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Inland
Oskar Kaufmann, Waltershausen, 1932
Tod durch Polizeikugel
Von Henner Reitmeier
Am 5. Juni 1932 brachte es ein wenig bekanntes thüringisches Städtchen auf die Titelseite des vielgelesenen, in Berlin herausgegebenen Wochenblatts A-I-Z (Arbeiter-Illustrierte-Zeitung, Nr. 23). Auf einem Foto sind ein rücklings am Straßenrand liegender Mann mit verklebtem Kopfhaar und zwei andere Männer zu sehen, die erschüttert neben dem Opfer hocken. Der Begleittext lautet: »Mit Karabiner und Gummiknüppel ging die Polizei in Waltershausen gegen die Erwerbslosen vor, die gegen die Kürzung der Wohlfahrtsunterstützung demonstrierten. Der 30jährige parteilose Arbeiter Oskar Kaufmann wurde von der Polizei erschossen.«

A-I-Z, 1932, Ausgabe 23 (5. Juni 1932)
Das Alter stimmt nicht ganz, aber ansonsten ist an dem Vorfall nicht zu rütteln. Wie sich versteht, ging dieser Oskar Kaufmann nicht in die Lexika ein. Sein buchstäblicher Fall dürfte freilich nicht nur WaltershäuserInnen wie mich berühren. Herausgeber der A-I-Z war übrigens Willi Münzenberg, Kommunist. Er stammte selber, wie das Mordopfer, aus dem Landkreis Gotha. Die damalige Auflage betrug um 500.000. Sie wurde hauptsächlich von mehreren Tausend Erwerbslosen vertrieben. Kaufmann gehörte dem Arbeiter-Samariter-Bund an. Dieser war um 1900 auf Anregung von Sozialdemokraten entstanden. Es ging um Selbsthilfe bei Unglücksfällen und die entsprechende Ausbildung proletarischer Sanitäter.
Am 20. Mai hatte es »Arbeitersamariter« Kaufmann selber unweit des Waltershäuser Marktplatzes erwischt. Außerdem habe es an jenem Freitagabend 19 Verletzte gegeben, darunter die beiden neunjährigen Kinder Heinz Massi und Kurt Anschütz, entnehme ich einem Gedenkartikel von 2012 in Klarsicht, einem Monatsblatt der Gothaer Linkspartei. Einige Demonstranten seien in Gotha im Schnellverfahren wegen Aufruhrs zu niedrigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Von einer Untersuchung der Erschießung ist nirgends die Rede, auch nicht bei Löffler. Nach Klarsicht-Beiträger Karl Leining, Waltershausen, hatte sich die Waltershäuser Zeitung am 23. Mai, dem Tag der Beerdigung Kaufmanns, gegen die Entstellungen und Greuelmärchen überregionaler Blätter verwahrt. Sie stellte klar, die Wohlfahrtsbewegung umfaßte alle Parteien, von der KPD bis zu den Nazis, und hatte keinerlei politische Losungen. Die Gewalt sei allein von der Landespolizei ausgegangen. Laut Wikipedia hatten wir damals (in Weimar) eine »rechtsbürgerliche Minderheitsregierung« unter Erwin Baum. Kreisdirektor beziehungsweise Landrat in Gotha war Louis Leutheusser von der Deutschnationalen Volkspartei. Ob eine »linke« Regierung ebenfalls Polizei nach Waltershausen geschickt hätte, kann ich nicht beurteilen. Auch Kaufmanns Beerdigung wurde dann noch belästigt. Jahrzehnte später, nach der sogenannten »Wende«, sei man unverzüglich auch einer Gedenktafel und der Waltershäuser Oskar-Kaufmann-Straße zu Leibe gerückt, so Leining weiter. Die Tafel hatte sich am Haus Badegasse 9, Ecke Mühlgasse, befunden – dort, wo Oskar Kaufmann 1932 von der todbringenden Kugel getroffen worden war.
Nun heißt die störende Straße bereits seit 35 Jahren Heinrich-Schwerdt-Straße. Sie führt vom Rand der Altstadt Richtung Multicar. Der neue Name stellt in mehrfacher Hinsicht Provokation und Geschmacklosigkeit dar. Die Thüringer Allgemeine nennt Heinrich Schwerdt (1810–88) am 10. März 2023 bereits in der Überschrift eines Gedenkartikels (Bezahlschranke!) einen »überragenden Kirchenmann«. Er war (ab 1872) »Superintendent und Oberpfarrer« in Waltershausen gewesen. Das Internet gibt ihn auch als Pädagogen, Politiker und Schriftsteller aus. 1883 erhob ihn der Gothaer Herzog Ernst II. zum sogenannten Kirchenrath. Wikipedia beschließt seinen Eintrag mit dem Hinweis, 1991 sei in Waltershausen »zu seinen Ehren eine Straße« nach ihm benannt worden. Die Schande für Kaufmann bleibt unerwähnt.
Auch Klarsicht benutzt die Formel, Kaufmann sei »parteiloser Arbeitersamariter« gewesen. Sein Freund und Arbeitskollege in der Thüringer Schlauchweberei Werner Habicht läßt in seinem Gedenkartikel allerdings keinen Zweifel daran: Kaufmann sympathisierte mit Kommunismus und Sowjetunion. Er war außerdem Wander- und Heimatfreund, frönte dem Schachspiel und begeisterte sich sogar für Esperanto. Mit seiner Frau Erna Kornhaß hatte er zwei Kinder. Altersangaben fehlen. Habicht erwähnt aber Kaufmanns Grab mit Findling und Inschriftplatte.
Laut Sigmar Löfflers Stadtgeschichte Band II (S. 181 + Anhang Dokument 51 + 52) war es wie folgt zu dem Mord gekommen. Die auf dem Markt (nämlich vor dem Rathaus) gegen die Kürzungen und Verzögerungen bei der Wohlfahrtsunterstützung protestierenden Massen wurden von der Landespolizei in die anliegenden Gassen abgedrängt, darunter die ansteigende Badegasse. Diese »stand bald leer, nur von oben schallten noch wütende Schimpfworte, und auch Steine kamen herab, so dass die Polizisten sich nicht über die [quer zum Hang verlaufende] Louisenstraße hinweg wagten und aus der sicheren Deckung der Haustüren nach den [Ein-]Mündungen der Nebengassen schossen. Dabei wurde der Arbeitersamariter Oskar Kaufmann, der vorsichtig um die Ecke spähte, um zu sehen, ob er die Badegasse überqueren könne, durch einen Kopfschuss tödlich verwundet. Sobald er gefallen war, hörte hier das Schießen auf …«
Immerhin ist auf dem Waltershäuser Friedhof noch der hellgraue, leicht gekörnte Gedenkstein für Kaufmann zu finden. Danach war er bei seinem Tod erst 26 (geboren 18. Februar 1906). Der junge Arbeiter stammte aus dem nahen Thüringer-Wald-Dorf Brotterode. Zum Gedenkstein berichtet sein Arbeitskollege Werner Habicht: »Ich suchte einen Findling beim Gerberstein am Rennsteig. Der als Langholzfahrer tätige Bruder meines Vaters brachte den Stein nach Waltershausen. Das Grabdenkmal stammt also vom Höhenweg zwischen Oskar Kaufmanns Geburts- und Sterbeort.« Leider gibt die Inschrift keinen Hinweis auf die Klassenherkunft und schon gar keinen auf die Todesumstände Kaufmanns. Es sei denn, man sieht einen Hinweis in dem mächtigen, alten Baum verkörpert, der den Gedenkstein beschattet. Es ist eine Blutbuche.
Der Waltershäuser Karl Leining schreibt 2012: »Das Abnehmen der Gedenktafel [in der Badegasse] wäre vielleicht noch erklärlich gewesen, denn der zweite Teil der Inschrift entsprach nicht den Ereignissen von 1932. Allerdings hätte mit etwas gutem Willen dieser Teil der Tafel auch entfernt werden können. Dass allerdings die Oskar-Kaufmann-Straße trotz zahlreicher Proteste umbenannt wurde, ist nicht zu akzeptieren.«
Wie mir einheimische Gewährsleute berichten, ist die Umbenennung von einer »Großen Koalition« aus Christ- und Sozialdemokraten betrieben worden. Motiv sei weniger gewesen, Schwerdt zu ehren, als vielmehr Kaufmann aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. In der DDR habe man den Gummiarbeiter ungerechtfertigt »heroisiert«, argumentierte die Koalition. Warum gab dann aber Michael Brychcy (CDU), von 1989 bis 2024 Waltershäuser Bürgermeister, seinen Segen zur Neuherausgabe von Löfflers Stadtgeschichte, die Kaufmann eindeutig als Polizeiopfer darstellt? Vermutlich ging es wirklich vordringlich ums Stadtbild. Die Bücher von Löffler lesen ja sowieso nur ein paar GeistesarbeiterInnen und Heimatfreunde. Kaufmanns Fürsprecher erlauben sich auch den Hinweis, niemand habe bislang verlangt, die Ernst-Thälmann-Straße aus dem Stadtbild zu tilgen. Das war eben ein ferner Kommunistenführer, den Waltershausen nie zu Gesicht bekam. Kaufmann dagegen sei einheimisches, womöglich vorbildliches Gewächs gewesen. Bei den Unruhen am Marktplatz ging er seiner Verpflichtung als Sanitäter nach.
Die Gewährsleute versichern mir auch, die AnwohnerInnen der Oskar-Kaufmann-Straße seien nie um ihre Meinung befragt worden. Sie seien mehrheitlich gegen eine Umbenennung gewesen. Damals gab es etliche unpersonell benannte Straßen in Neubaugebieten, die man dem Kirchenrath hätte verehren können. Man wünschte jedoch den Dorn am Rand der Altstadt zu brechen, der nur den Namen eines einfachen Arbeiters trug. Jetzt thront der Kirchenrath dort. Wer vom Bahnhof aus auf Waltershausens berühmte barocke Stadtkirche zuhält, kann ihn kaum übersehen. Dagegen kräht nach dem von Staats wegen erschossenem jungen Sanitäter seit Jahren kein Hahn mehr.
Online-Flyer Nr. 857 vom 23.01.2026
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Inland
Oskar Kaufmann, Waltershausen, 1932
Tod durch Polizeikugel
Von Henner Reitmeier
Am 5. Juni 1932 brachte es ein wenig bekanntes thüringisches Städtchen auf die Titelseite des vielgelesenen, in Berlin herausgegebenen Wochenblatts A-I-Z (Arbeiter-Illustrierte-Zeitung, Nr. 23). Auf einem Foto sind ein rücklings am Straßenrand liegender Mann mit verklebtem Kopfhaar und zwei andere Männer zu sehen, die erschüttert neben dem Opfer hocken. Der Begleittext lautet: »Mit Karabiner und Gummiknüppel ging die Polizei in Waltershausen gegen die Erwerbslosen vor, die gegen die Kürzung der Wohlfahrtsunterstützung demonstrierten. Der 30jährige parteilose Arbeiter Oskar Kaufmann wurde von der Polizei erschossen.«

A-I-Z, 1932, Ausgabe 23 (5. Juni 1932)
Das Alter stimmt nicht ganz, aber ansonsten ist an dem Vorfall nicht zu rütteln. Wie sich versteht, ging dieser Oskar Kaufmann nicht in die Lexika ein. Sein buchstäblicher Fall dürfte freilich nicht nur WaltershäuserInnen wie mich berühren. Herausgeber der A-I-Z war übrigens Willi Münzenberg, Kommunist. Er stammte selber, wie das Mordopfer, aus dem Landkreis Gotha. Die damalige Auflage betrug um 500.000. Sie wurde hauptsächlich von mehreren Tausend Erwerbslosen vertrieben. Kaufmann gehörte dem Arbeiter-Samariter-Bund an. Dieser war um 1900 auf Anregung von Sozialdemokraten entstanden. Es ging um Selbsthilfe bei Unglücksfällen und die entsprechende Ausbildung proletarischer Sanitäter.
Am 20. Mai hatte es »Arbeitersamariter« Kaufmann selber unweit des Waltershäuser Marktplatzes erwischt. Außerdem habe es an jenem Freitagabend 19 Verletzte gegeben, darunter die beiden neunjährigen Kinder Heinz Massi und Kurt Anschütz, entnehme ich einem Gedenkartikel von 2012 in Klarsicht, einem Monatsblatt der Gothaer Linkspartei. Einige Demonstranten seien in Gotha im Schnellverfahren wegen Aufruhrs zu niedrigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Von einer Untersuchung der Erschießung ist nirgends die Rede, auch nicht bei Löffler. Nach Klarsicht-Beiträger Karl Leining, Waltershausen, hatte sich die Waltershäuser Zeitung am 23. Mai, dem Tag der Beerdigung Kaufmanns, gegen die Entstellungen und Greuelmärchen überregionaler Blätter verwahrt. Sie stellte klar, die Wohlfahrtsbewegung umfaßte alle Parteien, von der KPD bis zu den Nazis, und hatte keinerlei politische Losungen. Die Gewalt sei allein von der Landespolizei ausgegangen. Laut Wikipedia hatten wir damals (in Weimar) eine »rechtsbürgerliche Minderheitsregierung« unter Erwin Baum. Kreisdirektor beziehungsweise Landrat in Gotha war Louis Leutheusser von der Deutschnationalen Volkspartei. Ob eine »linke« Regierung ebenfalls Polizei nach Waltershausen geschickt hätte, kann ich nicht beurteilen. Auch Kaufmanns Beerdigung wurde dann noch belästigt. Jahrzehnte später, nach der sogenannten »Wende«, sei man unverzüglich auch einer Gedenktafel und der Waltershäuser Oskar-Kaufmann-Straße zu Leibe gerückt, so Leining weiter. Die Tafel hatte sich am Haus Badegasse 9, Ecke Mühlgasse, befunden – dort, wo Oskar Kaufmann 1932 von der todbringenden Kugel getroffen worden war.
Nun heißt die störende Straße bereits seit 35 Jahren Heinrich-Schwerdt-Straße. Sie führt vom Rand der Altstadt Richtung Multicar. Der neue Name stellt in mehrfacher Hinsicht Provokation und Geschmacklosigkeit dar. Die Thüringer Allgemeine nennt Heinrich Schwerdt (1810–88) am 10. März 2023 bereits in der Überschrift eines Gedenkartikels (Bezahlschranke!) einen »überragenden Kirchenmann«. Er war (ab 1872) »Superintendent und Oberpfarrer« in Waltershausen gewesen. Das Internet gibt ihn auch als Pädagogen, Politiker und Schriftsteller aus. 1883 erhob ihn der Gothaer Herzog Ernst II. zum sogenannten Kirchenrath. Wikipedia beschließt seinen Eintrag mit dem Hinweis, 1991 sei in Waltershausen »zu seinen Ehren eine Straße« nach ihm benannt worden. Die Schande für Kaufmann bleibt unerwähnt.
Auch Klarsicht benutzt die Formel, Kaufmann sei »parteiloser Arbeitersamariter« gewesen. Sein Freund und Arbeitskollege in der Thüringer Schlauchweberei Werner Habicht läßt in seinem Gedenkartikel allerdings keinen Zweifel daran: Kaufmann sympathisierte mit Kommunismus und Sowjetunion. Er war außerdem Wander- und Heimatfreund, frönte dem Schachspiel und begeisterte sich sogar für Esperanto. Mit seiner Frau Erna Kornhaß hatte er zwei Kinder. Altersangaben fehlen. Habicht erwähnt aber Kaufmanns Grab mit Findling und Inschriftplatte.
Laut Sigmar Löfflers Stadtgeschichte Band II (S. 181 + Anhang Dokument 51 + 52) war es wie folgt zu dem Mord gekommen. Die auf dem Markt (nämlich vor dem Rathaus) gegen die Kürzungen und Verzögerungen bei der Wohlfahrtsunterstützung protestierenden Massen wurden von der Landespolizei in die anliegenden Gassen abgedrängt, darunter die ansteigende Badegasse. Diese »stand bald leer, nur von oben schallten noch wütende Schimpfworte, und auch Steine kamen herab, so dass die Polizisten sich nicht über die [quer zum Hang verlaufende] Louisenstraße hinweg wagten und aus der sicheren Deckung der Haustüren nach den [Ein-]Mündungen der Nebengassen schossen. Dabei wurde der Arbeitersamariter Oskar Kaufmann, der vorsichtig um die Ecke spähte, um zu sehen, ob er die Badegasse überqueren könne, durch einen Kopfschuss tödlich verwundet. Sobald er gefallen war, hörte hier das Schießen auf …«
Immerhin ist auf dem Waltershäuser Friedhof noch der hellgraue, leicht gekörnte Gedenkstein für Kaufmann zu finden. Danach war er bei seinem Tod erst 26 (geboren 18. Februar 1906). Der junge Arbeiter stammte aus dem nahen Thüringer-Wald-Dorf Brotterode. Zum Gedenkstein berichtet sein Arbeitskollege Werner Habicht: »Ich suchte einen Findling beim Gerberstein am Rennsteig. Der als Langholzfahrer tätige Bruder meines Vaters brachte den Stein nach Waltershausen. Das Grabdenkmal stammt also vom Höhenweg zwischen Oskar Kaufmanns Geburts- und Sterbeort.« Leider gibt die Inschrift keinen Hinweis auf die Klassenherkunft und schon gar keinen auf die Todesumstände Kaufmanns. Es sei denn, man sieht einen Hinweis in dem mächtigen, alten Baum verkörpert, der den Gedenkstein beschattet. Es ist eine Blutbuche.
Der Waltershäuser Karl Leining schreibt 2012: »Das Abnehmen der Gedenktafel [in der Badegasse] wäre vielleicht noch erklärlich gewesen, denn der zweite Teil der Inschrift entsprach nicht den Ereignissen von 1932. Allerdings hätte mit etwas gutem Willen dieser Teil der Tafel auch entfernt werden können. Dass allerdings die Oskar-Kaufmann-Straße trotz zahlreicher Proteste umbenannt wurde, ist nicht zu akzeptieren.«
Wie mir einheimische Gewährsleute berichten, ist die Umbenennung von einer »Großen Koalition« aus Christ- und Sozialdemokraten betrieben worden. Motiv sei weniger gewesen, Schwerdt zu ehren, als vielmehr Kaufmann aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. In der DDR habe man den Gummiarbeiter ungerechtfertigt »heroisiert«, argumentierte die Koalition. Warum gab dann aber Michael Brychcy (CDU), von 1989 bis 2024 Waltershäuser Bürgermeister, seinen Segen zur Neuherausgabe von Löfflers Stadtgeschichte, die Kaufmann eindeutig als Polizeiopfer darstellt? Vermutlich ging es wirklich vordringlich ums Stadtbild. Die Bücher von Löffler lesen ja sowieso nur ein paar GeistesarbeiterInnen und Heimatfreunde. Kaufmanns Fürsprecher erlauben sich auch den Hinweis, niemand habe bislang verlangt, die Ernst-Thälmann-Straße aus dem Stadtbild zu tilgen. Das war eben ein ferner Kommunistenführer, den Waltershausen nie zu Gesicht bekam. Kaufmann dagegen sei einheimisches, womöglich vorbildliches Gewächs gewesen. Bei den Unruhen am Marktplatz ging er seiner Verpflichtung als Sanitäter nach.
Die Gewährsleute versichern mir auch, die AnwohnerInnen der Oskar-Kaufmann-Straße seien nie um ihre Meinung befragt worden. Sie seien mehrheitlich gegen eine Umbenennung gewesen. Damals gab es etliche unpersonell benannte Straßen in Neubaugebieten, die man dem Kirchenrath hätte verehren können. Man wünschte jedoch den Dorn am Rand der Altstadt zu brechen, der nur den Namen eines einfachen Arbeiters trug. Jetzt thront der Kirchenrath dort. Wer vom Bahnhof aus auf Waltershausens berühmte barocke Stadtkirche zuhält, kann ihn kaum übersehen. Dagegen kräht nach dem von Staats wegen erschossenem jungen Sanitäter seit Jahren kein Hahn mehr.
Online-Flyer Nr. 857 vom 23.01.2026
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