Aleksandar, scientific researcher
89. Prof. Dr. Rakic Branko, University of Belgrade
90. Dr. Raduski Nada, scientific researcher
91. Prof. Dr. Reljic Mitra, University of Kosovska Mitrovica
92. Radulovic Selimir, writer
93. Rosic Tiodor, writer
94. Prof. Dr. Radoš Jovo, University of Novi Sad
95. Prof. Dr. Reljic Slobodan, University of Belgrade
96. Prof. Dr. Stepic Milomir, scientific researcher
97. Prof. Dr. Stanic Dragan, University of Novi Sad
98. Sladoje Djordjo, writer
99. Sudic Bojan, music artist
100. Dr. Srebro Milivoje, professor at the University of Montenj in Bordeaux
101. Prof. Dr. Stankovic Vuk Dejan, University of Belgrade
102. Prof. Dr. Dragana Sarajlic, University of Kosovska Mitrovica
103. Selimovic Salih, Prof. history, Sjenica
104. Prof. Dr. Tanaskovic Darko, University of Belgrade
105. Prof. Dr. Tanasic Sreto, member of ANURS
106. Prof. Dr. Trifkovic Srda, University ST, FPN, UBL
107. Tešic Milosav, Academician
108. Terzic Slavenko, Academician
109. Uljarevic Radomir, writer
110. Dr. Hamovic Dragan, writer
111. Cvetkovic Petar, writer
112. Prof. Dr. Colic LJiljana, University of Belgrade
113. Prof. Dr. Šljukic Srdan, University of Novi Sad
114. Prof. Dr. Šljukic Marica University of Novi Sad
115. Prof. Dr. Šijakovic Bogoljub, Faculty of Seminary
116. Prof. Dr. Šcepanovic Mihailo, University of Belgrade
117. Prof. Dr. Šuvakovic Uroš, University of Belgrade


Englischsprachige Quelle: beoforum.rs/en, Übersetzung ins Deutsche: NRhZ


Siehe auch:

Die Schmutzkampagne gegen Nobelpreisträger Peter Handke und die Zerstörung Jugoslawiens und Bombardierung Serbiens in den 90er Jahren: Cui bono?
Störe meine Kreise nicht!
Von Rudolf Hänsel
NRhZ 730 vom 18.12.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26454

Offener Brief an den diesjährigen Literatur-Nobelpreisträger Peter Handke
Ein Stück Gerechtigkeit
Von Rudolf Hänsel
NRhZ 722 vom 16.10.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26275

Anlässlich der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Peter Handke und der damit einhergehenden Diskriminierungen
Klartext
Von Erika Kosse
NRhZ 728 vom 04.12.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26404

Wie kritischen Artikeln die Wirkung genommen wird
(u.a. einem zur Nobelpreisauszeichnung von Peter Handke)
Das Prinzip Telepolis
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann
NRhZ 730 vom 18.12.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26441

Online-Flyer Nr. 730  vom 18.12.2019

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